Viele Kinder fiebern auf den ersten Schultag hin, für manche kann er aber auch mit viel Stress oder Frust verbunden sein. Ein Kinder- und Jugendpsychiater warnt.
In fast allen Bundesländern ist der Tag schon gekommen: Die Sommerferien sind vorbei, der Schulalltag geht wieder los, in Baden-Württemberg ist es kommende Woche so weit. Da steigt die Vorfreude, aber auch die Sorge in manchen Familien.
Das beste, was man für Kinder zur Einschulung tun könnte, ist laut Markus Löble, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Göppingen, nicht dem übertriebenen Hype zu verfallen, wie er aktuell in den Sozialen Medien zu finden ist. Dort zeigen Videos, wie Eltern zum ersten Schultag ihrer Kinder einen regelrechten Freizeitpark aufbauen, ein riesiges Fest veranstalten, oder ihre Sprösslinge schon vor dem Schulstart mit allerlei teuren Geschenken überhäufen. Laut Löble sei genau das falsch. Eltern sollen den Tag der Einschulung als relativ normalen Tag behandeln. „Jedes Kind wird eingeschult, das ist normal, jedes Kind gehört in eine Schule, da muss man keine große Sache draus machen“, ist er der Ansicht. Würden Eltern den Tag groß anlegen, sich freinehmen, Verwandte einladen, könne das vor allem Druck, Stress und Angst bei den Kindern erzeugen.
Emotionale und soziale Überladung des ersten Schultags
Aber darf man sich dann gar nicht auf den ersten Schultag freuen? Doch natürlich, sagt Markus Löble. Er sehe nur die emotionale und soziale Überladung des ersten Schultags als schwierig an. „Niemand feiert schließlich seinen ersten Arbeitstag.“ Löble vergleicht das mit Abschlussfeiern: Hier werde eine erbrachte Leistung der Kinder untereinander gefeiert, die Kinder können und dürfen sich auch selbst feiern. Bei der Einschulung „nehmen die Eltern eine Hypothek auf die kommende Leistung der Kinder auf“, das könne dazu führen, dass Kinder in dem Druck stehen, diese Leistung auch zu erbringen. Können sie das nicht, wird es für sie schnell zur Belastung.
Deshalb sollten Eltern ihren Kindern auch Zeit lassen und die Einschulung individuell handhaben. Gibt es beispielsweise oft große Familienfeiern, ist das auch am Tag der Einschulung nichts Ungewöhnliches und macht den Kindern keinen Druck. Kommen aber auf einmal viele Verwandte, werde wieder ein Hype daraus. Doch es gibt nicht nur an Grundschulen erste Schultage. Nach der vierten Klasse und sechs Wochen Pause geht es in einer neuen Schulart weiter. Auch hier kann sich ein Klima der Angst erzeugen. Löble ist allerdings überzeugt, dass Kinder weniger Probleme mit dem Schulwechsel haben, wenn der Eintritt in die Grundschule problemlos verlief.
Eltern sollten sich engagieren und Elternabende besuchen
Ein weiterer Aspekt seien aber auch die Eltern und ihr Umgang mit der Schule. „Kinder haben immer die Ängste der Eltern“, erklärt der Mediziner. Und: „Alle Eltern tragen ihre eigene Schulgeschichte mit sich.“ Vermitteln sie ihren Kindern schlechte Erfahrungen mit der Schule, nach dem Motto „jetzt beginnt der Ernst des Lebens, jetzt ist die schöne Kindheit vorbei“, schüre dies Ängste. Für Löble werde die Frage nach der weiterführenden Schule oftmals auch zu hoch bewertet. Eltern würde ab der ersten oder zweiten Klasse überlegen, welche weiterführende Schule für ihren Spross infrage komme, verbunden mit Scham, wenn es nicht zwingend das Gymnasium sei.
Wichtig sei vor allem die richtige Kommunikation mit den Kindern, aber auch mit der Schule. „Wenn sich die Eltern engagieren oder die Elternabende besuchen, nimmt das den Kindern die Angst“, so Löble. Im Voraus könne man mit den Kindern gerade vor der Einschulung den Schulalltag durchspielen, mit Playmobil oder Lego oder Barbie, was dem Kind gefalle.
Hilfreich sei es auch, Routinen zu üben, wie das Gehen des Schulwegs. Und wenn trotz allem am ersten Schultag nichts geht, könne man kein Kind in die Schule schleifen. „Wer nicht am ersten Tag kommt, kommt eben in der ersten Woche“, ist Markus Löble überzeugt.
Die Schultüte
Tradition
Nichts ist so untrennbar mit der Einschulung verbunden wie die Schultüte. Aber woher kommt die Tradition eigentlich? Anscheinend haben Kinder in Sachsen bereits im 19. Jahrhundert Zuckertüten zur Einschulung geschenkt bekommen. Im Laufe der Zeit hat sich die Tradition dann nach Angaben des Bayerischen Rundfunks in ganz Deutschland verbreitet. So richtig Fahrt aufgenommen habe die Schultüte dann aber mit dem Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren. Seither darf die Schultüte an keiner Einschulung fehlen.
Handgemacht
An manchen Kitas ist es eine Tradition, die Schultüte selbst zu basteln. Gefüllt ist sie meistens mit Süßigkeiten und kleinen Spielsachen