Am Schwabenlandtower passiert schon seit Jahren nichts mehr. Foto:  

Am Schwabenlandtower in Fellbach geht seit acht Jahren kaum mehr etwas voran. Überregionale Medien lästern über das „Wolkenkratzerle“, warten aber auch mit originellen Nutzungsvorschlägen auf, wie unsere Zusammenstellung zeigt.

Kaum zu glauben, es ist fast genau acht Jahre her, dass am Super-Hochhaus im Osten von Fellbach (Rems-Murr-Kreis) kein Gewusel mehr zu erkennen war und offenkundig der Baustopp des Gewa-Towers konstatiert werden musste. Nach anfänglichem Zögern gab der damalige Investor dies zu, kurz danach folgte die Insolvenz. Seit Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart in dieser Sache. Im Visier hat sie zwei Beschuldigte, denen sie Insolvenzverschleppung und Marktmanipulation vorwirft. Ob beziehungsweise wann das Ganze vor dem Landgericht Stuttgart verhandelt wird, ist allerdings offen. Ein Gerichtssprecher erklärte vor einigen Wochen auf Nachfrage unserer Redaktion, dass wegen zahlreicher anderer Prozesse in diesem Jahr keine Entscheidung mehr fallen werde.

Nachts blinken in 107 Metern Höhe die Warnlichter

In Fellbach hat man sich an den Anblick des unvollendeten Baus gewöhnt – und an die in der Nacht in 107 Metern Höhe blinkenden roten Warnlichter. Natürlich kommt oft auch Frust auf – und all jene dürfen sich bestätigt fühlen, die schon bei der Präsentation der ersten Baupläne vom „Koloss von Fellbach“ sprachen. Zudem gründete sich bereits im Jahr 2007 eine Bürgerinitiative, die sich den treffenden Titel „Fellbach ist nicht Manhattan“ gab, die den Baustart im Mai 2014 aber auch nicht verhindern konnte.

In Passantenumfragen wettern die Bürgerinnen und Bürger in die von Journalisten entgegengestreckten Mikrofone und tadeln jene Menschen in Verwaltung und Gemeinderat, die diesen „Wolkenkratzer in tiefster Provinz“, wie „Die Welt“ einmal in politisch nicht gerade korrekter Formulierung titelte, erst möglich gemacht hätten.

Warum wird das höchste Wohnhaus des Landes nicht fertig?

Zuletzt haben überdies überregionale Medienmacher ihre Fernrohre in Richtung Fellbach wieder scharf gestellt und Baden-Württembergs höchste Bauruine ins Visier genommen. Anfang Oktober erregte ein 20-minütiges Video Aufmerksamkeit, das der Youtuber Cato (bürgerlich Simon Gruninger) veröffentlichte. Titel seiner Kurzdoku: „Schande – warum das höchste Haus Baden-Württembergs nie fertig wird“.

Der 24-Jährige, erst vor Kurzem der Liebe wegen nach Stuttgart gezogen, beschäftigt sich schon länger mit architektonischen Besonderheiten. Als „ästhetisch denkender Mensch“, wie er sich selbst skizziert, entdeckte er von den Höhen Stuttgarts den Schwabenlandtower 107 mit seinen 34 Stockwerken und fragte sich: „Warum steht der da einfach und ist nicht fertig?“ In seinem ansprechend aufbereiteten Video mit etlichen Interviewpartnern, das innerhalb von drei Wochen entstand, beschäftigt er sich ausführlich mit Hintergründen. Der Film wurde rund 400 000 Mal geklickt.

Einer, der in diesem Zusammenhang offenkundig ein Interview nach dem anderen geben darf, ist der langjährige Vorsitzende der SPD-Fraktionen im Fellbacher Gemeinderat und im Regionalparlament, Harald Rass. Nach einem Statement bei Cato war er nun erneut wieder als meinungsfreudiger Gesprächspartner gefragt. Denn dieser Tage hat sich nun auch Gaby Mönch, erfahrene Reporterin des SWR-Fernsehens, samt Kamerateam vom Stuttgarter Funkhaus nach Fellbach aufgemacht, um in einem satirischen Beitrag Pleiten, Pech und Pannen des Towers zu beleuchten.

„Da wollten wohl ein paar Kommunalpolitiker groß rauskommen“

Für ihren genau vierminütigen amüsanten Beitrag hat sie zahlreiche Interviews in den Straßen rund um die Fellbacher Hochhaus-Baustelle geführt, unter ihnen als gewohnt pointensprühender Interviewpartner auch Harald Rass – der allerdings nicht namentlich genannt wird. Sein knackiges Statement: „Da wollten wohl ein paar Kommunalpolitiker groß rauskommen, so nach dem Motto: Wir sind die Größten, wie haben den Längsten – und das ist granatenmäßig schiefgegangen.“ Andere Bürgerinnen und Bürger schimpfen über „das schlechte Wahrzeichen“, den „Schandfleck“ oder orakeln: „Einmal Ruine, immer Ruine.“

Doch warum, so die Nachfrage der Reporterin im Rathaus, übernimmt die Stadt Fellbach nicht einfach selbst den Schwabenlandtower und baut ihn um? Die Baubürgermeisterin Beatrice Soltys darf sich nur in einem wenige Sekunden kurzen Beitrag äußern: „Weil es nicht Aufgabe der Stadt ist, private Projekte, die nicht fertig geworden sind, fertig zu stellen.“ Das Geld werde beispielsweise für die Kinderbetreuung dringender benötigt.

Bleibt also nur der per Trickfilm präsentierte Abriss des Beton-Riesen? Nicht zwingend. „Der Schwabenlandtower könnte auferstehen aus Bauruinen“, erklärt die Landesschau-Reporterin und liefert aufgrund eigener Ideen, auf Anregung ihrer Gesprächspartner wie auch auf Grundlage so manchen Scherzes, der auch schon in unserer Zeitung zu lesen war, insgesamt acht Ideen, welche Alternativnutzungen aktuell oder in der Zukunft möglich wären.

Der Tower als teuerstes Vogelhäuschen der Welt

Hier ein paar der Vorschläge: In der ersten Empfehlung wird der Tower auf Dauer zum „teuersten Vogelhäuschen der Welt“ – immerhin haben Wanderfalken dort in den vergangenen Jahren bereits 22 Küken ausgebrütet – „zum Piepen“.

Nächste Haltestelle: 34. Stock. Der Fellbacher Wohnturm als Andockstation für regionale Luftschifffahrt. Foto: Thomas Strohm (Leserfoto)

Oder: Das ganze Areal erhält noch viele weitere Wolkenkratzer und wird zum Bankenviertel aufgewertet – als „Klein-Manhattan im Remstal“. Variante 3: Der Turm muss in die Schräge, Fellbach wird zu Pisa und lockt solvente Touristenmassen ins vordere Remstal. Eine weitere Möglichkeit, angelehnt an ein Foto, das unser Leser Thomas Strohm uns vor einem Jahr zukommen ließ und das einen Zeppelin im Anflug zeigt: Der Tower wird zum Parkplatz für Luftschiffe. Auch denkbar: Die tausenden Stufen der Bauruine werden zur Trainingsstätte für Treppenläufer umfunktioniert.

Ein weiterer Vorschlag kommt von Harald Rass, der vor etlichen Jahren auch schon als Aprilscherz in unserer Zeitung beschrieben wurde: Wenn Christo nicht schon gestorben wäre, könnte der Künstler den Tower für eine Dauerausstellung einpacken – und erst wieder auspacken, wenn einer mit einer vernünftigen Idee auftaucht.

Die Kreativität kennt also keine Grenzen. Getreu der von Gabi Mönch favorisierten Devise: „Neue Power für den Dauertower!“