Optisch für viele Fußballfans ein Highlight, in den Stadien aber verboten und immer wieder Anlass zu Debatten: Pyrotechnik. Foto: dpa/Tom Weller

Immer wieder kocht die Diskussion über Pyrotechnik in deutschen Fußballstadien hoch. Erst recht, wenn es wie beim Spiel des VfB Stuttgart gegen Bergamo Verletzte gibt. Bei den Beteiligten prallen Welten aufeinander.

Samstagnachmittag, 15.30 Uhr. Zur Lieblings-Anstoßzeit der Fußballfans wird der VfB Stuttgart zum Heimspiel gegen den VfL Bochum antreten. Trotz 60 000 Besuchern eine Bundesliga-Routinepartie. Außergewöhnliche Aktionen auf den Rängen sind da eher nicht zu erwarten. Ganz anders als noch vor kurzem beim Champions-League-Spiel gegen Atalanta Bergamo. Da brannte es in der Cannstatter Kurve gehörig. Fackeln, Rauchtöpfe, Leuchtkugeln zu Hunderten.

Die „Pyroshow“, wie das optisch beeindruckende Spektakel in Fankreisen genannt wird, fand Eingang in zig Videos, die im Internet zu sehen sind. Auch die internationale Presse widmete sich der feurigen Vorstellung. Allerdings ebenso die Stuttgarter Polizei. Die berichtete danach von vier Leichtverletzten, darunter ein Balljunge, der von einem Bengalo am Hals getroffen worden sei. Seither laufen die Ermittlungen. Und über die Vorkommnisse ist eine lebhafte Diskussion entstanden.

Besonders der Balljunge – eigentlich ein 25 Jahre alter Mann – erfreut sich seither großen Zuspruchs. Sowohl der Verein, als auch die Fans und die Polizei sind auf ihn zugekommen. Als sicher darf inzwischen gelten: Wirklich verletzt worden ist er nicht. Aus der Kurve regt sich Widerspruch an der Darstellung der Polizei, zu der das Verhältnis ohnehin als äußerst belastet gilt. Mutmaßlich, heißt es, sei eine Schutzkappe einer Fackel beim Abziehen weggespritzt. Von einem Fackelwurf könne keine Rede sein.

Die Debatte über den Sinn oder Unsinn von Pyrotechnik in Fußballstadien ist dennoch mit voller Wucht zurück. Die Rechtslage ist klar: Das Abbrennen ist verboten. Gespräche über eine Legalisierung, die es vor Jahren zwischen Fanszenen und dem Deutschen Fußballbund (DFB) gegeben hatte, sind zum Erliegen gekommen. Sehr zum Ärger der Fans, die sich auf einem guten Weg wähnten. Seither nehmen Rauch und Feuer in den Kurven eher noch zu. Genauso wie das gegenseitige Misstrauen zwischen Anhängern und Polizei.

Viel Rauch beim Derby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig Foto: dpa/Axel Heimken

Die Vereine stehen oft dazwischen – sie sind Hausherren, zuvorderst für die Sicherheit zuständig, wollen es sich aber auch mit den lautstarken Ultras nicht verscherzen. Und zahlen regelmäßig Strafen. In den Richtlinien des DFB heißt es: „Stadionordnungen müssen durchgesetzt werden.“ Beim DFB kostet das Abbrennen von Pyrotechnik in der Bundesliga 1000 Euro – pro Gegenstand. Viel Druck von allen Seiten.

Dementsprechend vorsichtig äußert sich auch der VfB Stuttgart zum Thema. „Die MHP-Arena ist ein sicherer Veranstaltungsort“, teilt der Verein mit. Weder die messbaren Sicherheitsparameter noch das gefühlte Sicherheitsempfinden der Stadionbesucher hätten sich in letzter Zeit signifikant verändert. Als Veranstalter habe man ein Sicherheitskonzept entwickelt, welches jährlich durch die Prüfgesellschaft Dekra sowie den DFB zertifiziert wird. Um einer Verhärtung der Fronten entgegenzuwirken, fördere man zudem aktiv den Dialog zwischen Fans, Vereinen, Verbänden, Polizei, Behörden und Politik.

Pyrotechnik als Stilmittel

Doch warum gilt vielen Fußballfans das Abbrennen von Pyrotechnik als unverzichtbar, obwohl es illegal und nicht ungefährlich ist? „Wir verstehen, dass man darüber unterschiedlicher Ansicht sein kann. Aber in einer Fankurve geht es auch mal ein bisschen wilder zu“, heißt es bei den Ultras vom Commando Cannstatt. Man mache so etwas nicht bei jedem Spiel. Die Champions-League-Partie gegen Bergamo etwa sei ein besonderer Abend gewesen, den man habe untermalen wollen.

Für die Fanszenen ist Pyrotechnik ein Stilmittel. Man gehe verantwortungsvoll damit um, niemals dürfe sie dazu dienen, Krawall zu machen, heißt es in der Kurve. Man sei erfahren bei dem Thema, falls es irgendwo einmal Auswüchse gebe, greife die Selbstreinigung innerhalb der Szene. Man arbeite so etwas dann auf, das wüssten auch die Vereine. Eine Fackel gezielt Richtung Spielfeld zu werfen, widerspräche allem, was man sich vorstelle. Das sei auch gegen Bergamo nicht passiert.

Die Uefa sanktioniert drastisch

Die Strafe folgt dennoch. Der europäische Fußballverband Uefa bittet den VfB ordentlich zur Kasse. 77 000 Euro werden fällig, darunter 50 000 für die Pyrotechnik, der Rest für andere Verstöße. Zudem droht bei Wiederholung eine Teilsperrung der Cannstatter Kurve. Die harte Fanszene lehnt solche Strafen allerdings ab, weil sie sich zu Unrecht kriminalisiert sieht. Zudem empfindet man die Sanktionen als willkürlich. Die Uefa als Verband wird kritisch gesehen, nicht als moralische Instanz.

Doch auch den Fans selbst drohen Strafen, sollten sie identifiziert werden. Das Risiko nehme man bewusst in Kauf, heißt es in der Szene. Allerdings habe sich die Strafverfolgung extrem verändert, sei viel intensiver geworden. Das verhärtet die Fronten zusätzlich.

Kritik vom Fanprojekt

Diesen Eindruck hat man offenbar auch an anderer Stelle. „Feindbildkonstruktionen gibt es auf beiden Seiten“, sagt Can Mustafa vom Fanprojekt Stuttgart über das Verhältnis zwischen der aktiven Fanszene und der Polizei. Als Teil eines Teams von geschulten Sozialarbeitern steht er für Fans bei jeglichen Problemen innerhalb und außerhalb des Stadions bereit. Mit der Arbeit der Polizei ist er teilweise nicht zufrieden. „Ich habe allzu oft den Eindruck, als wäre sie gegen die Bewegung der Ultras vor Ort“, sagt er.

Im Bezug auf den jüngsten Vorfall sehen sich die Sozialarbeiter des Fanprojekts mit gebundenen Händen. Die Pyro-Aktion sei unglücklich verlaufen. Gewollt habe das aus Mustafas Sicht niemand. „Wir würden gerne vermitteln und wurden von Betroffenen auch kontaktiert, gehen aber keinen Schritt weiter“, sagt er. Denn eine ähnliche Situation nahm für Sozialarbeiter, die nach einer Pyro-Aktion in Karlsruhe vermitteln wollten, in jüngster Vergangenheit kein gutes Ende. Im Rahmen eines Strafverfahrens wurde ihnen mit Beugehaft gedroht, schließlich wurden sie zu Geldstrafen in vierstelliger Höhe verurteilt – wegen versuchter Strafvereitelung.

Bei der Stuttgarter Polizei sieht man die Dinge anders. Die Sicherheitslage rund um Fußballspiele in Stuttgart habe sich in den vergangenen Jahren rein statistisch nicht wesentlich verschlechtert. Der Großteil der Spiele gleiche „friedlichen Fußballfesten“.„Gleichwohl ist festzustellen, dass sich die aktive Fanszene nach der Corona-Pandemie in Teilen in ihrer Ausrichtung und in ihrem Verhalten auch gegenüber der Polizei verändert hat“, heißt es in einer Stellungnahme. Dazu gehörten auch Straftaten zwischen verfeindeten Fanszenen. „Der Gewalt im öffentlichen Raum stellen wir uns mit allen Möglichkeiten entgegen. Unsere Strategie aus offensiver Gefahrenvorsorge und fokussierter Präsenz soll hässliche Szenen rund um den Fußball verhindern“, betont Polizeivizepräsident Carsten Höfler.

Besonders kritisch werde es allerdings, wenn andere Stadionbesucher in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. In diesem Zusammenhang bewerte die Polizei das Abbrennen von Pyrotechnik als „äußerst kritisch“. Zurückliegende Spiele in Stuttgart und an anderen Spielorten mit zum Teil zahlreichen Verletzten verdeutlichten die Gefahr. Im Stadion seien der Veranstalter und sein Sicherheitsdienst für das Sicherheitskonzept zuständig – unter Beratung der Polizei und der Stadt. „Bislang konnte seitens der Polizei noch nicht aufgehellt werden, wie die zum Teil erhebliche Anzahl pyrotechnischer Gegenstände trotz der Personenkontrollen des privaten Sicherheitsdienstes am Einlass ins Stadion gelangen kann“, so die Polizei. Dies sei auch deshalb relevant, weil auf denselben Wegen auch andere gefährliche Gegenstände transportiert werden könnten.

DFB und Vereine sollen es richten

Bei der Polizei betont man, mit allen Beteiligten das Gespräch zu suchen. „ Zwischen dem Polizeipräsidium Stuttgart und dem Fanprojekt besteht ein guter Kontakt sowie ein turnusmäßiger Austausch.“ Auch mit der Fanbetreuung des Vereins stimme man sich regelmäßig ab. „Der Austausch verfolgt einerseits den Ansatz, Verständnis für das jeweilige Verhalten sowie den Handlungsrahmen zu schaffen, andererseits sind die Kontakte auch geeignet, gezielt einzelne Ereignisse nachzubereiten. Ziel der polizeilichen Maßnahmen ist, stets allen Teilnehmenden der Fußballbegegnung einen störungsfreien Stadionbesuch zu ermöglichen.“

Und jetzt? Könnte vielleicht doch noch eine Regelung zum kontrollierten Abrennen von Pyrotechnik einen Durchbruch bringen? Danach sieht es derzeit nicht aus. Es laufen keine Verhandlungen. „Hier sind der DFB und die Vereine in der Verantwortung, erfolgversprechende Lösungen zu generieren“, heißt es bei der Polizei. Oder, wie Can Mustafa vom Fanprojekt es formuliert: „Der Fußball gehört allen Menschen. Er sollte sich ins Zeug legen, dass das auch so bleiben kann.“