Fast alle Stuttgart Grundschulen haben Empfehlungen für einen sicheren Schulweg veröffentlicht. Das ist vorbildlich. Warum manche Eltern dennoch nicht zufrieden sind.
Im Rahmen der Aktion „Achtung, Schulweg!“ unserer Zeitung, bei der Eltern der Redaktion Gefahrenstellen auf den Schulwegen ihrer Kinder melden konnten, äußerten viele Mütter und Väter den Wunsch nach neuen oder sichereren Straßenüberwegen. Vor allem an den Stellen, an denen die Kinder tatsächlich über die Straße gehen wollen. Als Antwort aus dem Rathaus kam in mehreren Fällen, dass an der Stelle ein Überweg rechtlich nicht möglich und im Schulwegplan eben ein Umweg mit dafür sicherer Straßenüberquerung empfohlen sei.
So richtig akzeptieren wollen das die Eltern vielfach nicht. Ihr Argument: Schulwegpläne müssen sich nach den Bedürfnissen der Kinder richten und entsprechende Überwege gebaut werden, nicht andersherum. Sind die Schulwegpläne also eine Hilfe beim sicheren Schulweg oder eher ein Ärgernis?
„Das höre ich zum ersten Mal“
Für den Landtagsabgeordneten Hermino Katzenstein (Grüne) definitiv Ersteres. Auf ihn geht die vom Landtag beschlossene Initiative zurück, Schulwegpläne per Ministeriumserlass verpflichtend zu machen. Dass sie von einer Verwaltung als Abwehrargument genutzt werden, etwa einen Zebrastreifen nicht zu bauen, „das höre ich zum ersten Mal“, sagt Katzenstein.
Eine Landtagsanfrage von Katzenstein ergab 2022, dass 93 Prozent der Stuttgarter Grundschulen einen Schulwegplan haben. Bei den Grundschulen sei Stuttgart „vorbildlich“, lobt Katzenstein, bei den weiterführenden Schulen sehe es anders aus. Dass die Schulwege sicherer werden müssen, sei eindeutig: „Jeden Tag passieren in Baden-Württemberg zwei Schulwegunfälle“, zitiert Katzenstein aus dem Ministeriumserlass. Der Aufwand, sichere Wege zur Schule zur suchen und zu veröffentlichen, sei daher gerechtfertigt. Zumal das Land die Kommunen finanziell, mit Beratung und einem Schulwegplaner-Tool unterstütze.
„Wunderbares Thema für die Projekttage“
Werden die Schulwegpläne auch mit entsprechenden Liebe zum Detail gezeichnet? Das könne der Landtag zentral nicht beurteilen, sagt Katzenstein. Zumal es ohnehin unter die kommunale Selbstverwaltung falle. Das Verfahren hält Katzenstein für gut: Verwaltung und Polizei erarbeiten den Plan in Abstimmung mit der Schule und lassen dabei auch Rückmeldungen von Schülern und Eltern einfließen. „Das ist doch auch ein wunderbares Thema für die Projekttage“, findet Katzenstein.
In der Stuttgarter Stadtverwaltung gibt es eine eigene Stelle für die Schulwegpläne. Die Mitarbeiterin orientiere sich bei der Erarbeitung der Pläne einerseits an der Bündelung von Hauptwegen und andererseits an vorhandener Infrastruktur wie bereits vorhandener Überwege, sagt Abteilungsleiter Dirk Herrmann. Zum teilweise geäußerten Eltern-Ärger über die Schulwege sagt er:„Die Kinder sollen lernen, gemeinsam zur Schule zu gehen. So erkunden sie ihr Umfeld und lernen, sich im Straßenraum zurecht zu finden. Vielleicht erscheint im Einzelfall eine Route als nicht optimal. Aber im Gesamtbild macht sie Sinn.“
Wie Schulwegpläne entstehen
Erstellt werden die Schulwegpläne nach einem einheitlichen Muster: Nach einem gemeinsamen Blick auf die Straßenkarte erstellt das Ordnungsamt den fachlichen Entwurf nach einer Vor-Ort-Begehung mit der Polizei. Anschließend nimmt die zuständige Schulleitung dazu Stellung. An dieser Stelle könnten und sollten auch Elternhinweise einfließen, so Herrmann.
Werden die Schulwegpläne bald umgearbeitet? Schließlich ermöglicht die novellierte Straßenverkehrsordnung beispielsweise mehr Zebrastreifen. „Die Novelle gibt uns einen Ermessensspielraum bei hochfrequentierten Schulwegen in Bezug auf Tempo 30 an Zebrastreifen. Allerdings können damit auch nicht alle individuellen Wünsche befriedigt werden“, sagt Herrmann. Eine Entscheidung bleibe im Ermessen der Verkehrsbehörde. Die Kinder sollten möglichst gemeinsam gehen – nicht nur weil das mehr Spaß mache und kommunikativ sei, „sondern weil Kinder im Pulk optisch auffälliger und damit sicherer im Verkehrsgeschehen unterwegs sind“, sagt Herrmann.
Hermino Katzenstein glaubt, dass die StVO-Novelle zu einer Aktualisierung vieler Schulwegpläne führen werde. „Es gibt viel, viel mehr Möglichkeiten, aber die Kommunen können natürlich nicht gezwungen werden, sie zu nutzen. Da hilft Aufklärung und Druck durch Verbände, Eltern, Medien.“ Es würde sicher viel mehr gehen, aber „so ein mittlerer Wurf dürfte es schon werden“.