Katharina Rieck aus Schorndorf ist blind. Dennoch setzte sich die 30-Jährige selbst ans Steuer – und jagte mit bis zu 200 km/h über den Hockenheimring.
Noch immer kann sie es selbst kaum glauben. „Es war so ein großer Wunsch von mir und jetzt ging er tatsächlich in Erfüllung“, sagt Katharina Rieck und meint damit die Tatsache, dass sie dieser Tage mit 200 Sachen über den Hockenheimring rasen durfte. Als wäre das nicht schon aufregend genug, saß die 30-jährige Schorndorferin bei der verrückten Aktion selbst hinterm Steuer – und das, obwohl sie blind ist.
„Ich habe eine erbliche Netzhauterkrankung, durch die ich jetzt leider nur noch zwei Prozent Sehkraft habe. Die Diagnose habe ich mit 13 Jahren erhalten.“ Dass sie sich davon nicht unterkriegen ließ und sich auch große Träume bewahrte, das hat die junge Frau, die als Physiotherapeutin arbeitet, nun wohl mehr als bewiesen. Möglich gemacht hat das besondere Erlebnis eine Radioaktion, bei der eine Freundin für Katharina aktiv wurde.
„Der Fahrlehrer, hat mir immer wieder Anweisungen gegeben, wie ich das Lenkrad drehen muss.“
Katharina Rieck über ihre rasante Fahrt
Denn die 30-Jährige träumt seit ihrer Jugend davon, einmal selbst Auto zu fahren, trotz ihrer Einschränkung. Ein Wunsch, der lange unerreichbar schien. Als sie mit ihrer Freundin Bianca darüber sprach, reichte diese spontan einen Kostenvoranschlag für Fahrstunden beim Sender ein. Die Rechnung wurde gezogen und plötzlich wurde aus dem Traum Realität, denn die Geschichte hinter der Rechnung weckte sofort große Aufmerksamkeit, und der Sender berichtete, dass die mit der Story betrauten Moderatoren, sobald sie von der Geschichte erfahren hatten, den Plan schmiedeten, das Ganze groß aufzuziehen. Und wo kann man besser Autofahren und ordentlich Gas geben als auf einer Rennstrecke?
„Die Vorfreude war so groß, und es war alles so unreal“
Und Katharina? Die konnte ihr Glück kaum fassen und wurde, je näher der Hockenheimring rückte, stiller im Auto. „Die Vorfreude war so groß, und es war alles so unreal. Und dann ist der Puls immer höher gegangen“, sagt Katharina Rieck, die bei der Erfüllung ihres Lebenstraumes Hilfe von einem Fahrlehrer erhalten hat. „Stefan, also der Fahrlehrer, hat mir immer wieder Anweisungen gegeben, wie ich das Lenkrad drehen muss, ob ich weiter nach links oder nach rechts drehen oder es gerade halten soll, beziehungsweise ob ich bremsen oder Gas geben soll. Und ein paar Mal musste er auch ein bisschen ins Lenkrad eingreifen, damit wieder alles korrigiert war“, sagt die 30-Jährige.
Sie war bei der ganzen Aktion ganz schön mutig, denn für die Schorndorferin selbst war es aufgrund ihrer starken Beeinträchtigung quasi ein Blindflug – sie raste, ohne etwas zu sehen, mit 200 Stundenkilometern über die bekannte Rennstrecke und musste Fahrlehrer Stefan und seinen Anweisungen komplett vertrauen. Adrenalin pur mit Mama Dominique, die extra angereist war, und auf dem Rücksitz saß. „Es war ein Mega-Gefühl. Mega, mega, mega. Es waren riesige Glücksgefühle und Freiheitsgefühle, die einen überwältigt haben“, sagt Katharina Rieck, die vor Ort auch von Freundin Bianca und ihrer Chefin unterstützt wurde, und die Tränen nicht zurückhalten konnte.
Die Schorndorferin selbst hat von der Rennstrecke überhaupt nichts gesehen. Retinitis pigmentosa heißt die erbliche Netzhauterkrankung, bei der durch einen Gendefekt immer mehr Zäpfchen und Stäbchen auf der Netzhaut absterben, wie sie erklärt. „Die sind für hell, dunkel, Farbe und scharf sehen zuständig. Die werden dann quasi immer weniger“, erklärt Katharina Rieck, die aus diesem Grund nur bis zur Scheibe im Auto gesehen hat. „An guten Tagen erkenne ich noch die Gegenstände und Personen als Schemen. Knallige Farben gehen auch manchmal noch. Wenn es dunkel ist, kann ich aber gar nichts mehr sehen.“
Dass sie trotzdem das Video ihrer spektakulären Fahrt anschauen konnte, liegt an den vielen Hilfsmitteln, die die beeinträchtigte Frau – sie lebt alleine und hat für unterwegs einen Blindenstock – im Alltag zur Hand hat. „Es kommt auch immer auf den Winkel an, in dem ich mir etwas anschaue. Und auf den Kontrast und die Geschwindigkeit. Durch bestimmte Technik kann ich mir ein Video unterlegen und es dann auch größer ziehen“, sagt die 30-Jährige, die ihr Erlebnis wohl nie vergessen wird. „Beim normalen Autofahren als Beifahrerin ist es jetzt manchmal so, dass die Bilder oder die Emotionen vom Hockenheimring ein Stück weit wieder deutlicher in den Fokus kommen.“
Doch woher kommt ihre unbändige Lust, mal selbst Autofahren zu dürfen, denn eigentlich? Katharina Rieck muss bei dieser Frage nicht lange überlegen. Ein Workshop zu Schulzeiten sei dafür verantwortlich gewesen. „Wir waren von der Schule aus auf dem Verkehrsübungsplatz. Und da gab es aber nur sechs Plätze für mehr als 300 Schüler. Und da bin ich leider nicht reingekommen, und meine eine Freundin hat dann erzählt, wie cool das gewesen ist. Seitdem war der Wunsch da, selbst mal Gas geben und bremsen zu können und das alles vom Gefühl her zu spüren“, sagt sie.
„Am Steuer fühlte ich mich, als ob alles möglich ist“
Katharina Rieck, die mit der öffentlichen Aktion auch anderen Mut machen will, trotz Handicap und Krankheiten für Wünsche und Träume zu kämpfen, auch wenn die Umsetzung mal schwieriger ist, sagt: „Man sollte dranbleiben und sich von keinem Menschen der Welt abbringen lassen. In dem Moment, in dem ich am Steuer saß, habe ich mich plötzlich so gefühlt, als ob ich gar kein Handicap habe und alles möglich ist. Dafür hat sich der ganze Rummel gelohnt.“
Blind am Steuer
Info
Auf Social Media gibt es das Video zu der rasanten Fahrt unter:
https://www.facebook.com/reel/1268213768703101 und
https://www.instagram.com/reel/DUZ9QN1iIep/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA==