An den Bauernprotesten war der Gärtnermeister Florian Keimer nicht beteiligt, er hat aber Verständnis dafür. Er sieht die Zukunft in der Solidarischen Landwirtschaft. Sie sichert Landwirten ein faires Einkommen und Mitgliedern regional erzeugte Ware.
Jeden Montag streift Florian Keimer über die Felder seiner Demeter-Gärtnerei in Spiegelberg und schaut, welche Gemüsesorten und Küchenkräuter er und sein Team in dieser Woche ernten können. Derzeit sprießen zum Beispiel schon würziger Schnittlauch, nussig-aromatischer Portulak und knackiger Mangold. Danach schickt der Gärtnermeister eine E-Mail mit der wöchentlichen Lieferliste an seine Solawistas – die Mitglieder der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) Großhöchberg. Sie finanzieren seinen Betrieb durch einen monatlichen Beitrag mit – und bekommen dafür einen Teil seiner Ernte.
Jeden Freitag radelt Anja van Felten zum evangelischen Jakob-Andreä-Gemeindehaus in Waiblingen, geht in den Keller hinab zum Verteilraum, in dem die von der Solawi Großhöchberg nach biologisch-dynamischen Richtlinien erzeugte Gemüselieferung in vielen grünen Kisten bereitsteht. Sie packt ihre Taschen aus, wirft einen Blick auf die Lieferliste, schaltet eine zur Verfügung stehende Küchenwaage ein – und legt los.
Von der Aubergine bis zur Zwiebel
Heute darf sie beispielsweise 600 Gramm vom frischen Mangold einpacken, außerdem Schnittlauch und Portulak, Sellerie, kiloweise Kartoffeln, Karotten, Rote Beete, Mairübchen und einen Beutel selbst gemachtes Sauerkraut. Punkt für Punkt arbeitet Anja van Felten ihre Liste ab und streicht dann ihren Namen durch. Für die zwei Solawi-Mitglieder, die ihren Ernteanteil heute noch abholen müssen, bleibt mehr als genug übrig.
Das Modell der Solidarischen Landwirtschaft ist hierzulande bislang die Ausnahme, obgleich das Interesse daran ständig wächst. Für Florian Keimer, der im Jahr 2014 damit angefangen hat, steht fest: „Ohne Solawi würden wir nicht existieren. Für uns ist das die Zukunft.“ Denn mit diesem Modell können auch kleine Betriebe, die kaum staatliche Subventionen bekommen, überleben. Sie sichern die Lebensmittelerzeugung direkt vor Ort. Bei Gemüse liegt der Anteil der in Deutschland erzeugten Ware laut Florian Keimer nur noch bei 28 Prozent.
Für eine komplette Umstellung braucht es mehr Solawi-Mitglieder
An den Protesten der Landwirte in den vergangenen Wochen hat sich der Gärtnermeister aus Großhöchberg zwar nicht beteiligt, sagt aber, diese seien nachvollziehbar und überfällig gewesen. Inzwischen müssten die Erzeuger mit ihren Umsätzen ihre Betriebe erhalten, sie selbst lebten von Subventionen. Während sich zum Beispiel die Lohnkosten um 40 Prozent erhöht hätten, seien die Verkaufspreise nicht annähernd so gewachsen. Die Preise auf dem deutschen Lebensmittelmarkt bestimmten fünf Konzerne. „Da sind wir mit der Solawi raus“, sagt Keimer und klingt erleichtert. Allerdings kann der Großhöchberger noch nicht komplett nach dem Modell der Solidarischen Landwirtschaft arbeiten, weil es dafür weitere Mitglieder bräuchte. Einen Teil des Gemüses verkauft die Gärtnerei daher direkt auf Wochenmärkten und beliefert zudem Hofläden und Anbieter von Abo-Gemüsekisten.
Konkrete Unterstützung für kleinbäuerliche Betriebe
„Bei der Solawi Großhöchberg Mitglied zu sein, gibt mir die Möglichkeit, einen kleinbäuerlichen Betrieb hier in der Gegend am Leben zu halten und dafür zu sorgen, dass die Fläche von Pestiziden frei gehalten wird“, sagt Anja van Felten. Dass viele Menschen die Proteste der Landwirte verstehen können, sieht die Waiblingerin zwar positiv, sagt aber: „Ich würde mir wünschen, dass die Leute die Bauern auch konkret unterstützen.“ Viele Menschen hätten das Gefühl, dass sie nichts tun und nichts ändern können. Die Mitgliedschaft in einer Solawi, in der sich Erzeuger und Verbraucher die Erträge und die Risiken teilen, ermögliche aber genau das, sagt Anja van Felten.
Immer wieder melden sich bei ihr Menschen, die Interesse am Solawi-Modell haben. Im Gespräch kann die überzeugte Solawista falsche Vorstellungen ausräumen. Manche befürchten, dass es bei einem regionalen Betrieb an Vielfalt mangelt. Ihnen erzählt Anja van Felten von den mehr als 70 Gemüsesorten und Küchenkräutern, welche die Solawi Großhöchberg im Portfolio hat – inklusive grünem Spargel und Ingwer. Andere denken, sie müssten als Mitglieder zwingend im Betrieb mitarbeiten. Tatsächlich bietet die Solawi Großhöchberg ihren Mitgliedern an jedem zweiten Samstag im Monat die Möglichkeit, selbst Hand anzulegen. Das aber auf rein freiwilliger Basis.
Für Interessenten gibt es einen Probemonat zum Testen
Viele Interessierte nutzen das Angebot eines Probemonats. „Die Allermeisten bleiben danach auch dabei“, ist Anja van Feltens Erfahrung. Sie sieht nur Vorteile in der Solawi-Mitgliedschaft. „Man macht das ganze Gartenjahr mit, lernt neues Gemüse kennen, das immer frisch ist, und kann die Kilometer, die es transportiert worden ist, an den Händen abzählen“, sagt die Waiblingerin, die dafür sorgt, dass im Verteilraum in Waiblingen alles rund läuft.
Derzeit holen dort gut 20 Mitglieder ihr Gemüse ab, es könnten aber locker mehr versorgt werden, zum Beispiel aus der Nachbarkommune Fellbach. Auch Verteilräume an weiteren Orten – aktuell sind es sieben im Rems-Murr-Kreis – sind denkbar. Für Florian Keimer ist das Solawi-Modell auch nach zehn Jahren noch die passende Form des Wirtschaftens: „Ich habe keine bessere Idee als die Solawi.“
Kinoabend mit zwei Solawi-Landwirten
Solawi
Die Solawi Großhöchberg liefert ihre Erzeugnisse an 15 Verteilräume, im Rems-Murr-Kreis gibt es Räume in Schorndorf, Engelberg, Winnenden, Waiblingen, Oppenweiler, Backnang und Murrhardt. Die Solawi Esslingen in Aichwald vermarktet ihre Produkte im Laden Kornblume vor Ort und hat im Landkreis einen Verteilraum in Weinstadt.
Kinoabend
Das Kommunale Kino Weinstadt und der BUND Weinstadt zeigen am Dienstag, 16. April, von 19 Uhr an im Stiftskeller in Beutelsbach den Streifen „Ernte teilen“. Der Film erzählt von drei Solawis in Ostdeutschland. An dem Abend gibt es Wein und Snacks, eine Einführung und ein Geschmacksquiz, bei dem man eine Gemüseverteilung der Solawi Großhöchberg gewinnen kann.
Gespräch
Neben dem Film steht an diesem Abend ein Gespräch mit Florian Keimer von der Solawi Großhöchberg und Jonas Kienel von der Solawi Esslingen auf dem Programm.