Holocaustüberlebender Sally Perel Quelle: Unbekannt

Sally Perel hat den Holocaust überlebt und sich dafür sogar als Hitlerjunge ausgegeben. In Esslingen hat der 94-jährige Jude jetzt Schülern seine Geschichte erzählt.

EsslingenEs gibt Biografien, die klingen so unglaublich, dass man seinen Ohren kaum trauen mag. Eine dieser unerhörten Lebensgeschichten erzählt Sally Perel – und er wird auch mit seinen 94 Jahren nicht müde, sie weiterzugeben. Perel hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, von den Verbrechen des Nationalsozialismus zu berichten und die Wachsamkeit vor allem der jungen Generation zu wecken. Sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit umgebracht, fast 60 Millionen Tote forderte der von Hitler angezettelte Zweite Weltkrieg. „Ich bin nicht gekommen, um Schuldgefühle zu wecken, sondern um mit der Wahrheit den Verstand erleuchten“, versicherte er den Schülerinnen und Schülern des Esslinger Schelztor-Gymnasiums, denen er seine Geschichte nun erzählte. Und wer erlebt hat, wie mucksmäuschenstill es fast zwei Stunden lang in der Aula der Schule war, hat gespürt, dass seine Worte ihre Wirkung nicht verfehlten.

Viele kennen die Geschichte von Sally Perel. Nachzulesen ist sie in seiner Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“, die die Regisseurin Agnieszka Holland später verfilmt hat. „Ich war acht Jahre alt und dachte an ganz andere Dinge, als Hitler 1933 an die Macht kam“, erinnert er sich. Doch die brutale Realität sollte ihn bald einholen: 1935 regelten die Nazis die systematische Judenvernichtung per Gesetz, Sally Perels Familie versuchte, sich im polnischen Lodz in Sicherheit zu bringen. Nach dem Einmarsch der Nazis in Polen war diese Hoffnung dahin. Während seine Familie ins Ghetto gesteckt wurde, sollte sich der Junge im sowjetisch besetzten Teil Polens in Sicherheit bringen. „Du sollst leben!“, gab ihm seine Mutter mit auf den Weg. „Dieser Satz hat mich immer begleitet“, erinnert er sich. Beim Einmarsch der Hitler-Armee in Russland wurde Sally aufgegriffen: Ob seiner Sprachkenntnisse hielt man ihn für einen Volksdeutschen und nannte ihn „Jupp“. Er blieb als Dolmetscher, bis die Wehrmachtseinheit den Rückzug antreten musste. Dann wurde er an eine nationalsozialistische Eliteschule in Braunschweig geschickt. In all der Zeit gelang es ihm, seine jüdische Identität zu verstecken und so zu überleben.

Sally Perel weiß, wie verführerisch die NS-Ideologie sein konnte: „Wir haben die Hakenkreuze auf unseren Uniformen verinnerlicht. Wenn man jahrelang in einer Klasse sitzt, wo ständig dieses Gift eingetropft wird, verändert einen das. Der Zeitgeist fing an, auch mich zu überzeugen.“ Noch heute spürt er: „Der Hitlerjunge, der ich damals sein musste, um zu überleben, ist noch immer sehr lebendig in mir vorhanden.“ Dass die Nazis den Idealismus gerade junger Menschen zynisch missbraucht haben, schmerzt ihn: „Ich war damals Jude und Nazi zusammen in einem Körper. Diese Zerrissenheit spüre ich noch immer.“ Genau wie die Angst vor dem Entdecktwerden: „Jeden Abend ging ich in der Hoffnung zu Bett, am nächsten Tag nicht entdeckt zu werden.“

Dass er als „Jupp“ die NS-Zeit überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Seither wird er nicht müde, seine Geschichte zu erzählen. Und er verspricht: „Ich werde weitermachen, solange meine Schuhe mich tragen.“ Sally Perel ist einer der letzten Holocaust-Überlebenden, vielleicht sogar der letzte, der unermüdlich in Schulen unterwegs ist. Am Freitag war er auf Vermittlung der Friedrich-Naumann-Stiftung in Esslingen erst in der John-F.-Kennedy-Schule und dann im Schelztor-Gymnasium zu Gast.

Wo er auch hinkommt, hinterlässt der 94-Jährige tiefen Eindruck. „Zeitzeugen sind die besten Geschichtslehrer, weil sie lebendige Geschichte vermitteln“, findet Perel. Das kann Jörg Leihenseder, der Schulleiter des Schelztor-Gymnasiums, nur bestätigen: „Solche Gespräche sind eine große Bereicherung, weil sie authentische und emotionale Eindrücke vermitteln.“

Zwei Stunden lang erzählte Sally Perel, und viele hätten ihm noch ewig zuhören können. Was er schildert, ist berührend, klingt trotz all der Schrecken jener Zeit nie verbittert, und es berührt zutiefst, wenn er erklärt, was ihn antreibt: „Ich höre bis heute die Schreie der 1,5 Millionen Kinder, die damals umgebracht wurden.“ Sie sind für ihn Verpflichtung, nie müde zu werden, wenn es gilt, vor ähnlichen Entwicklungen zu warnen. Vieles, was er heute wieder zu hören bekommt, erinnert Sally Perel fatal an die Zeit der Weimarer Republik – und an die Fehler, die damals gemacht wurden und die den Nationalsozialisten den Weg geebnet hatten. Er verschweigt nicht seine Fassungslosigkeit, wenn er sieht, dass damals ganz normale Menschen nicht nur tatenlos zugesehen haben, sondern oft sogar zu Helfern und Helfershelfern wurden: „Wo blieb in der NS-Zeit die über 2000 Jahre gewachsene christliche Nächstenliebe? Sie muss sich in der Stunde der Not bewähren, sonst bleibt sie ein leeres Wort.“

Umso mehr trifft es den Holocaust-Überlebenden, wenn er mit ansehen muss, wie sich rechtes Gedankengut und Populismus wieder Bahn bricht. Dagegen will er ankämpfen, weil er überzeugt ist, dass wir aus der Geschichte nicht nur lernen können, sondern müssen: „Wer die Wahrheit nicht kennt, ist ein Dummkopf. Wer die Wahrheit kennt und sie trotzdem leugnet, ist ein Verbrecher. Auschwitz kann man nicht so einfach vom Mantel abschütteln, weil das viel zu tief im Gewebe sitzt.“ Die junge Generation von heute mag Sally Perel nicht verantwortlich machen für die Verbrecher der NS-Zeit. Aber er nimmt den heutigen Nachwuchs in die Pflicht, dafür zu sorgen, dass es nie wieder so weit kommen kann: „Überliefert das, was Ihr heute gehört habt, Euren Kindern und Kindeskindern. Diese Wahrheit darf nicht vergessen werden.“

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