Durchschnittlich besuchen täglich rund 1000 Menschen die Esslinger Stadtbücherei, und sie wünschen sich einen Ort zum Wohlfühlen Foto: Bulgrin - Bulgrin

Die Diskussion über die Zukunft der Esslinger Stadtbücherei treibt viele Bürger um. In einer Diskussionsveranstaltung der Freien Wähler erläuterten Fachleute, wie die Zukunft der Bibliothek aussehen könnte.

EsslingenDie Beratungen über die Zukunft der Stadtbücherei sind bislang nicht von Bürgernähe geprägt, dabei würden sich viele Esslinger gerne an der Diskussion beteiligen. Während der Gemeinderat und seine Ausschüsse vor der Entscheidung im Juni meist nichtöffentlich beraten, haben die Ratsfraktionen begonnen, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Das Interesse ist groß – entsprechend gut besucht war eine Veranstaltung der Freien Wähler im Alten Rathaus. Drei Fachleute erläuterten, was eine Bibliothek der Zukunft bieten muss. Derweil forderten Zuhörer eine transparentere Diskussion. Obwohl es den Veranstaltern vor allem um konzeptionelle Fragen ging, blieb die Standortfrage nicht außen vor: Soll die bisherige Bücherei im Bebenhäuser Pfleghof modernisiert und erweitert werden oder ist ein Neubau an der Küferstraße besser? Dass die Stadt die Vorzüge des Pfleghofs nicht unterschätzen sollte, klang bei einigen durch.

Hermann Falch, der Vorsitzende der Freien Wähler versicherte, die Bücherei habe bei seiner Fraktion „schon immer ganz oben auf der Agenda gestanden“. Neben der Debatte über Standort und Flächen dürfe die Konzeption nicht zu kurz kommen. Die Fraktionsvorsitzende Annette Silberhorn-Hemminger, die klug moderierend durch den Abend führte, wollte vor allem ergründen, „was eine Bücherei leisten kann, soll und muss“. Kirsten Wieczorek, die Leiterin der Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen beim Regierungspräsidium, sieht auch im digitalen Zeitalter einen steigenden Bedarf an Bibliotheken. Deshalb riet sie den Esslingern, sich bei der Planung an Häusern zu orientieren, die auf künftige Anforderungen hin konzipiert wurden. Als Beispiel nannte sie Dokk 1 im dänischen Aarhus – eine Bibliothek mit Bürgerbüro, die großzügige, weite, hohe und flexible Räume bietet. Das Angebot müsse sich an den Bedürfnissen der Nutzer orientieren: „Wenn eine Zielgruppe etwas braucht, ist das keine Kür, sondern Pflicht.“ Dem Gemeinderat empfahl sie, bei der Planung den Sachverstand von Bücherei-Leiterin Gudrun Fuchs und ihrem Team zu nutzen.

Manche mögen sich fragen, weshalb die Esslinger Bücherei neue, großzügigere Räume braucht, obwohl sie im bundesweiten Bibliothekenvergleich stets vorne gelandet war. Kulturamtsleiter Benedikt Stegmayer erklärte, der Bibliotheksindex habe vor allem klassische Aspekte bewertet – Esslingen müsse die Tür in Richtung Zukunft öffnen. Und weil die Anforderungen der Nutzer immer differenzierter werden, sei auch mehr Platz als bisher nötig. Die Bibliothek der Zukunft müsse ein offener und freier Ort für alle sein, Kommunikation und Interaktion ermöglichen, einen emotionalen Wert und genügend Platz für soziale Teilhabe bieten. Unabhängig vom Standort müsse etwas Gutes entstehen. So wolle man auch die erreichen, die die Bücherei noch nicht nutzen.

Professorin Sylvia Greiffenhagen, die Vorsitzende des Fördervereins der Stadtbücherei, warb dafür, die Aufenthaltsqualität bei der Standortentscheidung stärker als bisher zu gewichten. Umfragen hätten gezeigt, dass das den allermeisten Bücherei-Nutzern ganz wichtig sei. Der Bebenhäuser Pfleghof genieße große Sympathien und sei für viele schon jetzt der viel beschworene „dritte Ort“ neben Wohnung und Arbeitsplatz. Diese emotionale Bindung dürfe man nicht unterschätzen. Wenn sich die Stadt dennoch für einen Neubau entscheide, müsse sie gewährleisten, dass die bisherige Aufenthaltsqualität mindestens erreicht werde. Der Förderverein habe sich noch nicht für einen der Standorte entschieden und prüfe derzeit die von der Verwaltung vorgelegten Unterlagen. Anschließend werde man sich klar positionieren.

Wiederholt wurde in der anschließenden Diskussion beklagt, dass die Stadt die Bürger bei der Büchereientscheidung viel zu wenig einbeziehe. „Hören Sie mehr auf die Nutzer“, forderte ein Zuhörer. Moniert wurde mehrfach auch, dass noch immer viel zu viele Fragen offen seien und vor der Entscheidung wohl auch nicht beantwortet würden – obwohl sich die Stadt viel Zeit zur Vorbereitung gelassen hatte. So müsse der Gemeinderat ein Stück weit die Katze im Sack kaufen. Trotzdem ist für alle Beteiligten klar, dass bis zur Sommerpause eine Entscheidung fallen muss. „Das können wir nicht länger aufschieben“, findet Annette Silberhorn-Hemminger.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: