In Anlehnung an Diego Riveras Wandgemälde „Ein Skelett am Sonntagnachmittag“ hat sich Ariane Vera Foto: Gilberto Burguete - Gilberto Burguete

Die aus Ostfildern stammende Singer-Songwriterin und Blog-Autorin Ariane Vera lebt in Mexiko. Dort sind nicht nur neue Lieder entstanden. Sie macht sich für Geschlechtergerechtigkeit, Ökoanbau und mehr stark.

OstfildernEigentlich wollte Ariane Vera vor zwei Jahren nur Freunde in Mexiko besuchen. Dabei hat sie sich komplett in Land und Leute verliebt. Genau genommen war sie damals bereits verliebt, zumindest in einen. Ihr Freund, den sie beim Studium in Schottland kennengelernt hat, stammt aus Mexiko. Das war schlussendlich auch der Grund, weshalb die aus Ostfildern stammende Singer-Songwriterin und Blog-Autorin im vergangenen Jahr ausgewandert ist. Eine Singer-Songwriterin interpretiert nicht nur Lieder, sondern komponiert auch und textet. Zwei Koffer reichten ihr. Einen für Bücher, einen für Kleider – Ukulele und Gitarre kamen noch dazu. „Mehr brauche ich nicht“, sagt die 25-jährige Musikerin, die ihre Stimme auf Festivals und bei Konzerten für den Klimaschutz, Toleranz und Respekt einsetzt.

Der Sprung war gewaltig. Von Ostfildern mit 35 000 Einwohner zog Ariane Vera in das etwa sieben Stunden von Mexico City entfernte Aguascalientes mit schätzungsweise 1,5 Millionen Einwohnern. Genau weiß das keiner. Die sympathische junge Frau mit dem gewinnenden Lächeln fühlt sich wohl dort. „Ich wurde mit offenen Armen empfangen.“ Mit einem Schlag war sie um zig Familienmitglieder reicher. „Ich habe jetzt fünf Tanten, Onkels, jede Menge Cousinen und Cousins.“ Nicht nur das hat ihr das Ankommen enorm erleichtert, sondern auch ihr eigener familiärer Background. Ariane Vera ist Halbargentinierin, sie spricht neben Deutsch auch Spanisch fließend, zudem Englisch und Französisch. Die lateinamerikanische Mentalität ist ihr aufgrund vieler Besuche in der Heimat des Vaters bestens vertraut.

Kampagne für fairen Kaffee

„Heimweh habe ich nie“, sagt sie. „Es gibt verschiedene Zuhause.“ Sie sieht sich als Pendlerin zwischen den Welten. Den Alltag hier und dort könne man nicht vergleichen. An Weihnachten zog sie es dennoch zu ihrer Ursprungsfamilie. Ein Jahr hatte sie ihre Eltern nicht gesehen. Noch bis Mitte Februar ist sie in Ostfildern und gibt in Deutschland exklusiv einige Konzerte, hält Vorträge und besucht Freunde. Bekanntheit erreichte die Musikerin vor drei Jahren, als sie beim Welcome to Europe Songcontests mit ihrem selbstkomponierten Popsong „Tolerance“ als Siegerin hervorging. 125 Künstler aus ganze Europa hatten sich zum Nachwuchswettbewerb angemeldet, bei dem sie für Schottland antrat, wo sie vier Jahre lang internationale Beziehung und Literatur studierte.

Inzwischen hat sie auch in Mexiko einiges auf die Beine gestellt. Sie moderiert eine Radiosendung, die von der offiziellen Kampagne der Vereinten Nationen zu den Zielen der Nachhaltigkeit unterstützt wird, sie betreibt einen Podcast zum Thema Nachhaltigkeit, ist Teil der globalen Girl Up Kampagne der Stiftung der Vereinten Nationen, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzt. Vor Kurzem gründete sie eine Initiative zum bewussten Kaffeekonsum. Auslöser war der Besuch einer Kaffeeplantage im Bundesstaat Chiapas im Süden Mexikos. „Ich habe gesehen, wie die Plantagenbesitzer mit den Auswirkungen des Klimawandels kämpfen.“ Auf Kaffeefestivals, die von der Stadt unterstützt werden, soll für Direkthandel, Ökoanbau und faire Preise geworben werden. „Für die einen ist es eine Tasse Kaffee, für die anderen ist es die Existenz“, unterstreicht Vera die Bedeutung der Aktion vor dem Hintergrund, dass in 15 von 31 Staaten in Mexiko Kaffee angebaut wird.

Auch ihr Musikrepertoire hat sich vergrößert. Vier weitere Lieder sind entstanden: „Amor“, „Again“, „Roller Coaster“ und „Embrace“. Es sind Pop- und Folksongs über Liebe, Reisen und den ganz normalen Alltagsleben. Im März will sie ein Album herausbringen, das von mexikanischen Rhythmen geprägt ist. Ihre Songs sind auf gängigen Musikstreamingdiensten wie Youtube und Spotify zu hören. 2018 sang sie in Straßburg auf Einladung des EU Parlaments beim European Youth Event vor Tausenden von Jugendlichen aus ganz Europa. Wer über ihre Aktionen auf dem Laufenden sein möchte, kann sich über Onlinedienste wie Facebook informieren. Auf ihrem Instagramblog hat sie 1500 Follower. Sie musste feststellen, wie schwierig es ist, einen Account in ein anderes Land mitzunehmen. „Welche Sprache, welche Themen?“, sind einige der Fragen, auf die eine Antwort gefunden werden musste. Jetzt schreibt Ariane Vera in Englisch und Spanisch.

Verkehrte Diskriminierung

Auch als Fotomodell kann man die junge Frau, die in München geboren wurde und mit zwölf Jahren nach Ostfildern zog, bewundern. Für eine Ausstellung zum Tag der Toten im Oktober und November vergangenen Jahres entstanden in Zusammenarbeit mit einer Make-Up-Artistin, dem Fotografen Gilberto Burguete und der Staatlichen Tanzkompanie des Kulturinstituts von Aguascalientes Aufnahmen in Anlehnung an Diego Riveras weltberühmtes Wandgemälde „Ein Skelett am Sonntagnachmittag“. Darauf ist Ariane Vera in bemerkenswerter Pose neben dem Skelett zu sehen, das als Symbol dieses wichtigen mexikanischen Feiertags gilt.

Rassismus hat die großgewachsene, schlanke Frau bislang nicht erfahren. Im Gegenteil. Versteckte Diskriminierung erfolge eher andersherum. Für Mexikaner ist helle Haut seit der Kolonialzeit ein Zeichen von Überlegenheit und Wohlstand. Diese Stereotypen seien spürbar. Der Vorteil: Man werde mit Respekt behandelt. Allerdings musste sie als Europäerin anfangs im Taxi oder auf dem Markt den „weißen Preis“ für Touristen bezahlen und der sei deutlich höher, stellte Ariane Vera fest. Als Vegetarierin schätzt sie die vielen frischen Früchte und überhaupt das mexikanische Essen. Was sie vermisst, sind die Brezeln. Für die Rückreise überlegt sie gerade, wie sich das Gebäck wohl mitnehmen lässt.

Ariane Vera ist am Dienstag, 21. Januar, bei MentorMe in Berlin. Am 25. Januar gibt’s ab 18 Uhr ein Kaffeefestival mit einem Mix aus Musik und Vortrag in der Kulturinsel Stuttgart und am 31. Januar, um 19 Uhr, ein Konzert im Weltcafé in Stuttgart.

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