Quelle: Unbekannt

Es hat große Unterstützung der Vereine gegeben.

EsslingenAls Lukas Fischer knapp zehn Minuten vor dem Spielende eine umstrittene Zweiminutenstrafe erhielt, konnten viele Zuschauer und auch die Trainer und Betreuer auf der Bank nicht mehr an sich halten. Fischer selbst stülpte sich kurz das Trikot über den Kopf und trottete dann kopfschüttelnd zur Bank. Ansonsten aber hatten die Handball-Schiedsrichter der Begegnung in der Baden-Württemberg Oberliga zwischen dem TV Plochingen und der SG Pforzheim/Eutingen einen relativ ruhigen Abend. Ob das an der Aktion „Keine Pfiffe gegen Pfiffe“ lag, mit der die EZ dazu aufgerufen hatte, an diesem Wochenende auf Beschimpfungen und allzu laute Kritik an den Unparteiischen zu verzichten, lässt sich schwer beurteilen. Genauso, wie es nicht messbar ist, um wie viel ruhiger es in den Hallen der Region tatsächlich war.

Eines aber lässt sich festhalten: Die Aktion wurde schon im Vorfeld x-fach in den sozialen Medien geteilt und weitergeteilt und in den Handballkreisen und dann in den Hallen diskutiert. Sie sollte das Bewusstsein schärfen für die Aufgabe der Schiedsrichter und den Umgang miteinander. Das ist gelungen.

Emotionen auf dem Spielfeld gab es am Wochenende natürlich trotzdem, und das macht den Handball auch aus. Kreisläuferin Maike Kienzlen vom Württembergligisten TV Reichenbach etwa erlebte es so: „Ich habe während des Spiels schon manchmal daran gedacht, aber die Schiedsrichterleistung war bei uns auch okay.“ Das 31:23 gegen die SG Burlafingen/Ulm war allerdings auch eine klare Sache. „Wir würden ja auch nicht alles sehen – auch wenn man das vielleicht glaubt“, fügt Kienzlen hinzu.

In der Reichenbacher Brühlhalle hing am Wochenende bereits das Logo „Keine Pfiffe gegen Pfiffe“ der EZ-Aktion an der Wand. Sigrid Bayer vom TVR, die das Plakat gemeinsam mit den Schiedsrichtern des Verein aufgehängt hatte, ist die Angelegenheit vor allem in Bezug auf die Jugendspiele wichtig. Aber auch bei den Schiedsrichtern, die das Frauenspiel leiteten, kam die Sache gut an. „Die haben schon bei ihrer Ankunft gesagt, dass man das bei ihnen in Schwäbisch Gmünd auch machen sollte“, berichtet Bayer.

"Ein bisschen leiser als sonst"

Daniel Kraaz, der Trainer des Landesligisten Team Esslingen, fand, dass es während der Begegnung mit dem TV Neuhausen/Erms (23:27) „ein bisschen leiser war als sonst“. Und das, obwohl die Rahmenbedingungen nicht optimal waren. Denn es leitete nur ein Schiedsrichter anstatt eines Duos die Partie. Der Mangel an Unparteiischen macht sich bemerkbar. „Er hat das souverän gepfiffen. Ein paar Dinge, die man alleine nicht sehen kann, hat er halt nicht gesehen“, sagt Kraaz.

Das räumt auch die Schiedsrichtergilde ein: Weil es zu wenig Referees gibt, können nicht alle Spiele optimal besetzt werden und es rücken manchmal Gespanne in Klassen auf, die für sie möglicherweise (noch) zu hoch sind. Ein Grund für den Nachwuchsmangel ist bestimmt dem Frust über die Beschimpfungen geschuldet sein. Einige Trainer und Funktionäre weisen jedoch auch auf die andere Seite hin. „Ich würde mir wünschen, dass die Schiedsrichter ihrerseits öfters einen offeneren Umgang mit Kritik an den Tag legen, während und nach dem Spiel.

Viele Entscheidungen im Handball sind nun mal 50:50-Entscheidungen, die immer zu Diskussionen führen werden und die nie zu hundert Prozent richtig entschieden werden können“, meint etwa Trainer Frank Ziehfreund vom Württembergligisten HSG Ostfildern. Und: „Wenn die Mannschaften und Zuschauer sehen würden, dass die Schiedsrichter sich im Klaren darüber sind, dass fehlerhafte Entscheidungen dazu gehören und sie selbst auch Fehler machen, dann wäre dies sicherlich eine gute Basis im Sinne des Spiels. Schiedsrichter nehmen Kritik und Rückfragen nach meinem Eindruck oft zu persönlich und reagieren mit den klassischen Mustern: Verwarnungen und Zeitstrafen. Dies führt zwar meist zu Ruhe auf den Bänken, aber auch zu mehr ,Lärm’ auf den Tribünen.“ Andere berichten, dass die Beschimpfungen von den Rängen nicht nur Schiedsrichter, sondern manchmal auch gegnerische Spieler oder Trainer treffen.

Lieber das Team unterstützen

Bei den Bundesliga-Frauen des TV Nellingen wurde die Aktion „Keine Pfiffe gegen Pfiffe“ nicht nur sogar auf der Damentoilette diskutiert, wie die EZ-Redakteurin „vor Örtchen“ berichtete, sondern im Hallenheft zum Spiel gegen Bayer Leverkusen (25:30) aufgegriffen. Geschäftsführer Bernd Aichele schloss sich der Aufforderung an, fair mit den Schiedsrichtern umzugehen, nahm jedoch auch die Zuschauer in Schutz, wenn sie „zurecht eine Fehlentscheidung nicht mit Applaus honorieren, sondern auch das Gegenteil kund tun“. Nur dürfe dabei nicht „verbal in die unterste Schublade gegriffen“ werden. Aicheles Vorschlag: „Anstatt die Puste zu vergeuden mit Beschimpfungen, sollte man sich lieber dem eigenen Team widmen und jede gute Aktion mit Applaus belohnen und dazu gnadenlos die Anfeuerungsrufe über 60 Minuten durch die Halle brüllen.“

Emotionen ja, sachliche Kritik auch, Beschimpfungen nein – da scheinen sich alle einige zu sein. Plochingens Trainer Brack etwa war bei der Zweiminutenstrafe gegen seinen Top-Torschützen Fischer ebenfalls aufgesprungen, hatte dann aber schnell in die Hände geklatscht und seine Spieler angefeuert. Beim Stand von 20:23 war noch alles drin – am Ende reichte es beim 27:29 jedoch nicht. „Ich habe mir jetzt nicht vorgenommen, besonders ruhig zu sein“, sagte Brack anschließend zur EZ-Aktion, „es gibt Entscheidungen, die muss man einfach akzeptieren.“

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