Im Landkreis Ludwigsburg kam es zuletzt zu mehreren Kraftstoffdiebstählen. Steigen die Fallzahlen tatsächlich? Und: Spielt der Ukraine-Krieg dabei eine große Rolle?
Es ist nur ein knapper Satz. „Dass jemand tankt und vorsätzlich nicht bezahlt, das passiert recht selten“, sagt Jürgen Dreizehntner von der Ludwigsburger Hoffmann-Tankstelle. „Unsere Kunden sind durchweg ehrlich“, so formuliert man es bei der Kornwestheimer HEM-Tankstelle. Wird angesichts explodierender Spritpreise an den Zapfsäulen also nicht häufiger Benzin oder Diesel geklaut? Glaubt man den Zapfsäulenbetreibern, gibt es seit dem Kriegsbeginn als Auslöser der Kostenspirale derzeit nicht mehr Fälle – oder gar überhaupt keine. Dass vorsätzlicher Tankbetrug eine Ausnahme darstellt, mag stimmen. Das bestätigt auch die Polizei. Die Verbrechen in Sachen Kraftstoff finden aber anderswo durchaus statt.
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So ließen im Kreis Ludwigsburg zuletzt mehrere Meldungen ähnlichen Inhalts aufhorchen. In Pleidelsheim hatten Kriminelle an der Baustelle beim P+M-Parkplatz vor der Autobahnauffahrt zugeschlagen. Sie erbeuteten aus zwei Maschinen und einer mobilen Tankstelle Hunderte Liter Diesel. In Ottmarsheim machten sich Langfinger an einem Lastwagen zu schaffen, der auf einem Parkplatz abgestellt war. Sie zapften das Benzin ab. Auch in Kirchberg wurde bei der Baustelle am Radweg an der Geisterhöhle aus gleich drei Maschinen Diesel entwendet.
Diesel-Klau: „ein Thema, über das man nicht so gerne spricht“
Andrea Marongiu kennt das Problem. „Und es würde mich wundern, wenn die Zahlen hier nicht in die Höhe gehen würden“, sagt der Geschäftsführer des Verbandes der Spedition und Logistik (VSL). Marongiu, der aus Kornwestheim kommt, vermutet, dass die Dunkelziffer beim Diebstahl direkt aus dem Lkw-Tank deutlich höher liegt. „Es ist ein Thema, über das man nicht so gerne spricht“, sagt er. Die Diebe können je nach Lkw richtig fette Beute machen. Ist ein Laster nämlich für den Warentransport innerhalb Deutschlands vorgesehen, fasst sein Tank schon zwischen 400 und 500 Liter Diesel. Bei Trucks für den Fernverkehr ist es dann ungefähr das Doppelte. Das reicht für eine ordentliche Strecke, so dass bestimmte internationale Lkw-Flotten erst gar nicht im teuren Deutschland auftanken müssen. Sie durchqueren die Bundesrepublik und füllen in den Nachbarländern nach, wo der Sprit billiger ist.
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Pause machen die Trucker aber sehr wohl auf hiesigen Rastplätzen. „Und da kann es wirklich vorkommen, dass vorne der Fahrer schläft und sich weiter hinten die Diebe ans Werk machen“, sagt Andrea Marongiu. Falls sie solch hinterhältige Machenschaften bemerken, sollten die Fahrer Ruhe bewahren und die Polizei rufen. „Auf keinen Fall das eigene Leben riskieren“, sagt der VSL-Geschäftsführer. Andere Ratschläge seien schwierig. „So ein Sattelzug ist ja kein Fahrrad, das man mal eben in die Garage stellt“, sagt Marongiu, der weiter hinzufügt: „Auch die Betreiber von Baustellenfahrzeugen klagen darüber.“
Polizei registrierte keine Anstieg seit Kriegsbeginn
Allerdings: Statistisch gesehen gibt es auch in diesem Segment keine Auffälligkeiten, wie Pressesprecherin Yvonne Schächtele vom Polizeipräsidium Ludwigsburg hervorhebt. Es werde laut ihrer Kenntnis nicht mehr und nicht weniger Sprit von Baustellenfahrzeugen oder abgestellten Lastwagen abgezapft als vor der Ukraine-Krise samt Preisanstieg für fossilen Brennstoff. Sie widerspricht damit Andrea Marongiu, der zumindest für die Zukunft viele weitere Meldungen solcher Fälle erwartet.
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Was dabei neben dem geklauten Treibstoff am ärgerlichsten sei: Die Diebe verursachen teils hohe Schäden an den Fahrzeugen, die sie auserkoren haben. „Und da kann man auch mit Sicherheitsvorrichtungen kaum entgegenwirken“, sagt Andrea Marongiu. Ein Beispiel aus dem Landkreis: der Besitzer des Lastwagens in Ottmarsheim, der zur Zielscheibe von Benzindieben wurde. Der Wert des gestohlenen Kraftstoffs belief sich nach Polizeiangaben vermutlich bloß auf mehrere Hundert Euro. Am Laster selbst entstand unterdessen aber ein Schaden im vierstelligen Bereich.