Scotty James ist eine Snowboard-Legende – nun will er in der Halfpipe von Livigno endlich auch Olympia-Gold gewinnen. Doch das Niveau in der Weltspitze ist enorm hoch.
Australien als Wintersport-Nation zu bezeichnen, das wäre, nun ja, eine maßlose Übertreibung. Aber immerhin hinterlässt das Land, das im ewigen Medaillenspiegel der Sommerspiele auf einem starken achten Platz liegt, auch in der Kälte Spuren – dank der „neuen“ Sportarten. Bisher gab es sieben australische Olympiasiege, sechs davon im Ski Freestyle und im Snowboarden, den letzten am Donnerstag auf der Buckelpiste durch Cooper Woods. Und schon bald könnte auf dem Brett der nächste Gold-Coup folgen. Durch Scotty James. Womit sich ein Kreis schließen würde.
Wie gut Scotty James nach der Qualifikation in der Halfpipe in Livigno drauf war, erfuhren seine knapp 600 000 Instagram-Follower in einem Video, in dem zu sehen ist, wie der australische Snowboarder durch sein Olympia-Appartement tänzelt – zu den Klängen von „Jump“ von den „Pointer Sisters“. Was beweist, wie überlegt choreografiert der Post war. Denn an diesem Freitag (19.30 Uhr) will Scotty James perfekte Sprünge zeigen. Erst in der Halfpipe. Und danach auf dem Podest. „Das größte Problem für mich ist“, sagt er, „dass ich noch keine Goldmedaille gewonnen habe.“ Bisher war er nur nahe dran.
Silber und Bronze hat Scotty James bereits geholt
Scotty James ist allerdings auch ohne Sieg eine olympische Legende. 2010 in Vancouver war er mit 15 Jahren der jüngste Teilnehmer, nun erlebt er mit 31 Jahren schon seine fünften Winterspiele. Dazwischen hat er oft gewonnen – unter anderem vier WM-Titel und achtmal Gold bei den X-Games. Nur seine Olympia-Geschichte ist unvollendet. 2018 holte er in Pyeongchang Bronze, damals gehörten die Schlagzeilen jedoch dem US-Amerikaner Shaun White, der sein Gold-Triple perfekt machte. Vier Jahre später, in Peking, lag Scotty James nach zwei von drei Läufen in Führung, ehe der Japaner Ayumu Hirano ihm den Triumph doch noch entriss. Was ihn erst recht anstachelte. „Ich stehe jeden Tag mit der Motivation auf, noch ein bisschen besser zu werden“, sagt Scotty James, „ich bin noch jung und sehr ehrgeizig. Ich habe Bronze und Silber – jetzt brauche ich nur noch Gold für meine Sammlung im Billardzimmer.“ Einfach wird das nicht.
Scotty James hat zwar die Qualifikation am Mittwoch mit einem überragenden Lauf gewonnen, doch das Niveau in der Weltspitze ist enorm hoch. Ayumu Hirano wurde 2022 auch deshalb Olympiasieger, weil er damals den Triple Cork 1440 – den Sprung mit drei Salti und vier Rotationen – zeigte und stand. Die Athleten der neuen Snowboarder-Generation, die in Livigno ihre Ringe-Premiere feiern, beherrschen diese Höchstschwierigkeit so gut, dass in der Szene schon von den „Triple Cork Olympics“ gesprochen wird. Der Gewinner muss folglich (noch) viel mehr drauf haben.
Rückwärts auf der Autobahn
Scotty James weiß das, weshalb auch er sich weiterentwickelt und auf die sogenannten „Switch Backside Spins“ konzentriert hat. Bei dieser Technik, die wenige Snowboarder wagen, wird die Wand der Halfpipe mit der nicht dominanten Seite hochgefahren und rückwärts abgesprungen, die Sicht bei Absprung und Landung ist stark eingeschränkt. Ende Januar zeigte Scotty James bei den X Games in Aspen seinen neuesten Sprung: Er stand erstmals einen Switch Backside mit vier Drehungen. „Ich denke, das ist der technisch anspruchsvollste Trick in der Halfpipe“, sagt er, wozu die Erklärung von NBC-Kommentator und Ex-Olympiateilnehmer Todd Richards passt: Er verglich in einem Interview diesen Sprung mit einer Rückwärtsfahrt in hohem Tempo auf der Autobahn, bei der man nur in den Rückspiegel schauen darf. Und am Ende trotzdem als Erster ankommen möchte.
Ob Scotty James das diesmal gelingt? Der Mann, über den es eine eigene Netflix-Doku gibt („Pipe Dream“), ist zumindest voller Zuversicht, was auch an der Gegend liegt, in der die Olympischen Spiele stattfinden. Der Australier lebt mit seiner Frau Chloe, einer kanadischen Sängerin, und seinem 16 Monate alten Sohn in Laax in der Schweiz, nur 130 Kilometer entfernt von Livigno. „Es ist schön, quasi vor der Haustüre zu trainieren und Wettkämpfe zu bestreiten“, sagt er, „daraus ziehe ich viel Kraft.“
Die Familie wird am Freitag an der Halfpipe stehen, wenn Scotty James um seinen ersten Olympiasieg kämpft – und sollte es doch nicht klappen mit dem Gold-Coup, dann wird er anschließend seinen Sohn in die Arme nehmen. „Vater zu sein ist etwas ganz Besonderes“, sagt Scotty James, „wenn ich heimkomme und meine Arbeit erledigt habe, hat er keine Ahnung, was passiert ist – er liebt mich einfach. Das ist ein tolles Gefühl, das mir eine wirklich schöne Balance gibt.“ In der Halfpipe. Und im richtigen Leben.