Ralf Rascher Foto: Rudel - Rudel

Bundesliga-Trainer ist Ralf Raschers vierter Job

OstfildernRalf Rascher hat wenig Zeit. Der neue Trainer der Bundesliga-Handballerinnen des TV Nellingen hat vier Jobs, das Interview findet in seiner Mittagspause als Sportlehrer am Otto-Hahn-Gymnasium in Nellingen statt. Die Heimspielstätte der Hornets, die Sporthalle 1, ist gleich neben der Schule. Dort wird er ab nächster Woche das Training leiten. Immerhin etwas Zeit hat er zum Kennenlernen: Das nächste Spiel findet erst nach der EM-Pause am 26. Dezember bei der TuS Metzingen statt.

Sie sind in der Ausbildung für Referendare am Seminar in Stuttgart tätig, an zwei Tagen Sportlehrer am Otto-Hahn-Gymnasium in Nellingen sowie beim Regierungspräsidium in die Lehrerausbildung eingebunden – und jetzt noch Cheftrainer in der Bundesliga. Wie schaffen Sie diese Vierfachbelastung?
Da müssen wir in ein paar Monaten nochmal drüber reden. Es ist klar, dass meine Frau nun viel mehr oder alles alleine zuhause managen muss. Sie kennt das – Gott sei Dank – , denn als wir uns kennengelernt haben, habe ich auch täglich trainiert. Die Stuttgarter Kickers habe ich nach dem Referendariat vier Mal die Woche trainiert. Und als ich die HSG Ostfildern gecoacht habe, habe ich mich kurz in der Schule auf der Couch ausgeruht und bin dann zum Training gegangen. Ich freue mich darauf, abends dann nicht zuhause zu sitzen, sondern in der Halle zu sein. Das ist mein Ding.

Aber die Wochenenden...
Genau, das große Aber, bei dem ich noch nicht genau weiß, was auf mich zukommt. Die Fahrten zu den Auswärtsspielen sind teilweise sehr weit, dazu kommen die Spielanalysen, die ich schon immer gemacht habe, aber sicher in einem anderen Umfang, wie ich es jetzt machen möchte. Sechs Monate sind jedoch absehbar und ich habe mit Dieter Döffinger einen Co-Trainer, der mich auch in diesen Bereichen unterstützen wird.

So war es dann auch mit der Familie ausgemacht?
Genau. Für meine Kinder ist es etwas schwerer, weil ich seit dem vergangenen Jahr bei der E- und D-Jugend des TSV Bartenbach beim Training mithelfe. Mein Sohn spielt in der E-Jugend, meine Tochter in der D-Jugend. Das wird das Erste sein, das ich jetzt streichen muss.

Dann ist die schöne Zeit mit Papa als Trainer vorbei.
Da gab es schon mal Diskussionen, aber grundsätzlich war das schön. Vor allem, weil ich die Zeit davor 16 Jahre am Stück Cheftrainer war und das immer sehr ernst genommen habe. Das vergangene war das erste Jahr, in dem ich meine Kinder ins Bett gebracht habe, in dem ich auch am Wochenende dabei war. Das ist tatsächlich auch die einzige Sache, die mir jetzt schon Probleme bereitet.

Warum haben Sie sich für Nellingen entschieden?
Zu den zwei Gründen, die ich schon am Samstag in der Halle genannt habe – meiner Verbundenheit mit Ostfildern und dem absoluten Willen der Mannschaft – , kommt noch die Kooperation des OHG mit dem TV Nellingen. Wir sind Partnerschule für den Olympiastützpunkt, ich betreue unsere Kaderathleten und wir haben die Möglichkeit der Schulzeitstreckung für Spitzensportler und -sportlerinnen in der Oberstufe. Deshalb steht die Schulleitung mit Mario Lietzau und Klaus Schipke auch hinter meinem Engagement als Trainer: Die Hoffnung ist, dass diese Kooperation mit den Hornets mehr gefördert wird und die ein oder andere Spielerin über die Kaderathletenbetreuung an die Schule kommt. Was hat Sie an der neuen Aufgabe gereizt?
Ich freue mich riesig drauf, die Nellingerinnen zu unterstützen – und mit einem professionellen Team zu arbeiten. Ich habe mit meinem Co-Trainer Dieter Döffinger zwar jemanden, den ich noch nicht gut kenne, aber jemanden der unglaublich vernetzt ist, 40 Jahre im Frauen-Handball tätig ist, der sich mit der Frauen-Bundesliga auskennt. Ich habe eine Torwarttrainerin, Daniela Hansen, die wahnsinnig viel Erfahrung hat. Ich freue mich darauf, mit meinem Athletiktrainer Martin Kober Trainingspläne zu erstellen. Das sind die Dinge, die mich mega reizen.

Ist die Bundesliga eine große Herausforderung für Sie? Sie haben die Trainer-B-Lizenz, deshalb gibt es von der Bundesliga eine Ausnahme.
Ich hoffe, ich klinge da jetzt nicht zu arrogant: Ich habe sportlich gar keine Bedenken. Sportlehrer aus- und fortzubilden ist mein Hauptberuf, seit acht Jahren mache ich nichts anderes außer Sport. Unter gewissen Bedingungen mit organisatorischen und methodisch-didaktischen Mitteln zu meinem Ziel zu kommen – das ist genau das, was ich täglich mache und das ich versuche, meinen Referendaren beizubringen. Und alles, was darüber hinausgeht, wird ein Erfahrungsprozess sein, zum Beispiel was die Besonderheiten der Frauen-Bundesliga sind.

Und was auch die Besonderheiten sind, Frauen zu trainieren?
Die Spielerinnen sind Profis. Fachlich, auf dem Feld und im Spiel glaube ich nicht, dass es Probleme gibt. Außerhalb des Feldes wird es Besonderheiten geben. Da hoffe ich, dass mir die Frauen helfen. Wir haben vier, fünf Wochen, um uns kennenzulernen. Ich werde in den ersten zwei Wochen mit allen sprechen, so viel wie möglich aufsaugen. Ich werde auch mit Nico Kiener, Gerhard Rohr und dem ganzen Trainerteam reden. In meinem Hauptjob am Seminar arbeite ich zudem mit Referendarinnen und Sportstudentinnen zusammen, die meistens zwischen 23 und 30 Jahre alt sind. In der Schule geht es ja auch bis 17,18 Jahre.

Was steht in diesen fünf Wochen außer den Gesprächen noch an?
Diese Woche haben die Spielerinnen noch Urlaub, ab nächster Woche geht es los mit einem Athletikschwerpunkt. Das passt auch zu den Dingen, die ich bisher gesehen habe: Dass wir in der Abwehr schnellere Beine haben, aus der 6:0-Abwehr agiler werden und im Gegenstoß viel arbeiten möchten. Ich glaube nicht, dass ich so wichtig bin und alle meine Dinge, die ich jetzt umsetzen möchte, die entscheidenden sind. Es geht darum, dass ich die Stellschrauben finde, um Strukturen, die funktioniert haben, weiter zu entwickeln und gegebenenfalls zu modifizieren.

Es war sehr unruhig für die Nellinger Spielerinnen. Nico Kiener und Gerhard Rohr sprangen nur interimsweise ein, das Team wusste nicht, wer kommt. Gibt es da etwas aufzuarbeiten?
Oh, ich werde überhaupt nichts aufarbeiten. Ich bin jetzt der dritte Trainer in einer Saison, das ist schwer genug. Wenn mir die Spielerinnen sagen möchten, was sie nicht gut fanden, dann ist das okay. Grundsätzlich geht es mir nicht darum, Vorgänger zu bewerten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es manchmal passt und manchmal nicht. Das Schöne ist, dass Kiener und Rohr ja nicht rausgeflogen sind, sondern dass es so ausgemacht war. Dadurch haben wir die Chance, sehr transparent und offen über alles zu sprechen. Ich werde die Erfahrungen, die sie gemacht haben, mitnehmen.

Sie sagten eben, dass es manchmal passt und manchmal nicht. Da denke ich an den TSV Deizisau, den Sie bis vergangenen November nur elf Spiele trainierten. Warum klappte es dort nicht?
Grund Nummer eins: Die Punkte auf dem Blatt waren nicht ganz so viele wie wir uns vorgestellt hatten. Dadurch kommt man in die Kritik. Nummer zwei: Dinge, die wir besprochen hatten und die mir wichtig waren, konnten nicht umgesetzt werden. An was es lag, ist immer müßig und gehört hier auch nicht her. Fakt ist: Ich oder wir gemeinsam haben es nicht geschafft, optimal als Team zu agieren und die Punkte zu holen. Deshalb war damals die Entscheidung von allen Seiten richtig, dass wir es lieber früh beenden.

Haben Sie nach dem Ende in Deizisau Lehren für sich gezogen?
Deizisau ist nicht die erste Mannschaft, bei der es für mich nicht perfekt funktioniert hat. Ich hatte einige Aufstiege und Erfolge, hatte aber auch einige Jahre, in denen es nicht so gut lief und in denen man sich zusammengerauft hat. Und dann gab es Jahre, in denen man es beendet, wie in Deizisau. Das gehört dazu. Das Entscheidende ist aber – in all meinen Berufen – , dass ich aus der Arbeit mit Menschen immer etwas ziehe. Deshalb bin ich der Meinung, dass man als Trainer nie schlechter wird, sondern immer besser. Meine Lehren aus all den Jahren: Ich weiß, was mein Ding ist. Ich möchte am Anfang viel kommunizieren und spätestens in zwei Wochen Entscheidungen getroffen haben und diese werden dann auch so strukturiert, geplant und im Training durchgeführt, wie ich das möchte. Diese Klarheit, ist auch genau das, was die Verantwortlichen des TVN gefordert haben. Ich werde in der Bundesliga mit Sicherheit bestimmter auftreten und klarere Strukturen vorgeben, als ich es im mittleren Leistungsbereich oder bei Hobbymannschaften gemacht habe.

Der Klassenverbleib ist ein Ziel, das ganz klar vom Verein vorgegeben ist. Ist noch mehr drin?
Da bin ich ganz eindeutig: Mein Ziel ist ein anderes. Ich möchte aus dem Team und der Situation das Bestmögliche herausholen. Wenn ich nach ein paar Wochen und Monaten merke, da muss mehr drin sein, dann werde ich auch gemeinsam mit dem Team das Ziel anders formulieren. Ich denke erst mal nur bis Weihnachten und da ist mein Ziel, zwei Punkte zu holen. Ansonsten geht es darum, dieses Schiff jetzt zu lenken, aber in ruhige Gewässer zu bringen, damit die Spielerinnen nicht überlegen müssen, wie es weiter geht, sondern sich auf ihren Job konzentrieren können: nämlich Handball spielen. Und dann kommt dadurch hoffentlich der Klassenverbleib.

Das Interview führte Karla Schairer.

Zur Person

Ralf Rascher (43) war bis vor einem Jahr Trainer des damaligen Baden-Württemberg Oberligisten (heute Württembergligisten) TSV Deizisau. Seitdem trainierte er die E und D-Jugend des TSV Bartenbach. Er begann als Chef-Trainer mit 27 Jahren bei den Stuttgarter Kickers, danach war er in Langenau, Schwäbisch Gmünd sowie Ostfildern und trainierte vier Jahre lang das A-Jugend-Team des TSV Bartenbach. Rascher wohnt mit seiner Familie in Göppingen.

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