Claudia Fröhlich hat sich das Vertrauen der Tiere erarbeitet – dafür gibt es immer mal wieder einen sanften Kamel-Kuss. Foto: Stefanie Schlecht

Kamele in Deutschland? Im Schönbuch leben sieben Wüstentiere. Fast alle kommen aus schlechter Haltung. Wie Claudia Fröhlich zu den Tieren kam und warum sie Hefeweizen trinken.

Wer im Totenbachtal spazieren geht, dem kann es passieren, dass er sich gelegentlich die Augen reibt. Inmitten grüner Wiesen zeichnet sich am Horizont eine besondere Silhouette ab – lange Beine, ein nach unten gebogener Hals und zwei Höcker. Kamele? Tatsächlich.

Zwischen Waldenbuch und Weil im Schönbuch haben sieben Wüstentiere ein Zuhause gefunden. Auf dem Kamelhof von Claudia Fröhlich leben sie zusammen mit Lamas, Eseln und Pferden. Für die 53-Jährige sind ihre Schützlinge weit mehr als Tiere – sie sind Lebensinhalt, Verantwortung und Herzenssache. Täglich kümmert sie sich nach Feierabend um ihre Tiere, viele von ihnen sind schon etwas älter und haben zum Teil eine schwierige Vergangenheit hinter sich.

„Mit einem Kamel kann man so viel machen wie mit einem Pferd.“

Claudia Fröhlich, Kamelretterin aus Weil im Schönbuch

Leises Schnauben durchbricht die Stille. Langsam kommt Zabo, der Chef der Herde, näher. Fast eine Tonne schwer, sanfte braune Augen, ruhige Schritte – mit seiner Schnauze kommt er ganz nah an das Gesicht von Claudia Fröhlich heran, um zu schnuppern. Die Leidenschaft für Tiere begleitet Claudia Fröhlich schon ihr ganzes Leben. Begonnen hat alles mit anderen sanften und stattlichen Vierbeinern – Pferden, doch ein Foto von einem Kamel veränderte alles. „Diese Ausstrahlung hat mich sofort fasziniert“, erklärt sie.

Manch ein Spaziergänger staunt nicht schlecht, wenn er die beeindruckenden Trampeltiere auf der Wiese stehen sieht. Foto: Stefanie Schlecht

Balu kommt aus dem Zirkus und hat Arthrose

2012 holte sie den Kamelhengst Balu von einem Zirkus. Er hatte ein eingewachsenes Halfter, das operativ entfernt werden musste. Menschen gegenüber war er zu Beginn an sehr misstrauisch, er hat ihnen nicht mehr vertraut. Zwei Jahre lang arbeitete Fröhlich geduldig daran, sein Vertrauen zu gewinnen. „Heute ist er ruhig, anhänglich und mein Herzenstier“, sagt die Tierfreundin. Er ist mit 32 Jahren der älteste in der Runde. „Er darf seinen Lebensabend bei uns genießen und wird aufgrund seiner Arthrose auch nicht mehr geritten“, erklärt Fröhlich.

Einige ihrer Kamele stammen aus schlechter Haltung – aus dem Zirkus oder aus dem Streichelzoo. Die meisten sind über 20 Jahre alt – ein stolzes Alter. Auch deshalb ist Fröhlich jeden Tag vor Ort bei ihren Tieren. Unterstützung bekommt sie von ihrem Mann und ihrer Tochter. „Es geht nicht nur ums Füttern, man muss nachsehen, wie es ihnen wirklich geht“, sagt sie. Wenn ein Kamel nicht frisst, ist es ein Warnsignal. Denn als Wiederkäuer brauchen sie ständig Nahrung, sonst gerät der empfindliche Pansen aus dem Gleichgewicht.

Auf dem Speiseplan von Balu, Badcha, Zabo und den anderen sanften Riesen stehen vor allem große Mengen Heu, ergänzt durch Mineralstoffe und Salze. „Im Sommer gibt es zusätzlich mal Äste mit Laub“, sagt Fröhlich. Gras hingegen ist für Kamele weniger geeignet. Und als kleine Belohnung? „Knäckebrot lieben sie“, verrät die Kamelfreundin. Frisst ein Tier einmal schlecht, greift Fröhlich auch zu ungewöhnlichen Mitteln. Dann bekommt ein Kamel auch mal ein Hefeweizen zu trinken. „Denn Hefe kann den Pansen wieder anregen“, erklärt Fröhlich. Es aktiviert die Mikroflora und regt den Appetit an. Das Ziel sei immer, dass die Tiere schnell wieder fressen und sich wohlfühlen würden.

Vertrauen ist das A und O – nur dann gehorchen die Tiere

Kamele wirken gelassen – und sind es meist auch. Sie sind friedvolle, ruhige und zugleich meinungsstarke Tiere. Vertrauen und Beziehung seien entscheidend, weiß Fröhlich. Ihre Tiere – alles Wallache – gelten als ausgeglichen. Beschäftigung brauchen sie dennoch: Spaziergänge, Bodenarbeit oder sogar kleine Parcours sorgen für Abwechslung. „Mit einem Kamel kann man so viel machen wie mit einem Pferd“, sagt Fröhlich.

Robust sind die Tiere ebenfalls: Temperaturen von minus 40 bis plus 40 Grad machen ihnen wenig aus. Im Frühjahr verlieren sie ihr dickes Winterfell. „Zeitweise sehen sie dann etwas gerupft aus, weil das Fell in Fetzen herunterhängt“, sagt Fröhlich. Kurze Zeit sind sie dann sogar fast nackt, bevor im Frühsommer das kurze Sommerfell nachwächst. Regelmäßiges Bürsten gehört deshalb zur Pflege.

Fast zehn Kilogramm Heu verspeist ein Kamel pro Tag

Die Haltung der Tiere ist aufwendig und kostspielig. Die sieben Kamele fressen täglich große Mengen an Heu – rund 60 Kilogramm. Um die Kosten zu decken, bietet der Hof verschiedene Programme an. Bei der „Kamelkennenlernstunde“ kann man die Tiere hautnah erleben und man erfährt alles Wissenswerte rund um die Wüstentiere. Zum Beispiel, was es mit den beiden Höckern auf sich hat. „Besucher staunen oft über die Ruhe der Tiere – und über ihre Größe“, sagt Fröhlich. In den Pfingst- und in den Sommerferien gibt es Eselfreizeiten für Kinder ab sechs Jahren an und auch seinen Kindergeburtstag kann man hier feiern.

Tiere begleiten Claudia Fröhlich ihr ganzes Leben. Hauptberuflich arbeitet sie als Kfz-Mechanikerin in Stuttgart, doch ihr Herz schlägt hier, zwischen Heu, Fell und leisen Schritten. „Die Tiere geben einem so viel“, sagt Claudia Fröhlich. „Man vergisst die Alltagsprobleme. Sie geben einem Halt.“ Doch es gebe auch schwere Momente. Vor allem, wenn ein Tier gehen müsse. Dann wird ihre Stimme leiser: „Das ist die Hölle.“ Balu hebt den Kopf und schaut zu der 53-Jährigen. In dem Moment weiß sie: Genau hier, zwischen Heu, Höckern und Kamelschnauzen ist ihr Platz.

Wissenswertes rund um den Kamelhof

Voranmeldung
Der Kamelhof liegt im Totenbachtal zwischen Waldenbuch und Weil im Schönbuch. Der Hof ist nicht öffentlich zugänglich, von außerhalb kann man die Tiere aber beobachten. Für die Veranstaltungen, wie zum Beispiel Kamelstunden, Esel- und Lamatouren sind stets Voranmeldungen erforderlich. Weitere Infos unter www.kamele-weil-im-schoenbuch.de

Freizeiten
In den Pfingstferien und in den Sommerferien bietet Claudia Fröhlich Kinderfreizeiten ab sechs Jahren an. Die Kinder bekommen ihren eigenen Pflegeesel. Sie helfen beim Versorgen der Tiere mit, machen Spaziergänge mit ihnen und lernen, wie man verantwortungsvoll mit Tieren umgeht. Eine Anmeldung ist erforderlich.