Der vordere Teil des Schwabenzentrums an der Ecke Markt- und Eberhardstraße soll abgerissen werden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

An der Eberhardstraße soll bis 2028 mitten im Herzen der Stuttgarter Innenstadt ein neuer Gebäudekomplex mit Büros, Einzelhandel und Gastronomie entstehen. Der Investor spricht von Kosten von mehr als 100 Millionen Euro.

Die Gerüchteküche rund um das Schwabenzentrum brodelt seit Langem: Kommt die nächste Großbaustelle im Herzen der Stuttgarter Innenstadt? Nun herrscht Gewissheit. Laut Hines Immobilien wird der vordere Bereich in diesem Jahr komplett abgerissen, einzig die Fußgängerunterführung bleibt bestehen. „Wir haben den Bestand untersucht. Ein Erhalt kommt nicht infrage“, sagt Emanuel Coskun, der Managing Director bei Hines Deutschland am Standort Stuttgart. Laut dem Projektentwickler soll an der Adresse Eberhardstraße 1–5 bis zum Jahr 2028 ein neuer Gebäudekomplex mit Flächen für Büronutzung, kleinteiligen Einzelhandel, Cafés und Nahversorgern entstehen. Der Name: Central One.

In der Toplage stehen fast alle Läden bereits leer

Fast alle Läden stehen bereits leer. Die vom Vorgänger übernommenen Verträge wurden nicht mehr verlängert. „Immer in Absprache mit den Mietern“, erklärt Coskun. Als eines der letzten Einzelhandelsgeschäfte soll im April auch das Superjuju in der Rathauspassage seine Räume verlassen.

Direkt neben dem Rathaus, dem Kaufhaus Breuninger und mit optimaler Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr soll der vordere Teil des zwischen 1978 und 1985 erbauten Schwabenzentrums, das seine besten Tage hinter sich hat, abgerissen werden.

Unter anderem soll der schlangenförmige Anstieg im Innenhof in Richtung Eberhardstraße in Zukunft der Vergangenheit angehören. Der verschnörkelte Bereich sei „ein Kind seiner Zeit und nicht mehr erhaltenswert“, sagt Coskun. Gleiches gelte auch für die Außenhülle. „Sie ist tragend.“ Das Gebäude lediglich zu entkernen, sei daher extrem aufwendig. Zudem regne es an manchen Stellen auch herein. Somit sollen die oberen Stockwerke komplett zurückgebaut werden, einzig die Rathausunterführung bleibe bestehen. Die Planungen sehen den Abrissbeginn in diesem Jahr vor. 2026 soll dann mit dem Hochbau begonnen werden. Die Fertigstellung ist für 2028 vorgesehen.

Neubau in gleicher Größe

Entstehen soll ein neuer Gebäudekomplex, der in Höhe und Ausmaß dem heutigen Kubus entspricht. Vorgesehen ist eine Mischnutzung aus Büroflächen in den oberen Stockwerken und kleinteiligem Einzelhandel in Richtung Eberhardstraße. Zudem sollen Möglichkeiten für Gastronomie entstehen. Coskun kann sich das auch auf der Seite zur Hauptstätter Straße vorstellen. So soll sich das Gebäude auch in Richtung des im Bohnenviertel auf dem Gelände des ehemaligen Breuninger-Parkhauses entstehenden Hauses für Film und Medien und dem Mobility-Hub öffnen, zudem „die bislang lediglich als Rückseite wahrgenommene Fassade beleben“. Die Tiefgarage bleibt erhalten. Allerdings müssen Nutzer der Stadtbahn beim Gang zur unterirdischen Haltestelle Rathaus Umwege in Kauf nehmen. Durch die Baustelle ist der direkte Zugang vom Marktplatz über die Eberhardstraße nicht möglich. Diese besteht lediglich über das Treppenhaus und den Aufzug an der Hauptstätter Straße.

Im Sommer 2022 hatte ein amerikanischer Immobilienfonds der Firma Heinz den vorderen Bereich des Schwabenzentrums von der Allianz Leben erworben. Seitdem werde das Gebäude als sogenannte Core-Plus-Investition eingeschätzt. Das bedeutet, dass durch Investitionen „eine nachhaltige Steigerung der Werthaftigkeit“ erreicht, sprich höhere Renditen für die Investoren des Fonds eingefahren werden sollen. Mit Kauf und Modernisierung spricht der Projektentwickler von insgesamt mehr als 100 Millionen Euro Investitionsvolumen.

Pläne noch nicht öffentlich präsentiert

Eigentlich sollten die Pläne erst im Sommer im Bezirksbeirat und den städtischen Gremien vorgestellt werden. Weil erst „dann die detaillierte Planung auch wirklich feststeht“. Ins Rollen brachte das Ganze dann eine Pressemitteilung. Mit dem Stuttgarter Beratungsunternehmen Deloitte wurde bereits ein Ankermieter für die gesamte 9000 Quadratmeter große Bürofläche gefunden.

Aus Sicht von Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle ein Versäumnis: „Bei einem so bedeutsamen und großen Projekt muss frühzeitig informiert werden. Und zwar lange bevor man vor vollendete Tatsachen gestellt wird und die Bagger bereits anrollen“, fordert sie eine höhere Sensibilität. Dabei sieht sie nicht nur den Investor in der Bring-, sondern auch die Stadt in der Holschuld – vor allem an so prominenter Stelle. „Es geht hier um die Jacketkronen im Gesicht der Stadt.“

Vor allem die ortsansässigen Geschäfte seien durch die dauerhaften Baustellen bereits an ihrer Belastungsgrenze angekommen. Denn nur einen Steinwurf entfernt am Marktplatz gelegen, dauern die Arbeiten am neuen Haus des Tourismus noch an. Nach mehreren Verzögerungen sollen diese voraussichtlich im Mai dieses Jahres abgeschlossen sein. „Nun folgt mit dem Schwabenzentrum gleich der nächste massive Eingriff“, mahnt Kienzle. Ganz zu schweigen von der direkt auf der anderen Seite der B 14 gelegenen Baustelle im Bohnenviertel. Auf dem Gelände des ehemaligen Breuninger-Parkhauses entsteht voraussichtlich bis 2029 das Haus für Film und Medien sowie ein Mobility-Hub, die Händler beklagen dadurch zum Teil massive Umsatzeinbußen.


Stadt rechnet mit massiven Beeinträchtigungen

Bereits im Vorfeld müssten daher dringend erforderliche Absprachen getroffen werden hinsichtlich Zugänglichkeit der umliegenden Bereiche und auch Verkehrsführung. Im Blick hat Kienzle auch die durch die Eberhardstraße verlaufende Hauptradroute 1, die von Vaihingen nach Bad Cannstatt führt. „Diese darf nicht unterbrochen werden“, fordert die Bezirksvorsteherin.

Das sei auch das Ziel der Stadtverwaltung, heißt es aus dem Rathaus. Zudem soll der Lieferverkehr dauerhaft gewährleistet werden. Andere Nutzungen – unter anderem für Versammlungen oder Veranstaltungen wie die Parade zum Christopher Street Day – seien wegen der zu erwartenden Beeinträchtigungen für die Eberhard- und die Marktstraße nicht möglich. Weitere Angaben könne die Stadtverwaltung zum jetzigen Zeitpunkt nicht machen, da sich der Bauantrag für einen Teilabbruch des Gebäudes noch in der Prüfung befände.

Mitten im Herzen der Innenstadt

Eberhardstraße
Die Eberhardstraße ist nach Graf Eberhard im Bart benannt, der von 1445 bis 1496 lebte. Bekannte Bauten waren das 1928 und 1960 abgerissen Kaufhaus Schocken, der heute leer stehende Kaufhof, sowie der unter Denkmalschutz stehende Graf-Eberhard-Bau, errichtet 1907 bis 1908. Berühmt-berüchtigt war auch die in den 1970er Jahren eröffnete erste Peepshow der Landeshauptstadt, die nach zahlreichen Protesten und einer bundesweiten Rechtsprechung erst 1987 schloss. Heute soll die Straße zwischen Tagblattturm und Breuninger als autofreie Flaniermeile und Fahrradstraße mit viel Außengastronomie als Vorbild in Stuttgart dienen.

Schwabenzentrum
Es ist eines der augenfälligsten Gebäude in der Innenstadt. Wie ein massiver Riegel liegt das Schwabenzentrum zwischen der Hauptstätter Straße (B 14) und Eberhardstraße in der Innenstadt. Errichtet wurde es zwischen 1978 und 1985. Neben dem zur Disposition stehenden vorderen Gebäudeteil 1–5, zählt auch der weit aus größere Bau in Richtung Tagblattturm dazu. Darunter befindet sich neben dem Parkhaus auch die Rathausunterführung mit der gleichnamigen Stadtbahn-Haltestelle.