Seit der Weltausstellung 1962 ist die Space Needle das Wahrzeichen der Stadt Seattle. Wir verraten, was der berühmte Turm mit Stuttgart zu tun hat.
Edward Elmer Carlson hat keinen Zettel zur Hand, also zeichnet er seine zündende Idee schnell auf eine Papierserviette. Der 1911 in Tacoma im US-Bundesstaat Washington geborene Hotelmanager strandet 1959 ungewollt eine Nacht in Stuttgart. Carlson macht mit seiner Frau Nell und einem befreundeten Paar Urlaub in Europa. Sie wollen eigentlich nur schnell einen weißen Mercedes 190 SL abholen, doch das Auto ist nicht fertig. Also buchen sie sich im Hotel Graf Zeppelin ein und dinieren auf dem damals nagelneuen Fernsehturm in Degerloch.
Das Wahrzeichen der baden-württembergischen Landeshauptstadt wurde drei Jahre zuvor eröffnet. Es ist der erste Stahlbetonfernsehturm der Welt samt Aussichtsplattform und Restaurant. Das wegweisende Meisterwerk des Architekten und Bauingenieurs Fritz Leonhardt beeindruckt die Besucher aus den Vereinigten Staaten nachhaltig. Carlson fungiert damals als Präsident der für 1962 geplanten Weltausstellung in Seattle und sucht dringend nach einem Hingucker für das Großereignis. Wäre ein Turm nicht so ein krasses Ding? Die Serviette mit der Kritzelei, entstanden in einer schlaflosen Nacht im Hotel, fliegt mit Carlson über den Atlantik und kann heute noch in dem als Space Needle („Weltraum-Nadel“) weltbekannten Turms besichtigt werden.
Ein Eiffelturm für das Weltraumzeitalter
Zurück in Seattle engagiert Carlson John Graham Jr., um seine Skizze erst in einen Entwurf und dann in die Realität umzusetzen. Vom Graham stammt die Idee, das Restaurant hoch auf dem Turm drehbar zu konstruieren. Das Konzept wird mehrfach überarbeitet. „Frühe Versionen der Space Needle ähneln einem riesigen Ballon, der auf einer Säule sitzt. Der Architekt Graham verwandelt die Kugel dann in eine Art fliegende Untertasse“, erzählt Randy Coté, der Marketingchef der Space Needle.
Diese Ufo-Form passt besser zum Motto der Weltausstellung: Start ins Weltraumzeitalter. Amerika und insbesondere Seattle wollen sich als Vorreiter im Wettlauf um die Sterne vermarkten. Man steckt mitten im Kalten Krieg und konkurriert mit der Sowjetunion. Alles soll sich um das All, Wissenschaft und Technologie drehen.
Die 1869 gegründete Stadt am Pazifik ist bis dato eher für die umliegende Natur bekannt, für die Holzindustrie und als Ausgangspunkt für Goldsucher, die von hier in die Klondike-Region am Yukon weiterreisen. Ab den 1960er Jahren mausert sich Seattle zum Zentrum aufstrebender Technologien. Die Firma Boeing montiert damals schon innerhalb der Stadtgrenzen ihre Flugzeuge zusammen. Heute stehen an der Elliott Bay die Zentralen wichtigen Tech-Konzerne wie Microsoft, Amazon oder Adobe. Filmfans kennen die Metropole im Bundesstaat Washington aus der Romanze „Schlaflos in Seattle“, die in den frühen 1990er Jahren in den Kinos lief, als Liebesfilme noch mit Meg Ryan und Tom Hanks besetzt wurden. Die Space Needle spielt eine Nebenrolle.
Der endgültige Entwurf des Turms wird erst anderthalb Jahre vor der geplanten Eröffnung der Messe beschlossen. Auf einem massiven Fundament erhebt sich ein schlanker Turm auf drei Beinen, gekrönt von einem extraterrestrisch wirkenden Hütchen.
Der Turm ist von Beginn an in Privatbesitz
Die nächsten sechs Monate muss ein Grundstück gefunden und die Finanzierung geklärt werden. Denn obwohl der Turm die größte Attraktion der Ausstellung sein soll, wird der Bau nicht von der Stadt bezahlt. Auch die örtlichen Fernsehstationen winken ab. „Bis heute sind auf dem Turm keine Antennen installiert, er hat also keine Funktion und dient nur der Schönheit“, sagt Randy Coté.
Private Investoren springen ein. Unter anderem sind Architekt Graham und der ausführende Bauunternehmer Howard S. Wright mit im Boot. Heute gehört die Space Needle der Familie Wright alleine, die anderen Besitzer wurden 1977 ausbezahlt. „Wir sind wie der Vatikan, mitten in Rom“, sagt Randy Coté.
„The Wrights are old money spent wisely“, sagt man in Seattle über die Familie. Sie haben altes Geld mit Bedacht ausgegeben. 4,5 Millionen Dollar kostet der Bau, das Investment hat sich seither mehr als ausgezahlt. 69 Millionen Besucher wurden seit der Eröffnung 1962 gezählt. Der Eintritt kostet im Moment je nach Wochentag und Tageszeit um die 45 Dollar (rund 40 Euro). Es ist heute die beliebtes Touristenattraktion im amerikanischen Nordwesten.
Nur etwa mehr als ein Jahr dauert der Bau des 184 Meter hohen Turmes, daher nennt man die Space Needle auch „400-Day-Wonder“, das 400-Tage-Wunder. 5600 Tonnen Beton werden als Fundament vergraben, 74 000 Schrauben verarbeitet. Im September 2017 startet die Space Needle ein Renovierungsprojekt, das länger dauert als der eigentliche Bau. „Es wurden 100 Millionen US-Dollar investiert und Stahlplatten durch Glas ersetzt, um die Aussicht zu verbessern“, erzählt Randy Coté. Bei der Neugestaltung werden 176 Tonnen Glas verbaut. Immer Stück für Stück, sodass der Turm während der Renovierung immer geöffnet sein kann.
So steht die Space Needle heute da, schöner als je zuvor, stolz und weithin sichtbar. Optisch tritt das Markenzeichen der Stadt nicht in Konkurrenz mit den Hochhäusern der Skyline. Das Weltausstellungsgelände liegt etwas abseits der Innenstadt im Stadtviertel Lower Queen Anne, ist aber mit der ebenfalls 1962 eingeweihten Einschienenbahn in genau 2,5 Minuten erreichbar.
Die Space Needle hat für Seattle eine ähnliche Bedeutung wie der Eiffelturm für Paris: Ein nicht wegzudenkendes Wahrzeichen aus Stahl, das nachhaltige Vermächtnis einer Weltausstellung. Und alles nur dank einer ungeplanten Nacht in Stuttgart.