Trister Platz: Birgit Widmaier und Bernd Murschel (Mitte) beim Sommergespräch mit Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski vor dem Leonberger Rathaus Foto: Simon Granville

Der Leonberger Fraktionsspitze mit Bernd Murschel und Birgit Widmaier geht es bei der Stadtentwicklung viel zu langsam voran. Zum amtierenden OB haben sie eine dezidierte Meinung.

Nein, so richtig schön ist der Vorplatz des Leonberger Rathauses wirklich nicht. Da wundert es nicht, dass die Leonberger Grünen ihr Sommergespräch unter das Motto „Mehr Grün fürs Rathaus“ stellen. Wobei der Fraktionsvorsitzende Bernd Murschel und seine Stellvertreterin Birgit Widmaier dieses Leitmotiv nicht nur auf den Vorplatz beziehen.

Frau Widmaier, Herr Murschel, welches Grün fehlt denn in und ums Rathaus?

Murschel: Die Botschaft ist klar, dass wir mehr grüne Themen in der Diskussion brauchen. Und dass der Vorplatz mehr Grün benötigt, sehen Sie ja selbst.

Es heißt, dass unter dem Platz wichtige Versorgungsleitungen liegen.

Widmaier: Selbst wenn aus technischen Gründen keine großen Anpflanzungen möglich sind: Es gibt schnell wachsende kleinere Bäume, die nicht viel Platz benötigen. Außerdem kann man Kübel aufstellen. Das machen andere Städte auch.

Nicht eben ansehnlich ist auch eine wichtige Fläche in direkter Nachbarschaft: Das Postareal gleicht einem Trümmerfeld.

Murschel: Der Fund einer asbesthaltigen Bodenplatte hat die Bauarbeiten unterbrochen. Das ist ein neuerliches Dilemma für die Stadt. Der Investor Strabag steht auf dem Standpunkt, nichts damit zu tun zu haben. Das sei Sache der Stadt. Der OB hat eine Lösung bis Jahresende in Aussicht gestellt. Die muss dann aber finanziell darstellbar sein.

Auf dem Postareal im Leonberger Zentrum geht es nicht voran. Foto: Simon Granville

Sie sind ohnehin keine Freunde der Postareal-Planung.

Murschel: Das ist eine wichtige Fläche, gerade um den Brückenschlag zwischen dem Marktplatz und dem Leo-Center endlich hinzukriegen. Uns stört, dass hier wieder eine Betonsiedlung geplant wurde und eben keine attraktive Verbindung.

Auch sonst passiert bei der Entwicklung der Innenstadt nicht gerade viel.

Widmaier: Die Umsetzung von Themen, die diskutiert und beschlossen wurden, geht äußerst zäh voran. Bestes Beispiel ist die Umweltspur für Busse und Fahrräder auf der Eltinger Straße. Dass sie problemlos machbar ist, wurde bei einem Test festgestellt, aber realisiert wurde sie nie. Damit ist eine große Chance vertan worden.

Lange wird auch über einen autofreien Marktplatz gesprochen. Die von Ihnen unterstützte OB-Kandidatin Marion Beck geht sogar noch weiter und will den Samstagsmarkt auf den Marktplatz verlegen.

Widmaier: Den Versuch eines autofreien Marktplatzes sollten wir in jedem Fall wagen. Auch einem Wochenmarkt dort begegnen wir mit großer Sympathie.

Das war nicht immer so.

Murschel: Tatsächlich hat sich in der Vergangenheit ein Umbruch vollzogen. Der Markt auf der Steinstraße ist kleiner geworden, hätte also jetzt auch in der Altstadt Platz. Und die Zeiten, dass man mit dem Auto quasi direkt zum Stand fährt, sind vorbei. Die Leute legen heute Wert auf eine entspannte Stimmung.

Widmaier: Die vielen Beispiele in anderen Städten zeigen, dass insbesondere die Gastronomie, aber auch der Handel von einem Markt profitieren. Stimmt die Atmosphäre, verbringen die Menschen mehr Zeit dort. Und was das Parken betrifft: Vom Parkhaus Altstadt ist man ganz schnell auf dem Marktplatz. Insgesamt braucht das Stadtzentrum dringend eine neue Dynamik. Dass sich erfreulicherweise im Leo-Center wieder etwas tut, bringt Impulse für den gesamten Einzelhandel.

Sie engagieren sich schon lange für eine Innenstadt mit hoher Aufenthaltsqualität und weniger Autos. Wäre dafür nicht auch eine Umfahrung der Stadt hilfreich, die jetzt die FDP wieder ins Gespräch gebracht hat?

Murschel: Es ist interessanterweise der frühere FDP-Fraktionsvorsitzende Dieter Maurmaier, der ein solch gigantisches Projekt für kaum realisierbar hält. Die besten Umgehungen sind und bleiben die Autobahnen rund um Leonberg. Denn nur, wenn dort Chaos ist, gibt es auch Chaos in der Stadt. Deshalb müssen die Autobahnen in einem guten Zustand sein, um Staus zu reduzieren.

Widmaier: Wenn die Sanierung des Engelbergtunnels abgeschlossen ist, wird dies positive Auswirkungen auch auf den Verkehr in der Stadtmitte haben. Eine Umfahrung wäre auch rein finanziell nicht zu stemmen, da trotz aller Zuschüsse zu viel Geld an der Stadt hängen bleiben würde. Vom immensen Flächenverbrauch ganz zu schweigen.

Leonberg müsse ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung bleiben, fordern die Grünen. Foto: Simon Granville

Großes Thema ist die Zukunft des Leonberger Krankenhauses ...

Murschel: ... dessen Status als Haus der Grund- und Regelversorgung dauerhaft gesichert werden muss. Da haben wir die großen Bedenken, dass der Landkreis alle Mittel in die Flugfeldklinik lenken wird, deren Kosten ins Endlose ausufern.

Widmaier: Deshalb müssen wir den politischen Druck weiter hochhalten. Der Niedergang des Krankenhauses in Herrenberg zeigt, wie schnell es gehen kann.

Murschel: Auch der drohende Abzug des Rettungshubschraubers Christoph 41 aus Leonberg ist für uns längst noch nicht ausgemacht. Die Kosten für eine neue Helikopterstation auf dem Dach der Tübinger BG-Klinik sind von 7 Millionen auf 35 Millionen Euro angestiegen. Das sind doch aberwitzige Summen.

Neben der Krankenhaus-Problematik zeichnet sich ab, dass die Arztpraxen immer mehr abnehmen. Muss die Stadt mehr machen, um Ärzte zu locken? Rutesheim wirbt mit günstigen Bauplätzen für Mediziner.

Widmaier: Als Kommune kann man einer solchen gefährlichen Entwicklung nicht tatenlos zusehen. Welche Vergünstigen möglich sind, das muss man prüfen.

Der Landrat hat erst unlängst erklärt, dass es für einen Gesundheitscampus und weitere Einrichtungen rund ums Krankenhaus schon Pläne gebe.

Murschel: Was die Aussagen des Landrats betrifft, bin ich sehr skeptisch. Das Thema Gesundheitscampus schwirrt seit vielen Jahren herum. Wenn es konkrete Pläne gibt, hätte er sie kommunizieren sollen.

Landrat Bernhard sagt, dass der Leonberger OB kein sonderliches Interesse daran hätte. Wie ist denn Ihr Eindruck von der Arbeit Martin Georg Cohns?

Murschel: Cohn hat einige gute Ideen gehabt, die unseren Vorstellungen entsprochen haben. Aber die Ideen machen es allein nicht, es bedarf auch einer Umsetzung.

Widmaier: Er hat viel Gegenwind bekommen.

Murschel: Die Lage zwischen Gemeinderat und Verwaltungsspitze ist so verkrustet, dass eine konstruktive umsetzungsorientierte Zusammenarbeit nicht möglich ist. Dies ist auch die Ursache für die hohe Fluktuation, die wir im Rathaus zu beklagen haben. All das hat dem Image der Stadt und einer funktionierenden Verwaltung geschadet.

Warum glauben Sie, dass die von Ihnen favorisierte OB-Kandidatin Marion Beck es besser machen kann?

Murschel: Wir haben bei ihr den Eindruck gewonnen, dass sie die Fähigkeit zu einem konstruktiven Dialog hat, der jetzt dringend nötig ist.

Widmaier: Sie hat Führungserfahrung in der freien Wirtschaft und in der Verwaltung und steht für eine moderne Stadtentwicklung und Verkehrspolitik ...

... die Ihrer Parteiprogrammatik voll entspricht.

Murschel: Sie ist eine unabhängige Kandidatin. Wir erwarten nicht, dass Frau Beck das grüne Wahlprogramm herunterbetet.

Sommergespräche

Bernd Murschel,
(68), ist promovierter Diplom-Agraringenieur und Mitglied bei den Grünen seit 1986, im Leonberger Gemeinderat seit 1989 und Fraktionsvorsitzender seit 2009. Dazu Kreisrat im Kreis Böblingen 2004 bis 2006; von 2006 bis 2021 Landtagsabgeordneter.

Birgit Widmaier,
(63), ist Geschäftsführerin und seit 1994 für die Grünen im Leonberger Gemeinderat. Fraktionsvize und Finanzexpertin, die gleichwohl ein großes Herz für kulturelle und soziale Projekte hat.

Serie
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