Erst aus der Vogelperspektive wird deutlich, wie viel Baumasse nötig ist, um der Stadt und der Region große Kunst anbieten zu können: Blick auf die Staatstheater Stuttgart. Foto: dpa - dpa

Die Höhe der Kosten für die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses erschreckt viele. Doch ein weiteres Abwarten wird sie nicht mindern.

StuttgartDie strittige und noch völlig unentschiedene Frage der Sanierung des Opernhauses ist das große kulturpolitische Thema in Stuttgart für das kommende Jahr. Immerhin: Nach rund 20 Jahren der Unentschiedenheit werden wir in zwölf Monaten in jedem Fall, so oder so, schlauer sein. Denn egal, ob es Ende März 2020 zu dem von Oberbürgermeister Fritz Kuhn gewünschten Grundsatzbeschluss des Gemeinderates über die Sanierung des Opernhauses kommt und damit weitere Planungsschritte möglich sind oder ob eine Mehrheit im Rathaus oder im Landtag beschließt, das Sanierungskonzept in der vorliegenden Form nicht zu unterstützen und alternative Planungen abwarten zu wollen: Der Weg ist dann klar. Entweder haben sich Stadt und Land für Bestand und Zukunft der Stuttgarter Staatstheater auf Basis der heute bekannten und über Jahrzehnte erfolgreichen Form entschieden. Oder sie wollen etwas anderes. Was auch immer.

Man kann gegen eine Kultur-Investition, die die öffentlichen Haushalte über 15 Jahre verteilt eine Gesamtsumme zwischen 750 und 950 Millionen Euro kosten soll, zahlreiche Einwände vorbringen. Zwei vielfach gehörte beruhen aber auf Behauptungen, die tief ins Selbstverständnis der Landeshauptstadt dringen und deswegen eigentlich schnellstens ausgeräumt werden müssen. Die erste Behauptung lautet, eine solch hohe Summe an öffentlichen Mitteln sei nicht zu rechtfertigen für eine Kultureinrichtung, die nur den „happy few“ der Gesellschaft, also einer glücklichen Oberschicht zugute käme. Die Frage einer Theatersanierung wird so zum Teil eines materiellen Verteilungskampfes zwischen „denen da oben“ und der normalen Basis.

Falsches gesellschaftliches Bild

Man ahnt, dass ein solches Bild sich kaum aus Daten oder Publikumsumfragen speist als aus der grundsätzlichen und oft ideologischen Trennung von Hoch- und Breitenkultur. Nun kann man nicht abstreiten, dass gewisse Promi-Aufmärsche bei Opern-Events in Salzburg, Bayreuth oder New York solche Bilder lustvoll am Leben erhalten. Mit der Wirklichkeit an deutschen Stadt- und Staatstheatern, auch denen in Stuttgart, hat all das aber nichts zu tun. Zugegeben, es hat einmal Intendanten gegeben, denen die Öffnung ihrer Häuser für eine große Bürgergesellschaft ein Gräuel war, nämlich Verrat an der Alleinherrschaft der Kunst. Aber das ist Geschichte. Heute erlebt man überall Theaterchefs, die ihre Kunst untrennbar mit Fragen der Vermittlung, der Präsenz in der Stadt und der kulturellen Bildung verknüpfen. Und das Leitungsquartett in Stuttgart (plus Generalmusikdirektor) ist dafür ein Musterbeispiel.

Die zweite Behauptung verweist auf die notorische Unbestimmbarkeit der Zukunft: Warum sollten Stadt und Land so viel Geld investieren für eine Theaterform, nämlich die Oper, die in 15 oder 20 Jahren von den heute jungen, dann älteren Menschen vielleicht gar nicht mehr gewünscht und nachgefragt wird? Weist ein heute schon angeblich überaltertes Publikum in Opernvorstellungen und im Konzertsaal – auch dies eine Aussage, die differenzierterer Betrachtung keineswegs immer standhält – nicht darauf hin, dass diese Kulturereignisse absterben und in einem sanierten Stuttgarter Opernhaus allenfalls Museumscharakter bekämen?

Ach, welch langen Bart diese Debatte hat! Im Grunde ist die Prophezeiung vom bevorstehenden Ende des deutschen Stadt- und Staatstheaters mindestens 100 Jahre alt. Es gab eigentlich immer gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Umwälzungen, die den Beobachtern zwingend nahelegten, der ganz gewöhnliche Besuch einer Opernvorstellung oder eines Konzertes gehöre bald tiefster Vergangenheit an. Heute ist es der zusehends digitalisierte Alltag, der alle Künste auf den Kopf stellt.

Man kann die Geschichte des Theaters – auch des Musiktheaters – ebenso andersherum lesen: als eine beständige und letztendlich erfolgreiche Auseinandersetzung mit immer neuen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Brüchen. Um wie viele künstlerische Interventionen, Debatten, Impulse aus den Theatern wäre die Gesellschaft gebracht worden, wenn aus den dunklen Prophezeiungen der Theater-Untergangspropheten tatsächlich kulturpolitische Schlüsse gezogen worden wären? Und um wie viel Erfahrungen, Impulse und Gespräche hätte man über all die Jahrzehnte die summa summarum riesige Zahl an Zuschauern gebracht?

Jungen Menschen, womöglich noch aus Familien, die Soziologen gern als „bildungsfern“ oder „hochkulturell ungeübt“ beschreiben, mitzuteilen, dass man aus lauter Rücksicht auf ihre bis in alle Ewigkeit bildungs- und kulturfernen Neigungen auf die weitere Pflege eines klassischen Opernhauses verzichten will: Darin steckt auch etwas Anmaßendes. Es ist im Grunde gerade jene Haltung klassischer alter Hochkultur-Vertreter, deren Traditionslinie man angeblich brechen will, um Platz für das ganz Andere zu schaffen. Und das Andere ist im Zweifel ein Nichts.

Ballett wird in Debatte missachtet

Was uns nach zwei Behauptungen zu einem dritten schweren Missstand in der aktuellen Sanierungsdebatte führt. Es wird in Stuttgart gerade so häufig von „Opernsanierung“ und „Opernzukunft“ geredet, dass völlig aus dem Blick gerät, wie es doch zugleich auch um die Zukunft einer zweiten Sparte des Staatstheaters geht: den Tanz. Bei den Vorstellungen des Stuttgarter Balletts übersteigt die Nachfrage fast immer das Angebot an Eintrittskarten. Und wer es in eine Vorstellung schafft, erlebt dort ein vom Alter her vorbildlich gemischtes Publikum, von sehr jung an aufwärts.

Hinter der Debatten-Missachtung des Tanzes steckt ein Problem, das 2001 begonnen hat. Damals beschloss der Theater-Verwaltungsrat auf Initiative der damaligen Intendanten, das ehedem Kleine Haus künftig Schauspielhaus, das Große Haus Opernhaus zu nennen. Mag sein, dass die Schauspielsparte dadurch stärker gewürdigt wurde. Aber die Neu­benennung verkleinert und verzerrt heute die Sanierungsdebatte zur Operndebatte. Im Grunde müsste man die Aktion von damals im großen Stil rückgängig machen – und den ganzen Stuttgarter Theaterbau-Komplex am Eckensee zum Großen Haus erklären.

Es ist das Große Haus der Stadt, das Große Haus der Bürgergesellschaft – sicher nicht das einzige, aber auch in Zukunft ein kulturelles Energiezentrum, ein Herz für die ganze Stadtkultur. Sagenhafte vier Mal hintereinander hat das Hamburger Institut für Weltwirtschaft Stuttgart zur deutschen Kulturhauptstadt erklärt – nicht allein wegen der Quantität des Angebots, die zweifellos in Berlin oder München noch größer ist, sondern aufgrund der enormen Nachfrage nach Kultur, also der Verankerung in der Bürgerschaft. Was bedeutet das für die Debatte zur Opernsanierung? Wie werden sich Parteien, Bürger, Unternehmer positionieren? In zwölf Monaten wissen wir es. So oder so.

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