Christoph und Gabriele Paulitschek im Ballettsaal, der ehemaligen Scheune des Nellinger Schopfs. Foto: Ulrike Rapp-Hirrlinger - Ulrike Rapp-Hirrlinger

Umbau und Sanierung des „Schopf“ in der Nellinger Wilhelmstraße waren ein Abenteuer. Es ist gut ausgegangen. Heute werden Scheune und Schweinestall als Ballettschule genutzt.

OstfildernModerne Wohnungen in einem der ältesten bäuerlichen Anwesen Nellingens und eine Ballettschule in Scheune und Schweinestall: Es war ein wahres Abenteuer, auf das sich Christoph Paulitschek, seine Frau Gabriele und sein Geschäftspartner Johannes Kleinhans vor 30 Jahres einließen, als sie sich an Umbau und Sanierung des „Schopf“ in der Wilhelmstraße machten.

Eigentlich hatte die Stadt Ostfildern schon den Abbruch des heruntergekommenen Ensembles aus dem 16. Jahrhundert geplant. Doch die beiden Stadtplaner Paulitschek und Kleinhans erkannten das Potenzial der maroden Gebäude in der alten Ortsmitte. Auch dass dort eine Ballettschule einziehen könnte, hatte Christoph Paulitschek im Blick. Ganz anders seine Frau: „Nie und nimmer“ sei ihre erste Reaktion sowohl auf die Idee, im alten Gemäuer auf dem Land zu wohnen, als auch selbst eine Ballettschule aufzumachen, gewesen, erinnert sich die Ballettlehrerin und bekennender „Stadtmensch“. Schließlich unterrichtete sie mit großer Begeisterung an der renommierten Cranko-Schule in Stuttgart – „ein Privileg“ wie sie selbst sagt. Und dann das Risiko, ob überhaupt Schüler kommen würden. Schließlich gab es nicht wenig Konkurrenz von umliegenden Musikschulen.

Familiäre Atmosphäre

Doch ihre Befürchtungen waren unbegründet. Rasch sprach sich das Vorhaben herum und noch während der Bauzeit meldeten sich erste Interessierte. Heute beschäftigt Gabriele Paulitschek in ihrer Ballettschule „Tanzart“ fünf Lehrkräfte. Die rund 230 Elevinnen und Eleven nehmen zum Teil weite Wege auf sich, kommen aus dem Raum Göppingen oder Böblingen zum Unterricht in der umgebauten Scheune. Paulitschek ist eine familiäre und freundliche Atmosphäre wichtig: „Ich möchte meinen Schülern etwas mitgeben auf dem Weg ins Leben.“ Der Erfolg gibt ihr Recht: Viele Absolventen ihrer Schule schafften die Aufnahme in staatliche Akademien und sind inzwischen erfolgreiche Tänzerinnen und Tänzer oder unterrichten selbst. „Eine Schülerin ist heute Ballettdirektorin in Schwerin“, erzählt die Schulleiterin stolz. Wie treu die Ehemaligen sind, zeige sich daran, dass sie immer mal wieder im „Schopf“ vorbeischauten.

Zunächst aber begann das Abenteuer „Schopf“ 1986 mit harter Arbeit. Paulitschek und sein Partner erstellten die Pläne selbst und die beiden Familien legten auch kräftig bei den Bauarbeiten Hand an: 20 000 Arbeitsstunden sind so zusammengekommen. Das verschachtelte Wohngebäude wurde fast komplett abgerissen. Dadurch konnten eine neue Haustechnik und auch Lärmschutz eingebaut werden, bevor das Haus mit den alten Balken und Handwerkertechniken wieder aufgebaut wurde. Auch bei der Raumaufteilung der beiden Wohnungen gab der Denkmalschutz relativ freie Hand.

Der Schweinestall, heute Foyer der Ballettschule, wurde wegen der niedrigen Deckenhöhe angehoben. Die angrenzende Scheune war ursprünglich dreigeteilt. Eine Stahlkonstruktion ermöglichte den 120 Quadratmeter großen, stützenfreien Ballettsaal, der einen professionellen Schwingboden aus Holz erhielt. In einer Ecke habe sie ihre alten Ballettschuhe in den Estrich eingegossen, verrät Gabriele Paulitschek.

Finanzielles Risiko

Die guten Bedingungen der Stadt, die den Bauherren das Grundstück in Erbpacht überließ und das Vorhaben gemeinsam mit Bund und Land mit insgesamt 600 000 Mark bezuschusste, wie auch das Entgegenkommen des Denkmalschutzes habe die Sanierung erleichtert, erzählt Christoph Paulitschek. Doch das finanzielle Risiko des 1,5 Millionen-Mark-Projektes bereitete den Bauherren manche schlaflose Nacht, erinnert er sich. Und auch die Bauarbeiten selbst erwiesen sich als beständiges Abenteuer: So sei sein Partner einmal durch eine morsche Decke gebrochen – zum Glück ohne ernstliche Blessuren davonzutragen. Oder eine alte gemauerte Räucherkammer krachte plötzlich ins darunterliegende Geschoss – und traf glücklicherweise keine Person. Zwischendurch habe er gedacht: „Wenn ich das alles gewusst hätte, hätte ich die Finger davon gelassen.“ Doch wenn man einmal angefangen habe, gebe es keinen Weg zurück. Heute sind sich die Paulitscheks einig: „Es war genau richtig.“

1989, drei Jahre nach Beginn der Planungen, zogen die beiden Familien in den „Schopf“ ein und Gabriele Paulitschek eröffnete ihre Schule. „Vieles war noch provisorisch“, erzählt Christoph Paulitschek. Auch heute noch gibt es Einschränkungen. „Selbst nach der Sanierung ist es eine dunkle Wohnung mit kleinen Fenstern.“ Die stattliche Nutzfläche des Gesamtensembles von 800 Quadratmetern wird geschmälert, weil es keine Fundamente gibt. So kann das gesamte Erdgeschoss des Hauptgebäudes nur als Keller genutzt werden. „Ein historisches Gebäude ist auch eine Last, man darf mit seinen Anstrengungen nie nachlassen“, sagt Paulitschek. Praktisch jedes Jahr sind die Handwerker im „Schopf“ zu Gange und auch die Besitzer legen oft selbst Hand an. Alle Reparaturen müssen denkmalgerecht mit alten Handwerksmethoden und den entsprechenden Materialien ausgeführt werden.

„Tanzart tanzt“ – unter diesem Motto wird das 30-jährige Bestehen der Tanzschule von Gabriele Paulitschek mit einer festlichen Gala Esslinger Neckar Forum am 30. November um 18 Uhr gefeiert. Weitere Infos unter www.tanz-art.de