Ein 53-Jähriger, der schon seit geraumer Zeit seine Nachbarn mit dem Tod bedroht hat, wurde von der Polizei in Gewahrsam genommen und in eine psychiatrische Fachklinik eingeliefert.
Schon wieder Esslingen – diese Worte sind am frühen Dienstagnachmittag in der Hauptstraße des Stadtteils Zell immer wieder zu hören gewesen. Zahlreiche Polizeikräfte, Rettungssanitäter, ein Notarzt, die Feuerwehr, der Kreisbrandmeister sowie der Strom- und der Gasnotdienst hatten dort einen Großeinsatz zu absolvieren. In einer Doppelhaushälfte, unweit des Kreisverkehrs in Richtung Oberesslingen, waren Sprengstoff und möglicherweise auch Waffen vermutet worden. Der 53 Jahre alte, polizeibekannte Bewohner war bereits am Vormittag in Gewahrsam genommen worden.
Gegen 12.30 Uhr rückten die Sprengstoffexperten des Landeskriminalamts (LKA) an, um sich mit der Einsatzleitung über das weitere Vorgehen abzustimmen. Zeitgleich sperrten Streifenbeamte den Einsatzort weiträumig ab. Währenddessen machten sich Bereitschaftspolizistinnen und -polizisten daran, die umliegenden Häuser zu evakuieren. Auch Schaulustige wurden aus der möglichen Gefahrenzone hinauskomplimentiert.
Schreiben und Notizen beschlagnahmt
Die Vorsicht regierte auch im Anschluss: Die Spezialisten untersuchten das Gebäude zunächst von außen, auch mittels Leitern und Spiegeln durch die Fenster im Obergeschoss. Kurz vor 14 Uhr wurde schließlich eines der beiden Schaufenster im Erdgeschoss, die der Bewohner über und über mit Droh- und sonstigen Botschaften „dekoriert“ hatte, aufgebrochen. Diese Arbeit übernahm ein sogenannter Fernlenk-Manipulator namens Teodor, umgangssprachlich auch Entschärfungsroboter genannt. Als die Scheibe dann entfernt war, setzten zwei LKA-Beamte Teodors kleinen Bruder Telemax in das Haus, um die Räume zu inspizieren, ehe sie sich in Bombenschutzanzügen selbst auf die Suche nach gefährlichen Substanzen machten.
Die gute Nachricht: Die LKA-Entschärfer fanden in dem Gebäude keine gefährlichen Gegenstände oder Substanzen, sodass die insgesamt 26 evakuierten Anwohner wieder in ihre Wohnungen zurückkehren konnten. Gleichwohl beschlagnahmte die Polizei mehrere Schreiben und Notizen mit bedrohlichem Inhalt als Beweismittel. Just diese Aushänge sowie mehrfache Bedrohungen der Nachbarn waren auch der Grund für die Durchsuchung und für die Ermittlungen gegen den türkischstämmigen Deutschen.
Esslingens OB Klopfer ist „dankbar für die Wachsamkeit“
Ob sich der Mann wegen einer Störung des öffentlichen Friedens durch Androhen von Straftaten vor Gericht verantworten muss, ist indes noch eine andere Frage. Der psychisch auffällige und polizeibekannte Tatverdächtige wurde zunächst in eine psychiatrische Fachklinik eingeliefert. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Stuttgart, die den richterlichen Beschluss für die Festnahme des 53-Jährigen und die Durchsuchung seines Hauses erwirkt hatten, werden nunmehr weitere Ermittlungen anstrengen.
Esslingens Oberbürgermeister Matthias Klopfer, der sich zusammen mit Bürgermeister Hans-Georg Sigel ebenfalls am Ort des Geschehens eingefunden hatte, war „sehr froh und dankbar für die Wachsamkeit und den präventiven Zugriff der Polizei“. In Esslingen herrsche gerade eine große Verunsicherung, weshalb er froh sei, dass dieses Mal nichts passiert sei. Ihm sei es zudem wichtig, dass die Leute sehen, dass in solchen Fällen etwas getan werde, bevor es, wie erst jüngst, zum Schlimmsten kommt.
Bei den Nachbarn wiederum ist die Stimmung geteilt. Während die einen befürchten, „dass der Typ eh bald wieder draußen ist“, sind die meisten zufrieden, „dass da endlich was geschehen ist“. Immer wieder habe der Mann wüste Beschimpfungen ausgesprochen und sei in aggressiver Art und Weise aufgetreten. Im besten Fall habe man ihn ignorieren können und darauf gehofft, dass er einen in Ruhe lasse, sagt ein Geschäftsinhaber, der seinen Namen in diesem Fall nicht in der Zeitung lesen möchte.
Wolfgang Ulmschneider, der nur ein Haus weiter die Versicherungsagentur der Württembergischen betreibt, hatte dieses Glück nicht. Immer wieder seien er und seine Mitarbeiterin bedroht worden. „Auch damit, dass eine Bombe gezündet und Menschen umgebracht werden“, wie Ulmschneider sagt. Seine Angestellte habe die Situation nicht mehr ausgehalten, fügt er hinzu. „Sie hatte oft Panikattacken, wenn der Mann vor oder in der Tür stand und hat deshalb gekündigt.“ Auch der Versicherungsmakler selbst fühlte sich zuletzt unwohl. „Erst recht nach dem, was am Kronenhof passiert ist und Menschenleben gekostet hat“, erklärt er. Ulmschneider bringt es auf den Punkt: „Ich weiß ja nicht, ob mein Nachbar wirklich harmlos ist. Keine Ahnung.“