Modell für die Bundeswehr? – Ein Transporthubschrauber des US-Heeres vom Typ CH-47 Chinook, hier während einer Übung bei Renningen. Foto: 7aktuell.de/Timo Jakisch

Der neue schwere Transporthubschrauber der Bundeswehr wird zwei Hauptrotoren haben: Alles läuft auf die CH-47F von Boeing zu. Die Konkurrenz wehrt sich heftig.

Kurz vor der nächsten großen Rüstungs-Entscheidung der Bundesregierung steht der klare Favorit fest. Eine Weiterentwicklung der CH-47F des US-Luftfahrtkonzerns Boeing soll nach Informationen unserer Zeitung der neue schwere Transporthubschrauber der Bundeswehr werden. Wenige Wochen nach der Entscheidung für den Kauf von F-35-Kampfjets wäre der Hubschrauber mit einem Beschaffungsvolumen von rund 5,2 Milliarden Euro der zweite Großauftrag, der in die USA geht. Bisher ist von etwa 60 CH-47F die Rede, die Luftwaffe hätte gern ein paar mehr.

Kurz vor der Entscheidung

In ihrem Tagesbefehl vom 8. April schreiben Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) und Generalinspekteur Eberhard Zorn: „Die Entscheidung für den schweren Transporthubschrauber wird in Kürze folgen.“ Sie steht längst an. Die Flotte der seit 1975 in vier Versionen eingesetzten CH-53G ist weit überaltert mit negativen Folgen für Einsatzbereitschaft und Betriebskosten.

Was auch die Niederländer wollen

Für die in rund 20 Ländern geflogene CH-47 mit ihren auffälligen zwei Hauptrotoren sprechen vor allem fünf Gründe: Dieser Hubschrauber gilt als sehr robust. Er soll ohne teure Sonderentwicklungen – die Fachleute sagen dazu: aus dem Regal – in der Luftwaffe einsetzbar sein. Die neueste Version der CH-47F ist elektronisch sehr gut ausgestattet. Außerdem sprechen für diese Maschine, dass sie schwere Außenlasten tragen kann – und nicht zuletzt: Sie ist auch der schwere Transporthubschrauber der niederländischen Streitkräfte, mit denen die Bundeswehr sehr eng zusammenarbeitet.

Tanken in der Luft

Boeing betont, dass sein Modell auch so ausgestattet werden kann, dass es während des Flugs von Tankflugzeugen zu versorgen ist. Die Luftwaffe hat diese Anforderung zumindest für einen Teil der neuen schweren Transporthubschrauber gestellt.

Wobei bis zuletzt offengeblieben ist, ob die Fähigkeit zum Betanken in der Luft von Beginn an oder erst im Zuge einer Nachrüstung zur Verfügung stehen muss. Nachrüstung heißt fast immer: Es wird extrem teuer, und das Waffensystem steht der Truppe lange Zeit nicht zur Verfügung. Außerdem gibt es unter Experten Zweifel daran, ob die CH-47F im Rahmen dessen, was die Ausschreibung des Auftrags vorgibt, überhaupt für Luftbetankung auszustatten ist.

Freunde in der Spitze der Bundeswehr

Die nachprüfbaren Stärken haben der CH-47F erkennbar Sympathien beim Generalinspekteur und bei den Inspekteuren von Heer und Luftwaffe, Alfons Mais – von Haus aus ein Heeresflieger – und Ingo Gerhartz, eingetragen. So hat das Boeing-Modell die Nase vor der CH-53K des ebenfalls amerikanischen Herstellers Sikorsky, der zum Rüstungsriesen Lockheed Martin gehört.

Die CSU ins Boot geholt

Im Bundestag sind die Meinungen verteilt. Boeing machte mit Blick auf Unterstützung aus der CSU einen geschickten Schachzug: Das Unternehmen unterzeichnete für das Hubschrauber-Projekt Ende März eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit mit Airbus. Sie soll dem europäischen Konkurrenten Aufträge unter anderem bei der Ausstattung und Wartung der CH-47F sichern. Die wichtigsten Airbus-Standorte für die Hubschrauber-Produktion und -Wartung liegen in Bayern, voran im schwäbischen Donauwörth.

Ein Lock-Angebot für den Staatssekretär

Dabei hat sich auch die Konkurrenz mächtig ins Zeug gelegt. Mit dem Vorgang Vertraute sagten unserer Zeitung, Lockheed Martin habe dem deutschen Rüstungs-Staatssekretär Benedikt Zimmer auf dessen USA-Reise Ende März ein Kombi-Angebot für den Kampfjet F-35 plus den Hubschrauber CH-53K vorgelegt, „das man eigentlich nicht ablehnen kann“.

Post an Lambrecht von amerikanischen Senatoren

Am 18. März hatten zwei US-Senatoren und vier Abgeordnete des Repräsentantenhauses aus dem Sikorsky-Heimatstaat Connecticut an Ministerin Lambrecht geschrieben und für die CH-53K als „den weltweit stärksten Transporthubschrauber, einzigartig in Reichweite, Nutzlast, geringem Unterhalt und Überlebensfähigkeit“ geworben. Wie es jetzt aussieht, vergeblich. Wobei die finale Entscheidung eben noch aussteht.

Eine kuriose Vorgeschichte

Sie hat eine nicht nur lange, sondern auch kuriose Vorgeschichte: Im September 2020 stoppte die Vergabekammer beim Bundeskartellamt das Verfahren. Sowohl das Angebot von Boeing als auch jenes von Sikorsky (Lockheed Martin) erschien den Finanzern – gemessen an den Anforderungen und dem Budget der Bundeswehr – als deutlich überteuert. Die Beschwerden des Verteidigungsministeriums und von Lockheed Martin gegen diese Entscheidung scheiterten in letzter Instanz. Sikorsky und Boeing mussten ihre Angebote nachbessern.

Die Nase voll von europäischen Lösungen

Bemerkenswert ist, dass Airbus als Hoflieferant der Luftwaffe nicht ins Rennen um diesen Auftrag ging. Immerhin schätzen Experten dessen Gesamtvolumen bis zum Ende der Laufzeit dieses Waffensystems auf gut zehn Milliarden Euro nach heutiger Kaufkraft.

Dahinter scheint eine erhebliche, über viele Jahre aufgebaute Frustration in der Bundeswehr und ganz besonders in der Luftwaffe auf, was multinationale Neuentwicklungen mit europäischen Partnern angeht. Ob Kampfjet Eurofighter, Mehrzweckhubschrauber NH90 oder Transportflugzeug A400M: Stets lagen Lieferzeiten und Kosten weit über dem ursprünglich Veranschlagten.