Die SPD will eine barrierefreie und moderne Bücherei im Bebenhäuser Pfleghof. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Die Debatte um die Esslinger Bücherei nimmt Fahrt auf. Jetzt hat die SPD-Gemeinderatsfraktion die Argumente der Neubau-Befürworter von CDU, Grünen und FDP heftig kritisiert.

EsslingenAuf der Zielgeraden vor dem Bürgerentscheid zum künftigen Standort der Esslinger Stadtbücherei verschärft sich die Debatte: Die SPD will eine Modernisierung und Erweiterung des bisherigen Bücherei-Standorts im Bebenhäuser Pfleghof, weil sie überzeugt ist, dass die Bibliothek dort die besten Voraussetzungen für die Zukunft findet. Die Argumente der Befürworter eines Neubaus an der Küferstraße gegen den Pfleghof werden von der SPD harsch kritisiert. „Störende, unliebsame Fakten werden von CDU, Grünen und FDP weggelassen“, moniert der kulturpolitische Sprecher der SPD-Ratsfraktion, Richard Kramartschik. Er sieht „eine Irreführung der Öffentlichkeit“ vor dem Bürgerentscheid.

SPD-Fraktions-Chef Andreas Koch begrüßt die intensive Bücherei-Debatte: „Das ist gut so, aber nur, solange diese Argumente nicht von vornherein falsch sind.“ Doch genau das kreidet er den Neubau-Befürwortern an. FDP-Stadtrat Ulrich Fehrlen hatte in einem Pressegespräch erklärt, ein Verbleib der Bücherei am aktuellen Standort sei „pure Nostalgie und Romantik“. Das empfindet Koch als „ziemlich grobes Foul“. Die Pfleghof-Befürworter seien keine Ewiggestrigen, sondern „nach vorn denkende Leute, die freilich eine gemeinsame Grundüberzeugung haben: dass in Esslingen Zukunft dann am besten gelingt, wenn sie die Vergangenheit mit einbezieht“.

Wenn man Altes als verstaubt und nur komplett Neues als modern empfinde, sei das für eine Stadt wie Esslingen eine fatale Devise, die durch Slogans wie „Neues Leben in die Altstadt“ transportiert werde. Dazu Koch: „Als ob die Bücherei nicht bereits jetzt die Altstadt lebendig halten und ein erweiterter sowie modernisierter Pfleghof dies nicht noch mehr als bisher schon tun würde.“ Für ihn ist es klar, dass Flair und Charme bei der Standort-Entscheidung eine wichtige Rolle spielen – immerhin wolle man mit der Bücherei einen „dritten Ort“ der Identifikation schaffen. Viele Bürger hätten signalisiert, dass sie „ein modernes Esslingen wollen, aber eines, das seine einzigartige Vergangenheit mit Leben füllt und nicht negiert“.

Die SPD und die Barrierefreiheit

Koch empfindet es als „ungutes Spiel mit der Angst“, wenn die Neubau-Befürworter erklären, echte Barrierefreiheit sei nur in einem Neubau möglich. Dabei müsse Barrierefreiheit für öffentliche Gebäude heute selbstverständlich sein. Deshalb habe die Verwaltung dieses Thema auch nicht als Vor- oder Nachteil im Standortvergleich herangezogen. Auf Anfrage der CDU habe die Stadt klar erklärt, dass vollständige Barrierefreiheit im Pfleghof möglich sei, wenn auch mit hohem Aufwand. Baubürgermeister Wilfried Wallbrecht habe das auf Nachfrage nochmals bestätigt. „An einer barrierefreien Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof kann es mithin keine Zweifel geben“, sagt Koch. Mit ihrem Antrag für barrierefreie Wege in der Altstadt habe die SPD bereits ein Zeichen gesetzt.

Der höhere Aufwand für einen barrierefreien Pfleghof kann nach Kochs Einschätzung kein Argument gegen den Pfleghof sein. Mit Blick auf das Bekenntnis der Neubau-Befürworter zum Verbleib des Pfleghofs in öffentlicher Hand erklärt er, der höhere Aufwand „würde ja auch bei der unisono geforderten öffentlichen Alternativnutzung anfallen“. Unter solchen Vorzeichen hegt die SPD Zweifel, ob der Pfleghof bei einem Auszug der Bücherei tatsächlich in öffentlicher Hand bleiben wird, wie es der Gemeinderat beschlossen hat. Ein neuer Gemeinderat könne darüber völlig anders entscheiden, fürchtet Richard Kramartschik. Und er antwortet den Neubau-Befürwortern: „Wer eine öffentliche Nutzung des Pfleghofs ernsthaft will, darf öffentlich nicht plakatieren, dass es nur bei einem Neubau echte Barrierefreiheit gibt. Barrierefreiheit muss auch bei jeder anderen öffentlichen Nutzung selbstverständlich sein.“ Deshalb fordert die SPD, dass bei einem Kostenvergleich beider Standort-Varianten für die Stadtbücherei der Aufwand hinzugerechnet wird, den der nötige Umbau für jede andere öffentliche Nutzung nach sich ziehen würde. Die Sozialdemokraten gehen von einer Summe von mindestens zehn Millionen Euro aus.

Dass sich die Neubau-Befürworter eine hohe Wahlbeteiligung beim Bürgerentscheid am 10. Februar wünschen, freut Daniel Blank. Doch der Pressesprecher der SPD-Ratsfraktion wundert sich, dass die Mehrheit im Gemeinderat den Bürgerentscheid nicht mit der Kommunal- und Europawahl am 26. Mai verbinden wollte: „Das hätte eine hohe Beteiligung garantiert.“ Umso mehr hofft Blank nun, dass möglichst viele Esslinger zur Abstimmung gehen werden: „So kann jeder zeigen, dass sich die Bürger bei wichtigen Entscheidungen stärker einbringen wollen.“

EZ-Forum am 4. Februar um 19.30 Uhr im Gemeindehaus am Blarerplatz

Live-Abstimmung in der Veranstaltung

Die Eßlinger Zeitung will beim EZ-Forum zur Bücherei die Meinung der Besucher in die Podiumsdiskussion miteinbeziehen. Um bei der Liveabstimmung mitmachen zu können, ist es notwendig, ein Smartphone mitzubringen, mit dem man eine Internetseite aufrufen kann. Die Abstimmung erfolgt dann via Handy, die Ergebnisse der jeweiligen Umfragen werden direkt auf die Leinwand projiziert.

Die Veranstaltung zuhause sehen

Für alle, die am 4.2. nicht im Gemeindehaus am Blarerplatz dabei sein können, bietet die EZ ab 19 Uhr online einen Liveblog an. Unter www.esslinger-zeitung.de wird auf der Startseite der Blog mit Fotos und Videos interessante Szenen der Diskussion zeigen und die wichtigsten Aussagen der Diskussion zusammenfassen.

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