Léon Marchand ist der neue Schwimmstar – bei den Spielen von Paris holte er sein erstes Gold. Foto: IMAGO/Xinhua/IMAGO/Wang Peng

Michael Phelps hat einst 23 olympische Goldmedaillen gewonnen. Nun eifert ihm ein junger Franzose nach. Wird Léon Marchand der neue Michael Phelps? Den richtigen Trainer dafür hat er schon mal. Und das erste Gold auch.

Cedric Büssing übermannten die Emotionen. Seine Stimme stockte, die Tränen schossen ihm in die Augen, es fiel ihm schwer, längere Sätze zu formulieren. Der Schwimmer aus Essen hatte da gerade das olympische Finale über 400 Meter Lagen erreicht – in deutscher Rekordzeit. Warum er so emotional war? „Die ganze Familie war da, ich wollte sie nicht enttäuschen.“ Léon Marchand hatte eine ganz andere Last zu tragen. Und als er das fertiggebracht hatte, wirkte er – überraschenderweise – nicht mal annähernd so angefasst, wie sein deutscher Konkurrent (Achter im Finale). Immerhin erklärte der Franzose: „Es war großartig.“

Großartig? Das, was er da am Sonntagabend in der La Défense Arena erlebt hat, war lediglich großartig? Man hätte das Geschehene durchaus emotionaler, bedeutsamer und begeisternder kommentieren können. Denn das, was sich da in dieser riesigen, für die Olympischen Spiele vom Rugbystadion zur Schwimmhalle umfunktionierten Arena abgespielt hatte, gab es selten zuvor im internationalen Schwimmsport. Der Hauptdarsteller dieses außergewöhnlichen Spektakels: eben Léon Marchand.

Der neue Wunderknabe des Schwimmens.

Vergleiche mit Schwimmlegende Michael Phelps

22 Jahre alt ist der junge Mann erst – aber die französischen Fans huldigten ihm bereits auf besondere Art und Weise. Zu Tausenden hatten sie geduldig in der hunderte Meter langen Warteschlange gewartet. Als sie dann im Innern angekommen waren, begann sofort der Support für den neuen Nationalhelden. „Allez les bleus“ ist ja normalerweise der Schlachtruf der Franzosen, wenn es darum geht, Sportler, Sportlerinnen oder Teams anzufeuern. Am Sonntag schallte dagegen „Allez Léon“ durch die Arena – und zwar derart laut, dass das Hallendach abzuheben drohte ob der Bugwelle, die vom Becken auf die Tribüne schwappte. Und von dort wieder zurück.

Damit etwas Abwechslung in die Anfeuerungsrufe kam, wurde auch die Marseillaise angestimmt – und am Ende inbrünstig mitgesungen. Zu Ehren von Léon Marchand, dem neuen Olympiasieger über 400 Meter Lagen. Und: dem neuen Michael Phelps.

Als solcher jedenfalls wird der Franzose bezeichnet, seit er sich bei der WM vor einem Jahr in die Weltspitze katapultiert hatte. Was den Vergleich mit dem amerikanischen Schwimm-Superstar (23 olympische Goldmedaillen in Athen, Peking, London und Rio de Janeiro) befeuert: Marchand trainiert seit drei Jahren in den USA – bei Bob Bowman, der einst Phelps zum Weltstar im Becken geformt hatte.

Phelps war auch am Sonntag in der Halle – und sah zu, wie Léon Marchand die erste Stufe einer Treppe erklomm, die ihn noch weit nach oben führen soll. Den Weltrekord hatte er dem Amerikaner ja bereits abgeluchst, es war der letzte Einzelrekord, den die 2016 zurückgetretene Schwimmlegende noch innehatte. Phelps, heute 39 Jahre alt, meinte damals: „Er bleibt bei Léon und Bob ja in der Familie.“ Nun holte Marchand sein erstes olympisches Gold mit olympischem Rekord. Auch den hatte zuvor Phelps gehalten.

Gold in Paris – das war das ausgemachte Ziel: „Seit ich ein Kind war, war es mein Traum, es ins olympische Finale zu schaffen und Olympiasieger zu werden.“ Als es erreicht war, rasteten die Fans zwar aus, Marchand blieb aber verhältnismäßig abgeklärt. Vielleicht auch, weil seine Paris-Mission noch nicht beendet ist.

Drei weitere Einzelstarts hat der 22-Jährige, dessen Vater Xavier ebenfalls Schwimmer und einst Vizeweltmeister war, noch geplant: über 200 Meter Brust, 200 Meter Schmetterling und 200 Meter Lagen. „Ich kann es kaum erwarten“, sagte Marchand. Über das jeweilige Ziel muss nicht lange diskutiert werden. Wird es gar viermal Einzel-Gold?

Womöglich übermannen dann ja selbst den abgezockten Jungstar die Emotionen.