Die Bunker der Stadt sind Mahnmale. Unser Kolumnist Peter Stolterfoht fragt sich: Ist das jetzt noch die richtige Funktion?
Vermutlich erinnert sich in Stuttgart kaum noch jemand an den mit viel Tamtam ausgerufenen bundesweiten Warntag. Obwohl doch der Plan vorsah, dass am 10. September 2020 um 11 Uhr ein unvergesslich lautes Sirenengeheul die ganze Stadt probehalber in den Alarmzustand versetzt. Wer damals allerdings nicht zufällig durch die Innenstadt spazierte, hörte rein gar nichts. Die einzigen an diesem Tag aktiven drei mobilen Sirenen rund um den Schlossplatz entpuppten sich auch noch als sehr schwach auf der Brust. Nur wenige Meter entfernt wurden sie schon vom Baustellenlärm übertönt. Perfekt machte den Reinfall danach die Feststellung, dass es in Stuttgart offenbar keine funktionstüchtigen stationären Sirenen mehr gibt und auch die zuvor beworbene Alarm-App Nina nur teilweise funktionierte. Nina warnte nicht, sondern entwarnte lediglich. Vielen Dank dafür!
Der Alarmtag war aber nicht nur in Stuttgart eine blamable Veranstaltung, weshalb die zweite Auflage 2021 vorsichtshalber abgesagt wurde. Die sollte nun aber unbedingt in diesem Jahr stattfinden. Denn der russische Einmarsch in der Ukraine zeigt in aller überraschenden Deutlichkeit, dass Europa ganz schnell zum Kriegsgebiet werden kann und dass eine Auseinandersetzung dort nicht zwingend eine atomare sein muss, bei der dann vermutlich eh alles verloren wäre.
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Auf die Gefahr eines Krieges, in den auch Deutschland als Nato-Mitglied hineingezogen werden könnte, reagiert die Bundesregierung, indem sie 100 Milliarden Euro für die Instandsetzung der maroden Bundeswehr zur Verfügung stellen will. Es wäre in diesem Zusammenhang aber auch keine schlechte Idee, von diesem Geld etwas abzuzwacken und in den Zivilschutz zu stecken. Dass dieser quasi außer Betrieb ist, bewies der fehlgeschlagene Alarmtag überdeutlich.
Ein Blick auf Stuttgart. Im Stadtgebiet gibt es noch Bunkeranlagen, von denen die meisten im Zweiten Weltkrieg bei Luftangriffen für die Allgemeinheit zugänglich waren. Seitdem dienen sie als museale Mahnmale gegen den Krieg. Oder haben eine andere Funktion – etwa als Litfaßsäule, wie der Hochbunker auf dem Pragsattel. Im Eiernest wiederum wurde ein solches Schutzgebäude zuletzt ein Künstleratelier.
Neben Hoch- und Tiefbunkern entstanden im Kalten Krieg in Stuttgart weitere zwölf sogenannte Mehrzweckanlagen, wie der Verein Schutzbauten auf seiner Internetseite auflistet. Es handelt sich meist um Tiefgaragen, die entsprechend gesichert sind. Seit 2016 sind diese in den 1950er Jahren entstandenen Bauten allerdings allesamt entwidmet worden, was bedeutet, dass der Eigentürmer damit mittlerweile machen kann, was er will.
Bereits 1994 wurde das Stuttgarter Amt für Zivilschutz aufgelöst – ebenso eine Maßnahmen aus der festen Überzeugung heraus, dass es nie wieder zu einem Krieg in Europa kommen wird. Diese Sicherheit ist verloren gegangen. Eine Sicherheit, die in der Schweiz nie verspürt wurde: Dort ist und bleibt jeder Hauseigentümer per Gesetz verpflichtet, entsprechende Schutzräume zu erstellen und zu unterhalten.