Julian Großkopf hat seine Ambitionen in Ingolstadt zurückschrauben müssen. Foto: privat

Beim Wettkampf in Ingolstadt erleben einige Sportler aus dem Kreis Ludwigsburg ihr sportliches Waterloo. Andere hingegen dürfen sich nun deutscher Meister nennen. Was ist passiert?

Erst war die Enttäuschung bei Julian Großkopf grenzenlos. Monatelang hatte er auf die deutschen Triathlon-Mitteldistanz-Meisterschaften in Ingolstadt hingefiebert. Am Ende kam er nicht einmal ins Ziel. Nun, mit ein paar Tagen Abstand, ist er aber froh, dass ihn auf halber Strecke irgendjemand vom Rad gezogen hat. Der 22-jährige Oberriexinger (Kreis Ludwigsburg) Student hat in der bayrischen Autostadt sein sportliches Waterloo erlebt. Er war nicht der Einzige.

Nur gut 500 der mehr als 1000 Starterinnen und Starter erreichten die Ziellinie. Alle anderen brachen ihr Rennen ab – wie viele, gab der Veranstalter bisher nicht bekannt.

Die Wetteraussichten waren bescheiden. Aber um 8 Uhr beim Schwimmstart am Baggersee strahlte die Sonne bei 13 Grad Lufttemperatur. „Gute Bedingungen“ für einen Triathlon, prognostizierte der Sprecher, bevor die Sportler für die Zwei-Kilometer-Runde ins Wasser sprangen. Auch beim Wechsel aufs Rad: kaum Wolken, mild. Also hechteten die meisten im knappen, nassen Trikot auf ihre Rennmaschinen. Und dann warf sie ein Wetterumsturz mit Regen, Wind und Graupel aus der Bahn.

Zuschauer bitten völlig entkräftete Sportler ins Warme

Auf den 80 Radkilometern in und um Ingolstadt spielten sich dramatische Szenen ab. Die Nässe und ein Temperatursturz in den einstelligen Bereich führten dazu, dass Hunderte Ausdauerathleten ihre Räder nicht mehr steuern konnten, teils ungebremst gegen Schilder und Verkehrsteiler rasten. Andere fanden sich total ausgepumpt in Vorgärten liegend wieder, am Rand der Strecke wimmelte es von in goldfarbene Rettungsdecken gehüllte Menschen. Diejenigen, die es am schlimmsten traf, wurden vom Rettungshubschrauber abtransportiert.

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Die Posten entlang der Strecke waren nach Auskunft von Teilnehmern ob so vieler Hilfebedürftiger heillos überfordert. Unterstützung bekamen die Sportlerinnen und Sportler deshalb auch von Zuschauern an der Strecke, die sie zu sich ins Warme baten.

Sophia Salzwedel aus Bietigheim-Bissingen verbrachte 20 Minuten in einem Krankenwagen, ehe sie wieder einigermaßen bei Kräften war. Ein Polizist hatte ihr an einer Stelle, an der etliche Teilnehmer ausgestiegen waren, den Weg zum nächsten Rettungswagen gewiesen. Die 34-Jährige, die zwar kein Profi ist, aber in der Woche mindestens zehnmal trainiert, macht dem Veranstalter keinen Vorwurf. Das Konzept sei sehr gut gewesen, die Strecke auch – „und fürs Wetter kann ja niemand was“. Julian Großkopf indes fragt sich – wie viele Rettungskräfte an der Strecke am Wettkampftag übrigens auch –, warum das Rennen nicht abgebrochen wurde.

Warum wurde das Rennen nicht abgebrochen?

Der Veranstalter will sich dazu vorerst nicht äußern, es gibt wohl noch einiges aufzuarbeiten. „Wir müssen zunächst intern den gesamten Wettkampfablauf mit den eingebundenen Stellen fundiert klären“, heißt es in einer kurzen Stellungnahme.

Ein Abbruch hätte aber die, die es letztlich ins Ziel schafften, hart getroffen. Unter denen, die sich in ihrer Altersklasse nun deutscher Meister nennen dürfen, sind auch Sportler aus dem Kreis Ludwigsburg. Christhard Henning, 61, gewann die Altersklasse 60. Michael Kimmann, der für den SV Bietigheim gestartet war, kam bei den über 55-Jährigen als Erster ins Ziel. Beide haben etliche Triathlons auf dem Buckel, einen solchen Wettkampf wie in Ingolstadt haben aber auch sie nur selten erlebt.

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Für die beiden alten Hasen steht fest: Die Erfahrung hat sich durchgesetzt. Dass sie sich beim Wechsel ein paar Momente mehr Zeit genommen hatten, sich wärmer anzogen, hat geholfen zu finishen. Der sportpsychologische Berater Mirko Irion, der mit Profisportlern aus allen Bereichen arbeitet, meint, dass Erfahrung „absolut den Ausschlag“ geben kann. „Ältere Sportler orientieren sich viel mehr an ihrem Körper und am Sportgerät“ und wüssten besser, wann sie auch mal abreißen lassen müssen, um nicht ganz auszufallen. „Als alter Hase rennt man nicht einfach einer Gruppe hinterher.“

An der Schwelle zur körperlichen Leistungsfähigkeit

Triathlon zieht vor allem Menschen an, die gern auch mal an und über ihre Leistungsgrenze hinausgehen. Selbst unter normalen Bedingungen ist dieser Sport eine Schinderei. „Deshalb fällt immer mal wieder jemand aus“, sagt Irion. Er spricht vom „Grenzbereich der Leistungsfähigkeit“. Dass an dieser Schwelle nicht mehr viel Luft nach oben sei, liege in der Natur der Sache. In Ingolstadt kamen dann noch die widrigen Bedingungen dazu. Für viele war das zu viel. Sportler in aussichtsreicher Position – wie Julian Großkopf, im Jahr 2021 immerhin Europameister über die halbe Ironmandistanz, sie vor seinem Aus innehatte – neigten durchaus eher dazu zu „überpacen“.

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Ihm und Sophia Salzwedel hat die bittere Niederlage in Ingolstadt die Freude am Schwimmen, Radeln und Laufen nicht vergällt. Großkopf, der Ambitionen hat, Profi zu werden, will sich künftig bei ähnlichen Bedingungen vielleicht etwas mehr an seinem Vereinskollegen Henning (VfL Waiblingen) orientieren. „Vielleicht ziehe ich mich doch auch mal wärmer an“, sagt der 22-Jährige.

Dem Sport weiterhin treu verbunden

Sophia Salzwedel will in einer Woche erneut einen Versuch über die Mitteldistanz wagen, Julian Großkopf startet sieben Tage später in Würzburg über dieselbe Länge. Die 34-Jährige wollte eigentlich „nur“ den kurzen Wettkampf bestreiten. Jetzt quält sie sich lieber noch ein bisschen mehr.

Ergebnisse aus Ingolstadt

Sophia Salzwedel und Julian Großkopf
Nach dem Schwimmen lag die 37-jährige Gymnasiallehrerin in ihrer Altersklasse deutlich vorne. Und war damit auf Titelkurs. Denn die Leichtathletin des LAZ Ludwigsburg kann rennen wie keine Zweite. Sie gewann beispielsweise beim Bottwartallauf im Herbst den Halbmarathon in 1:26 Stunden. Julian Großkopf ist in diesem Jahr über 10 000 Meter mit 29:50 Minuten erstmals unter 30 Minuten geblieben. Mit diesem Pfund wollte der Triathlet, der für den VfL Waiblingen in der ersten Mannschaft startet, auch in Ingolstadt wuchern und die Konkurrenten beim abschließenden Halbmarathon überflügeln.

Michael Kimmann und Christhard Henning
Der Triathlet vom SV Bietigheim erreichte das Ziel nach 4:15:36 Stunden. Unangefochten der Stärkste war er in den Teildisziplinen Radfahren und Laufen, die er in 2:07:06 und 1:31:30 Stunden zurücklegte. Christhard Henning hingegen hat seit je seine besten Auftritte beim Schwimmen. Er stieg nach 27:52 Minuten aus dem Wasser. Mit 4:44:41 Stunden kam er in Ingolstadt ins Ziel und hielt seine Gegner auf Platz zwei und drei mit fünf respektive knapp zehn Minuten in Schach. Henning wurde wie Julian Großkopf im vergangenen Juni im österreichischen Walchsee Europameister über die Triathlon-Mitteldistanz. Eisernen Willen zeigte in Ingolstadt zudem Thomas Fritsch aus Vaihingen/Enz. Der Vertreter der Altersklasse 50 kletterte trotz einer Aufwärmpause wegen Unterkühlung nach 45 Minuten wieder aufs Rad und beendete den Wettkampf als 27. nach 5:28:39 Stunden.