In solche Dosen stopfte Helmut Hengstenberg als Jugendlicher die frischen Gurken – von Hand. Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

Helmut Hengstenberg hat als Jugendlicher in den Sommerferien im Familienbetrieb gejobbt. Damit hat er sein Hobby finanziert.

EsslingenEine echte Saure-Gurken-Zeit – aber nicht im heute oft gebrauchten Sinne – waren für Helmut Hengstenberg, den ehemaligen Chef des gleichnamigen Familienbetriebes, in seiner Jugend die Sommerferien. Dann nämlich packte er zusammen mit vielen erwachsenen Saisonkräften bei allem an, was mit Gurken zu tun hatte. „Das bot sich irgendwie an“, sagt der heute 84-Jährige mit einem Lächeln. Schließlich wurde der Betrieb Anfang der 1950er-Jahre von seinem Vater und Großvater geführt. Mit 15 half er zum ersten Mal in der Fabrik mit. Vier oder fünf Sommer lang besserte Hengstenberg so sein Taschengeld auf. „Ich war beim Ausladen und beim Sortieren der Gurken und beim Befüllen der Dosen an der Linie dabei“, erinnert er sich. Der Hauptteil der Arbeit lief damals noch von Hand ab. Nur für wenige Arbeitsschritte habe es schon eigene Maschinen gegeben. Etwa von 7 bis 17 Uhr wurden Gurken sortiert und in große Dosen gestopft. „Mir kam’s aber manchmal vor, als würde die Arbeit 24 Stunden gehen“, sagt Hengstenberg. Das Gute an der Stelle im Familienbetrieb? „Ich hatte es nicht weit bis zur Arbeit. Anfangs haben wir nämlich noch im Stammhaus auf dem Fabrikgelände gewohnt.“ Drei Wochen lang schuftete der damals 15-Jährige im Sommer. Den Lohn dafür gab es nicht aufs Konto, sondern bar auf die Hand. „Ich erinnere mich noch, dass es das Geld in Pergamenttüten gab – man konnte nicht direkt hindurchsehen, aber dass Geld darin war, konnte man gut erkennen.“ Für Helmut Hengstenberg ein Schlüsselmoment.

„Das war echt enorm, weil ich gedacht habe: Jetzt bin ich in Arbeit, ich brauche nicht mehr die zehn Pfennig umzudrehen.“ Das Geld ging – ungewöhnlich in dieser Zeit – allein in die Tasche des Jungen. „Ich musste finanziell nichts zum Haushalt beitragen, darum floss damals fast mein ganzes Geld in mein Hobby“, erklärt Hengstenberg. Seit Jahrzehnten ist er Amateurfunker. Schon als Schüler hat er seine ersten Geräte gebaut. „Damals ging es erst nur darum, dass man mit dem Detektor das Radioprogramm aus Stuttgart empfangen konnte“, erklärt er. „Später bin ich dann richtig in den Amateurfunk eingestiegen, wo man auch Funksprüche abgesetzt hat. Das mache ich bis heute.“ Beeindruckt hat Hengstenberg an seinem ersten Ferienjob vor allem eines: „An der Produktionslinie ist alles so getaktet, dass man mit der Zeit das Gefühl hat, man ist ein Teil dieser Maschine“, erinnert er sich. Überhaupt sei die Arbeit in einem Unternehmen etwas, was man erleben müsse, um es zu verstehen. „Wenn man nur darüber liest, begreift man es nicht. Aber ein kurzer Kontakt – zum Beispiel durch einen Ferienjob – mit dem Mechanismus einer Firma, einer Fabrik oder einer Produktionslinie kann da schon einen ersten Eindruck liefern.“ Für Jugendliche sei es eine wertvolle Erfahrung, in die Arbeitswelt hineinzuschnuppern. „Ich glaube, dieses Aufeinandertreffen in einer arbeitsteiligen Situation kennt man als Schüler gar nicht“, sagt Hengstenberg. „Da wird man ja meistens entweder von den Eltern oder den Lehrern dirigiert.“ Für Helmut Hengstenberg waren die drei Wochen im Familienbetrieb immer eine spannende Zeit. „Meine Freunde haben mich in dieser Zeit aber damit aufgezogen, dass ich immer nach Essig gerochen habe“, so der 84-Jährige. „Ich habe halt so viel Zeit in der Fabrik verbracht, dass ich auch abends, wenn ich mich mit meinen Freunden getroffen habe, noch diesen Geruch nach Essiggurken an mir hatte.“ Bis heute bringt ihn der Geruch von frischem Dill und Essig darum zurück in seine Jugend.

Die Serie

Austräger für die Sonntagszeitung,

Nachhilfelehrer oder Babysitter – viele Leute gehen schon in der Schulzeit

einem Nebenjob nach, um das Taschengeld aufzubessern. In der EZ-Serie „Mein erstes eigenes Geld“ berichten bekannte Esslinger von ihren

ersten Erfahrungen mit dem Berufsleben.

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