Nicht nur die Maultaschen nährten die Gäste in der Vesperkirche. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Genau 14 444,50 Euro haben mehr als hundert Gäste des 17. „Tischlein deck dich“ Benefiz-Dinners in der Stuttgarter Vesperkirche gespendet. Damit kann der Tisch hier für alle Menschen in prekären Verhältnissen auch weiter ausreichend gedeckt bleiben.

Sie sind Bankangestellte, Unternehmer, Geschäftsleute, Kreative. Menschen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Auf sie kann sich Nilgün Tasman verlassen, weil sie nicht Augen, Herzen und schon gar nicht die Brieftaschen vor denen verschließen, die im Schatten leben. Denn Nilgün Tasman hat vor 17 Jahren mit ihrem Mann Hans Ulrich Scholpp die Aktion „Tischlein deck dich“ ins Leben gerufen. Mit einem Benefizdinner. Nichts Pompöses, Maultaschen mit Kartoffelsalat und jetzt sogar mit Panna cotta zum Nachtisch. Für 35 Euro. Alles gespendet. (Maultaschen-Rikscha und Rath Catering). Und genau an dem Ort, wo dieses Gericht auch manchmal den bis zu 800 Gästen, davon acht Prozent ohne Obdach, serviert wird, die hier wieder täglich ein warmes Mittagessen bekommen. Und noch viel mehr. Für einen Euro oder umsonst. Denn es ist genug für alle da. Sieben Wochen lang in der Vesperkirche, seit 30 Jahren. Dazu hat „Tischlein deck dich“ in 17 Jahren mehr als 220 000 Euro Spenden beigesteuert.

Nilgün Tasman ist froh über das Netzwerk der Hilfe

„60 000 Menschen in Stuttgart leben von der Grundsicherung, Armut trifft immer mehr ältere Menschen und leider auch viele Kinder“, beschrieb Diakonie-Pfarrerin Gabriele Ehrmann, warum die Vesperkirche so dringend gebraucht wird. Allein im letzten Jahr seien 35 000 Essen für 200 000 Euro ausgegeben worden. Die Kosten betrügen insgesamt eine halbe Million Euro, 350 000 Euro habe sie zur Verfügung. „Darum braucht es Menschen, die helfen“, folgerte Ehrmann. Menschen wie Nilgün Tasman, die von Gabriele Ehrmann als „taffe, couragierte Frau“ gewürdigt und sogar mit der amerikanischen Bischöfin Mariann Edgar Budde verglichen wurde, die an US-Präsident Donald Trump appellierte, barmherzig gegenüber den Benachteiligten zu sein. Dass nicht nur die Bischöfin eine üble Reaktion erleben musste, konnte Nilgün Tasman aus eigener Erfahrung bestätigen: Ein reicher Mann habe sie hier an diesem Ort einmal gefragt, was er hier solle, und dann behauptet, wenn diese Menschen arbeiten würden, müsse sie hier nicht „diesen Mist machen“. Umso dankbarer, sagt Tasman, sei sie für die treuen Gäste und das Netzwerk der Hilfe: „Ich weiß, wie schwer es ist, wenn man ausgegrenzt wird“, sagte die Schriftstellerin, Regisseurin und Filmemacherin, die in Istanbul geboren und als Gastarbeiterkind in Göppingen aufgewachsen ist.

Die Vesperkirche als trostreicher Ort für alle

Kindern gilt das zweite soziale Engagement von Nilgün Tasman. Dafür hat sie mit Freunden und Gleichgesinnten den Verein Käpsele gegründet, der Jungen und Mädchen aus benachteiligten Familien bessere Zukunftschancen ermöglichen will. Mit Ausstattungen für die Schule, Einrichtungen fürs Kinderzimmer, aber auch mit Erlebnissen und kreativen Anregungen wie mit Theaterpädagogen im Theaterhaus. „Wir betreuen derzeit 467 minderjährige Kinder“, berichtete die Vereinsvorsitzende. „Denn jedes Kind ist ein Käpsele, wenn man es fördert“, davon ist Tasman überzeugt.

„Oh happy day“ sang Vesperkirchen-Chor „rahmenlos und frei“ als Auftakt einer Tafelmusik vom Feinsten: Mit Mutter und Tochter Heidi und Charlotte Obertreis an Geige und Cello, der Schwester und Tante Jutta Fauser am Klavier und als Höhepunkt dem Tenor Joseph Tancredi und dem Pianisten Michael Pandya , beide von der Staatsoper und stürmisch bejubelt. Von dem Lehár-Lied „Dein ist mein ganzes Herz“ oder der Zueignung „Hab Dank“ von Richard Strauss spendenfreudig eingestimmt, füllten die Gäste den Tischlein-deck-dich-Topf von Nilgün Tasman so reichlich, dass 14 444,50 Euro 25 alten Menschen einen stadtnahen „Urlaub ohne Koffer“ ermöglichen. Wieder war die Vesperkirche der trostreiche Ort für alle, die sich die Hoffnung auf Empathie für benachteiligte Menschen nicht nehmen lassen wollen.