Thea Leschnik (24) mit Söhnen Finnegan und Henry, geboren 2019 und 2022 Foto: / 

Sollten Frauen ihre Kinder möglichst früh bekommen oder erst später? Ein Gespräch mit einer jungen und einer älteren Mutter über Schlafmangel, Geld und graue Haare.

Zum Glück hat mich bislang noch keiner für die Oma meiner Kinder gehalten“, sagt die Juristin Karolin Hartmann. Thea Leschnik erinnert sich an ganz andere Sorgen: „Ich hatte noch keine Ausbildung und war so weit weg.“ Im Interview sprechen die beiden Mütter über ihre ganz unterschiedlichen Erfahrungen – die auch mit ihrem Altersunterschied zusammenhängen.

Frau Leschnik, Frau Hartmann, wie alt waren Sie bei ihrer ersten Schwangerschaft?

Thea Leschnik Ich war 20, als ich es herausgefunden habe. Mein Sohn Finn ist jetzt dreieinhalb.

Karolin Hartmann Wahnsinn, ich war etwas mehr als doppelt so alt, 41 Jahre. Ich könnte echt deine Mutter sein! Und mein zweites Kind ist nur ein Jahr älter als dein Sohn.

In Deutschland sind Frauen im Schnitt 30,5 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal Mutter werden. Sie beide fallen aus dieser Norm heraus, war das bewusst so geplant?

Hartmann Ich habe meinen Mann erst recht spät kennengelernt, und er ist nochmals drei Jahre älter. Drei Monate nach unserem ersten Treffen haben wir über Kinder geredet. Wir wollten beide welche. Und wir hatten großes Glück, dass das trotz unseres Alters sehr schnell und auf natürlichem Weg geklappt hat. Deshalb kann ich auch an alle nur appellieren: Lasst euch von solchen Normen nicht beeindrucken. Wenn der Wunsch nach einem Kind da ist, probiert es!

Leschnik Ich habe in Australien gelebt, als ich das erste Mal schwanger wurde. So ganz im Plan stand das damals sicher nicht. Aber es war eine schöne Überraschung für uns.

Für ihre Familie auch?

Leschnik Meine Mutter war schon erst einmal geschockt. Ich hatte noch keine Ausbildung und war so weit weg. Und dann kam auch noch Corona, und wir konnten uns drei Jahre gar nicht sehen. Die Eltern von meinem Partner haben gelassener reagiert, sie waren selbst beide erst 23, als ihr erstes Kind geboren wurde, die kannten das also.

Hartmann Meine Eltern hatten nicht mehr damit gerechnet, noch Enkel zu bekommen. Sie waren unglaublich gerührt und voller Glück. Aber aus dem weiteren Bekanntenkreis gab es schon auch kritische Stimmen, die nur auf die Risiken hingewiesen haben. Vor allem, als ich mit 45 Jahren dann nochmals schwanger wurde.

Es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass Risiken wie Fehlgeburten und Fehlbildungen mit steigendem Alter zunehmen.

Hartmann Das war uns natürlich bewusst. Und für uns war immer klar: Wir nehmen jedes Kind an. Deshalb habe ich auch keine vorgeburtlichen Untersuchungen machen lassen.

Karolin Hartmann Foto: privat

Früher wurden die Leute in Ihrem Alter oft schon Oma . . .

Hartmann Zum Glück hat mich bislang noch keiner für die Oma meiner Kinder gehalten. Aber wenn mein Jüngster 18 Jahre alt wird, bin ich tatsächlich schon 63 und stehe kurz vor der Rente. Ich möchte natürlich noch so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern verbringen. Denn wer weiß, ob ich meine Enkel noch kennenlernen werde.

Wie gehen Sie damit um?

Hartmann Mein Mann und ich tun viel dafür, um körperlich und geistig fit zu bleiben, das sind wir unseren Kindern schuldig. Auch die Finanzierung von unserem Haus musste anders aussehen als bei jemandem, der mit 30 Jahren Eigentum erwirbt.

Leschnik Aber dafür seid ihr finanziell gefestigt und könnt euch ein eigenes Haus leisten. Wenn wir nicht die Möglichkeit hätten, zur Miete bei meinen Großeltern zu wohnen, wäre Stuttgart viel zu teuer für uns. Mein Partner hat noch Elternzeit, ich mache meine Ausbildung. Wir sind so schon auf staatliche Unterstützung angewiesen im Moment.

Hartmann Ja, dass man finanziell stabiler dasteht, wenn man später Kinder bekommt, ist sicher ein Vorteil. Ich konnte es mir auch leisten, meine Elternzeit beim zweiten Kind auf eineinhalb Jahre auszudehnen. Und ich habe es so sehr genossen.

Leschnik Ich habe meine Vollzeitausbildung angefangen, da war Henry, mein Jüngster, gerade einmal sieben Monate alt. Und wenn er 14 Monate alt ist, dann kommt er in die Krippe. Wir wollen so schnell wie möglich finanziell unabhängig sein, das ist uns sehr wichtig. Also geht mein Partner abends, wenn ich nach Hause komme, zum Deutschkurs. Und ich lerne, sobald die Kinder im Bett sind und der Haushalt erledigt ist, für die Ausbildung..

Wie viel Zeit zum Schlafen bleibt noch?

Leschnik Mehr als fünf, sechs Stunden schlafe ich selten. Aber mein Körper steckt das gut weg.

Hartmann Respekt! Ich glaube, das könnte ich nicht mehr. Mein Sohn ist die ersten zwei Jahre jede halbe Stunde aufgewacht, das war extrem hart.

Frau Leschnik, das Leben Ihrer Freunde sieht vermutlich etwas anders aus, oder?

Leschnik Oh ja, die machen nach der Berufsschule erst mal ein Schläfchen. Und haben natürlich auch mehr Zeit, mal feiern zu gehen. Aber ich habe ganz tolle Freunde. Wenn sie etwas planen, sind Kinder willkommen.

Haben Sie auch jemanden, der Ihnen die Kinder mal abnimmt?

Leschnik Ja, wir haben zum Glück sehr viel Unterstützung durch die Familie. Meine Großeltern, mein Bruder und meine Mutter wohnen alle im Haus oder gleich ums Eck. Da ist immer jemand da, der die Kinder übernimmt. Gerade auch meine Oma, die ist mit ihren 74 Jahren noch fit wie ein Turnschuh. Das genießen wir momentan wirklich sehr, da wir in Australien kaum solche Unterstützung hatten.

Hartmann Meine Eltern sind schon Mitte 80. Sie wohnen nicht in der Nähe, und für sie wäre es inzwischen auch zu anstrengend, dass wir die Kinder mal allein in den Ferien ein paar Tage hinschicken. Meine Schwiegereltern sind 77 und wohnen in Ludwigsburg. Sie haben die Kinder einen Tag in der Woche, das ist für alle sehr wichtig.

Was finden Sie beide am Leben mit Kindern besonders anstrengend?

Hartmann Schlafmangel war in den ersten Jahren sicher ein großes Thema. Ich bin ein echtes Murmeltier, ich brauche meinen Schlaf einfach. Und wenn die zwei sich streiten, dann wünsche ich mir manchmal schon, dass ich für ein paar Tage einfach mal keine Mutter wäre.

Leschnik O tut das gut, das zu hören! Ich denke auch immer wieder, dass das mit den Kindern so früh vielleicht doch keine gute Idee war. Weil sie einfach so viel Raum einnehmen. Und ich hatte schon Angst, dass das was mit meinem Alter zu tun hat. Aber vermutlich hat es eher was mit den Kindern zu tun.

Trotzdem bereuen Sie Ihre Entscheidung vermutlich nicht grundsätzlich, oder?

Leschnik Muttersein war für mich bislang sicherlich die schwierigste, aber auch beste Erfahrung in meinem Leben. Ich empfinde es als absolutes Privileg. Wenn dein eigenes Kind dich anstrahlt, was Schöneres gibt es einfach nicht.

Hartmann Ja, man erlebt Emotionen, die man sich als Nichtmutter nicht vorstellen kann. Das ist unbezahlbar, egal in welchem Alter.

Spielt Ihr Alter für Ihre Kinder eigentlich eine Rolle?

Leschnik Meine sind dafür noch zu klein. Die denken, ich bin so zwischen acht und zwölf Jahre alt.

Hartmann Klar sehen sie, dass ihr Papa beispielsweise schon graue Haare bekommt und Väter ihrer Freunde vielleicht noch nicht. Aber sie werten das nicht. Kinder sind bei so was einfach sehr viel toleranter als der Rest der Gesellschaft.

Unsere Gesprächspartnerinnen

Thea Leschnik
  wurde 1998 in Stuttgart geboren. Sie hat zwei Söhne, Finnegan und Henry, die 2019 und 2022 in Australien zur Welt kamen. Seit September arbeitet sie beim Kabelhersteller Lapp in Stuttgart als Auszubildende zur Industriekauffrau.

Karolin Hartmann
wurde 1972 in Saarbrücken geboren. Ihre Kinder Pauline und Lukas kamen 2014 und 2018 in Stuttgart zur Welt. Hartmann arbeitet als Juristin beim Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Stuttgart.