Während die Unterrichtsversorgung an den allgemeinbildenden Schulen im Rems-Murr-Kreis wieder halbwegs zufriedenstellend ist, werden Fachkräfte wie Michelle Marmann (oben) und Julia Wahr händeringend gesucht.. Foto: Marijan Murat/dpa, Frank Rodenhausen

111 neue Lehrer verbeamtet, Hoffnung und Applaus – und trotzdem eine Schieflage. Warum viele Stellen im Rems-Murr-Kreis nur auf dem Papier existieren und wo es besonders drückt.

Freitagmorgen, Seeguthalle in Weissach im Tal. Applaus brandet auf, als 111 neue Lehrerinnen und Lehrer feierlich in den baden-württembergischen Schuldienst aufgenommen werden. Ein symbolträchtiger Moment, begleitet von warmen Worten, Zuversicht und dem Aufbruch in ein neues Kapitel.

Doch die Euphorie trügt. Denn während in der Halle gefeiert wird, bleibt draußen vor den Schultüren ein altbekanntes Problem ungelöst: Der Rems-Murr-Kreis leidet weiter unter einem massiven Mangel an Sonderpädagogen.

45 Vollzeitstellen in der Sonderpädagogik unbesetzt

Wie das Staatliche Schulamt Backnang mitteilt, konnten zum Schuljahresbeginn zwar zahlreiche neue Lehrkräfte eingestellt werden – darunter 111 Verbeamtete und 100 befristet Beschäftigte –, doch gerade in einem Bereich bleiben die Lücken riesig: In der Sonderpädagogik fehlen rund 1.250 Lehrerwochenstunden, das entspricht etwa 45 Vollzeitstellen.

„Wir freuen uns sehr über die neuen Kolleginnen und Kollegen“, sagt die Amtsleiterin Sabine Hagenmüller-Gehring. Sie werden dringend gebraucht. Besonders jene wie Michelle Marmann und Julia Wahr. Beide gehen ihren Weg in der Sonderpädagogik – und sind damit genau jene Kräfte, die im System am meisten fehlen.

Zwei Biografien, ein Mangelberuf

Michelle Marmann Foto: Frank Rodenhausen

Michelle Marmann, 29, aus Plochingen, war sich in ihrer Schulzeit nicht sicher, wohin es beruflich gehen soll. Architektur? Vielleicht. Doch ein Praktikum in der Diakonie Stetten änderte alles. Heute steht sie vor dem Start an der Christian-Morgenstern-Schule in Waiblingen, einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ).

Auch Julia Wahr, 40, Mutter von zwei Kindern aus Remseck, schlägt dort nach Jahren in der Logopädie ein neues Kapitel auf. Warum der Wechsel? „Ganz ehrlich? Weil man in diesem eigentlich schönen und herausfordernden Beruf einfach zu schlecht bezahlt wird.“ Jetzt ist sie Lehrerin – und hat Glück gehabt: Mit ihren 40 Jahren rutscht sie noch knapp unter die Altersgrenze für die Verbeamtung. Nach dem 43. Geburtstag ist der Einstieg ins Beamtenverhältnis in Baden-Württemberg nicht mehr möglich.

Julia Wahr Foto: Frank Rodenhausen

Lehrerstellen auf dem Papier, nicht im Klassenzimmer

Zwar wurden dem Staatlichen Schulamt in Backnang im Sonderpädagogik-Bereich jetzt 20 der nachträglich verteilten landesweit 1440 Lehrerstellen zugeteilt, die in den vergangenen Jahren wegen eines mutmaßlichen Fehlers im Personal- und Stellenprogramm der Kultusverwaltung nicht besetzt werden konnten. Doch diese schönen nur die Statistik. Denn wegen akutem Fachkräftemangel können sie gar nicht besetzt werden, wie Referatsleiter Mark Keller betont. Von einer Mogelpackung will seine Chefin, Sabine Hagenmüller-Gehring, zwar nicht sprechen, „aber ja: Die Lehrer fehlen uns de facto, auch wenn sie im Stellenplan stehen“.

Wachsende Schülerzahlen verschärfen die Lage

Die Lage ist dramatisch – und sie verschärft sich. In der Fröbelschule in Fellbach etwa haben sich die Schülerzahlen in wenigen Jahren verdoppelt. Das bedeutet nicht nur mehr Arbeit für das bestehende Kollegium, sondern auch ein Raumproblem. Schon geringe Zuwächse führen zu neuen Klassen – und zu neuen Engpässen.

Laut Angaben des Schulamts ist die Zahl der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Rems-Murr-Kreis auch allgemein wieder deutlich gestiegen. 265 Kinder werden im neuen Schuljahr inklusiv an Regelschulen unterrichtet, ein Anstieg von mehr als 50 Schülern gegenüber dem Vorjahr. Das soll künftig besser koordiniert werden – über sogenannte „Entwicklungsräume Inklusion“ (ERI). Neun davon wurden im Kreis gebildet, die Schularten eines Sozialraums zusammenführen und vernetzen sollen. Ein ehrgeiziges Vorhaben – das vor allem eins braucht: Personal, das nicht da ist.

Eine kleine Entspannung – mit großen Fragezeichen

Tatsächlich zeigt sich das Schulamt für die allgemeinbildenden Schulen im Rems-Murr-Kreis hingegen vorsichtig optimistisch: Die Versorgungslage hat sich leicht verbessert, auch wegen rückläufiger Schülerzahlen. Nur vereinzelt mussten Klassen zusammengelegt werden. Für eine Krankheits- und Schwangerschaftsreserve reicht es dennoch weiterhin nicht.

Den Bedarf zu decken, gelingt nur durch flexible Personalpolitik: Über 200 Versetzungen, Abordnungen und Direkteinstellungen sowie 100 befristete Verträge wurden nötig, um überhaupt eine Grundversorgung zu sichern. 49 Personen ohne Lehrbefähigung unterstützen zusätzlich in der Sonderpädagogik – mit viel Engagement, aber begrenzter Wirksamkeit.

Ein feierlicher Akt – mit ernstem Hintergrund

Landrat Richard Sigel beschwor bei der Vereidigung den gesellschaftlichen Auftrag der Lehrkräfte und warb mit „Waldakademie-Auszeiten“ und digitalen Tools. Auch Carolin Reuschel vom Personalrat mahnte zur Selbstfürsorge: „In der Schule geht einem die Arbeit nie aus – deshalb ist es wichtig, zu priorisieren.“

Doch bei allem guten Willen bleibt eines klar: Die Lehrkräfte im Rems-Murr-Kreis starten nicht nur in ein neues Schuljahr, sondern zumindest in Teilen weiter in eine Dauerkrise. Und während in der Seeguthalle noch Glückwünsche ausgesprochen wurden, klingelte anderswo möglicherweise schon die nächste Alarmglocke.