Sportler des Jahres: Darja Varfolomeev, Elisa Mevius, Oliver Zeidler, Svenja Brunckhorst, Sonja Greinacher und Marie Reichert (v.li.). Foto: IMAGO/Eibner/IMAGO/Eibner-Pressefoto/Memmler

In Baden-Baden feiert der deutsche Sport ein harmonisches Fest, diskutiert im Anschluss aber auch über Fehler in der Förderung und die Zukunft von Sportarten.

Darja Varfolomeev versuchte sich in ihrem champagnerfarbenen Paillettenkleid an der Dartscheibe. Die 3x3-Basketballerinnen erfüllten jeden Selfiewunsch und experimentierten gemeinsam mit ihrem Trainer Samir Suliman mit den Nebenwirkungen diverser Freigetränke. Und als es auf 2 Uhr zuging, wippte Oliver Zeidler zu ausgewählten Discoklängen von DJ Boulevard Bou durchs Schwarzlicht. Die Stars des Abends bei der alljährlichen Sportler-des-Jahres-Gala im Kurhaus von Baden Baden feierten unterschiedlich, aber alle gaben sich locker, entspannt und befreit.

78. Auflage der Gala

Davor waren den Meistern des Spitzensports die Herzen zugeflogen, denn alle im prunkvollen Bénazetsaal waren sich einig: Bei der 78. Auflage fiel die Wahl auf genau die Richtigen. Alle hatten ein grandioses Sportjahr 2024 hinter sich, alle hatten bei den Olympischen Spielen in Paris überragende Triumphe gefeiert. Ruderer Zeidler machte in Frankreich sein Tokio-Fiasko vergessen und kämpfte sich auf beeindruckende Weise zu Gold. Sein Vater und Trainer Heino übergab ihm nach rührenden Worten und einer innigen Umarmung auf der Bühne den Preis.

„Enorme Wertschätzung“

Worte wie „einfach crazy“ oder „ich bin super geflasht“ machten auch bei den anderen Geehrten fast schon inflationär die Runde. Schließlich hatte sich Darja Varfolomeev aus Fellbach-Schmiden in Paris zur ersten deutschen Olympiasiegerin in der Rhythmischen Sportgymnastik überhaupt gekürt, das Basketball-Quartett mit Svenja Brunckhorst, Sonja Greinacher, Marie Reichert und Elisa Mevius war in der französischen Hauptstadt völlig unverhofft auf den Gold-Thron gestürmt. „Dass vor drei Jahren uns und unsere Sportart noch überhaupt keiner kannte und wir jetzt vor einem Fußball-Ausnahmeteam wie Bayer Leverkusen landen – das drückt schon eine enorme Wertschätzung aus“, sagte ihr Coach Suliman, der vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) die Auszeichnung zum Trainer des Jahres erhielt.

Die 3x3-Basketballerinnen machten bei der Wahl aus „Doublekusen“ doch wieder „Vizekusen“. Was die allermeisten beim nächtlichen Plausch in den Gängen und Sälen als ziemlich wohltuend empfanden. Zumal Bayer nur mit Sport-Geschäftsführer Simon Rolfes und Mittelfeldmann Jonas Hofmann zum adventlichen Fest der Sportelite aufgekreuzt war. Die Fußballer wieder! Da war er erneut – dieser Seufzer, der zur alljährlichen Gala wie der Bindestrich zwischen Baden und Baden gehört, weil die kickenden Millionäre eben so viel verdienen und so selten erscheinen.

Gospelchor beeindruckt

Den Zauber der Wahlparty prägten andere. Neben den Siegern auch die zweitplatzierte Kugelstoß-Olympiasiegerin Yemisi Ogunleye, die mit ihrem 30-köpfigen Gospelchor aus Karlsruhe gar nicht mehr von der Bühne wollte und für Begeisterungsstürme sorgte. Oder die ehemalige Turnerin Kim Bui, die den Preis für das Vorbild des Jahres erhielt. Die gebürtige Tübingerin engagiert sich für die Aufklärung über Essstörungen und wurde im Sommer in die Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt.

Sie und die Geehrten setzten dem Festakt die vorweihnachtlichen Glanzlichter auf, konnten und wollten den ernsten sportpolitischen Themen aber doch nicht entfliehen. „Wir haben aktuell nur einen Bundesstützpunkt in Hannover“, sagte Svenja Brunckhorst über die Situation des 3x3-Basketballs in Deutschland und setzte zu einer Art Abrechnung im Abendkleid an: „Wir haben kaum eine Basis, wo wir zusammen trainieren. Für ein Land, das gerade den Olympiasieg geholt hat, ist das definitiv zu wenig.“ Auch Darja Varfolomeev hofft, ihrer Sportart durch ihren Olympiasieg Rückenwind zu verleihen. Die 18-Jährige reist durch Europa und um die Welt, um jungen Talenten die Rhythmische Sportgymnastik näher zu bringen. In Deutschland aber sei das Interesse noch ausbaufähig, so ihre dezente Botschaft.

Zeidler legt Finger in die Wunde

Am Deutlichsten legte Oliver Zeidler den Finger in die Wunde. „Es ist eine frustrierende und beinahe peinliche Situation, wenn man bei eigentlich jeder internationalen Regatta gegen ausländische Topathleten antritt, die Vollprofis sind, während man selbst parallel noch einer Berufstätigkeit nachgehen muss, um über die Runden zu kommen“, sagte der 28-Jährige mit Bezug auf seine Sportart. Er blickte aber auch über den Tellerrand hinaus: „Wir befinden uns immer noch in einer Krise. Der Medaillenspiegel sieht nicht rosig für uns aus“, mahnte der frühere Schwimmer. Die bei Olympia erfolgreichen Sportler seien erfolgreich gewesen in einem Fördersystem, „das eigentlich nicht für Spitzenleistungen ausgelegt ist“. Er hoffe, dass sich mit einer neuen Bundesregierung etwas ändere. Denn im Kampf um eine bessere finanzielle Unterstützung der Athleten fordert er einen Abbau der Bürokratie: „Viele zu viele Gelder fließen in den Verwaltungsapparat und nicht an die Sportler. Das ist dämlich.“