Serbiens Präsident Vucic spricht von „Mordversuchen“. Die Opposition und Medien sprechen von „orchestrierten Krawallen“ durch Auftragsschläger der Regierung.
Eine Sommernacht stellt man sich anders vor. Von Novi Sad bis Nis heulten in Serbiens erhitzter Nacht zum Donnerstag in mehr als 50 Städten und Kommunen aufgeregt die Polizeisirenen. Unablässig detonierten nicht nur in der Hauptstadt Belgrad die Feuerwerkskörper, loderten Feuer in umgestürzten Abfallcontainern und peitschte vor dem von empörten Demonstranten belagerten Sitz der regierenden SNS in Novi Sad sogar ein Schuss.
Dutzende von Verhafteten und Verletzten lautete die Bilanz der von heftigen Ausschreitungen begleiteten Protestnacht. Mit demonstrativ hochgekrempelten Ärmeln sprach der zunehmend unter Druck stehende Staatschef Aleksandar Vucic auf einer Pressekonferenz von einem „schweren Abend“ und warf den Demonstranten aufgebracht „mehrfachen Mordversuch“ vor: „Wir werden die Straßen in Belgrad und Novi Sad von den Schlägern säubern. Es wird keine Gnade gegenüber den Hooligans geben.“
Monatelang Proteste gegen Korruption
Beim politisch zerrissenen EU-Anwärter eskalieren die monatelangen Proteste gegen die Korruption. Der autoritär gestrickte Präsident Vucic macht seine Kritiker für die blutigen Ausschreitungen verantwortlich. Studentenaktivisten, die Opposition und unabhängige Medien sprechen hingegen von „orchestrierten Krawallen“, die durch Auftragsschläger der Regierungspartei angezettelt worden seien.
„Konflikte als letzte Verteidigung der strauchelnden Machthaber“ titelte am Donnerstag die regierungskritische Zeitung „Danas“. „Die Terroristen werden immer gewalttätiger“, empörte sich hingegen das SNS-Sprachrohr „Informer“ über den „Blutdurst“ der Demonstranten. „Die Blockierer wollen Krieg!“, vermeldete gar aufgeregt das regierungsnahe Boulevardblatt „Alo!“.
Tatsächlich waren es maskierte Knüppelmänner in schwarzen T-Shirts, die in der Nacht zuvor bei der „Verteidigung“ der SNS-Büros in den beiden Vojvodina-Städtchen Vrbas und Backa Palanka für die Eskalierung der Proteste sorgten. Filmaufnahmen zeigten hernach, wie die sogenannten SNS-„Loyalisten“ geschützt von der Polizei die Demonstranten erst gezielt mit Feuerwerkskörpern beschossen, bevor sie sie mit Knüppelschlägen und Steinwürfen traktierten. Einen Tag später sollten bei den besonders heftigen Ausschreitungen vor dem SNS-Sitz in Novi Sad von beiden Seiten Steine geflogen sein. Die Panik, die ein vor dem Parteisitz auftauchender Mann mit einem Pistolenschuss in die Luft unter den Demonstranten auslöste, rechtfertigte Innenminister Ivica Dacic mit dem „Schutz von Menschenleben“: Der Angehörige der Spezialeinheit Cobra habe mit dem Einsatz seiner Dienstpistole seine Kollegen geschützt.
Seit im vorigen November beim Einsturz des Vordaches des neu renovierten Bahnhofs von Novi Sad 16 Menschen ums Leben kamen, lassen die Proteste gegen die tödliche Korruption den angeschlagenen Balkanstaat nicht zur Ruhe kommen. Nicht nur das abgestürzte Rating seiner SNS macht Vucic bei den sich mehrenden Forderungen nach Neuwahlen zu schaffen.
Würdenträger verhaftet
Die Verhaftung von einem Dutzend Würdenträgern und Unternehmern aus dem Dunstkreis der SNS zu Monatsbeginn setzt Vucic zusätzlich unter Druck: Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, bei der korruptionsanrüchigen Renovierung des Unglücksbahnhofs in Novi Sad den Staat um 115 Millionen Dollar gebracht zu haben.
Die Machthaber versuchten „mit dem Anzetteln von Konflikten, einen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen“, werfen die bisher die Proteste organisierenden Studenten in einer Instagram-Botschaft der Regierung vor.
Auch der Jurist Sinisa Nikolic, einst Kabinettschef des 2003 ermordeten Reformpremiers Zoran Djindjic, vermutet gegenüber „Danas“, dass die SNS ihre schlagkräftigen und häufig maskierten „Loyalisten“ erneut im Hooligan-Milieu rekrutiert habe: Ihr Einsatz sei „einer der letzten Versuche, den Flächenbrand der Unzufriedenheit zu löschen, ohne Neuwahlen ausschreiben zu müssen“.