In der Firma Reborn Shirt werden Altkleider recycelt. Foto: Katja Eisenhardt - Katja Eisenhardt

Schüler werden zu Firmenchefs, Richtern und Ministern. Lehrer zu Arbeitnehmern. Wo? Bei der Projektwoche im Plochinger Gymnasium.

PlochingenWenn man, um aufs Schulgelände des Plochinger Gymnasiums zu kommen, plötzlich Landesgrenzen überqueren muss, an denen für Besucher Visagebühren anfallen und Euro in die Staatswährung „Haikos“ umgetauscht werden, wenn aus Klassenzimmern plötzlich Unternehmen, ein Gerichtssaal oder auch ein Kongress werden: Dann ist wieder Gymplantis-Zeit. In dieser letzten Schulwoche vor den Ferien schlüpfen 1330 Schüler und 120 Lehrer in die Rollen der Gymplantis-Staatsbewohner. Aus Schülern werden Geschäftsführer von 90 Unternehmen, Arbeitnehmer, Polizisten, Staatsanwälte, Richter oder Abgeordnete und Minister, aus den Lehrern Angestellte. In dem Planspiel wird alles realitätsnah simuliert, was zu einer präsidentiellen Demokratie und einer sozialen Marktwirtschaft dazugehört. Zu Beginn des zweiten Halbjahres fanden dafür Kongress- und Präsidentschaftswahlen statt. Organisiert wurde das Großprojekt seit gut einem Jahr vom Team des Seminarkurses „Schule als Staat“, der sich aus 25 Schülern der Kursstufe 1 sowie einem fünfköpfigen Lehrerteam zusammensetzt. Den Chefposten im Staate Gymplantis hat Schulleiter Heiko Schweigert zum Startschuss am Montag an den gewählten Präsidenten Emre Acikelli übergeben.

Auf dem gesamten Schulgelände herrscht an diesem Dienstagmittag ein reges Treiben. Nora, Sophia und Alicia – alle 17 Jahre und Schülerinnen der Kursstufe 1 – gehören zum Organisatorenteam. Sie haben den Überblick im Staate Gymplantis: „Das geht hier von Montag bis Donnerstag jeweils von morgens bis abends. Wir Teammitglieder übernachten teils auch in der Schule“, erzählen die drei. Das Projekt finden sie sehr spannend, zudem stärke es durch die Durchmischung der Klassenstufen die Schulgemeinschaft: „Man lernt neue Leute kennen, mit denen man sonst nichts zu tun hätte. Jeder Schüler hat täglich sechs Stunden Anwesenheitspflicht, wie an einem normalen Schultag. „Vier davon muss in den jeweiligen Rollen gearbeitet werden, die anderen zwei Stunden stehen zur freien Verfügung. Die kann man zum Beispiel für einen Besuch bei den zahlreichen Essensunternehmen oder Cafés nutzen“, erklärt Lehrerin Anette Frank, die zum fünfköpfigen Lehrerteam gehört.

Ein Rundgang führt zunächst ins Gymplantis-Warenlager, das in der Mensa untergebracht ist. In Regalen stehen Kisten mit den Namen der einzelnen Unternehmen. Diese müssen täglich ihre Bestellungen aufgeben, die dann eingekauft und im Warenlager zur Abholung bereitgestellt werden. „Da muss man erstmal richtig kalkulieren lernen, etwa als Essensunternehmen. Das zeigt sich erst mit der Zeit, was täglich gebraucht wird und was durch die Einnahmen dann neu finanziert werden kann“, so Anette Frank. Einen guten Umsatz hat beispielsweise das Naturkosmetik-Unternehmen, wie Mitarbeiterin Eliana (11) berichtet. Die Fünftklässlerin ist mit großem Eifer bei der Sache und erklärt Nora vom Seminarkurs-Team fachkundig die mit natürlichen Zutaten wie Bienenwachs, Kokosöl, Lavendel oder auch Orangen selbst hergestellten Produkte: „Wir haben verschiedene Cremes, Lippenpflegestifte, ein Deo und Zahnpasta. Die Nachfrage ist groß, wir produzieren ständig nach. Besucher können bei uns auch ihre eigenen Produkte bei einem Workshop herstellen.“

Ein paar Zimmer weiter steht auf kreative Weise Nachhaltigkeit im Fokus: Bei „Pro Naturell“ werden aus leeren Tetrapacks Geldbeutel gebastelt, Kabadosen werden zu Bücherhaltern. Dana (14) aus der achten Klasse ist die Geschäftsführerin: „Ich achte auch zuhause darauf, dass wir wenig Müll produzieren und finde es spannend, was man Kreatives daraus machen kann.“ Bei „Reborn Shirt“ sitzen Schülerin Charlotte (14, Klasse 9) und Lehrerin Christiane Philipp als Angestellte nebeneinander an den Nähmaschinen und produzieren aus Altkleidern neue Haargummis, Taschen oder auch Stoffteile, die eine Konservendose zum schicken Stiftehalter umfunktionieren. Beide nähen auch in ihrer Freizeit sehr gern, wie sie erzählen.

Gerade schaut die Abgeordnete Mia (17, Kursstufe 1) vorbei, die für die „VfB“-Partei (Vereinigung freier Bürger) im Kongress sitzt: „Unsere Sitzungen sind wirklich interessant, da gilt es Entscheidungen zu treffen, Gesetzentwürfe werden vorbereitet, Steuern festgesetzt. Das macht Spaß, Politik mal in der Praxis auszuprobieren.“ Insgesamt debattieren 30 Abgeordnete aus fünf Parteien sowie der Präsident und sein Stellvertreter. Zur Sache geht es auch bei Gericht, wie Richterin Malin (13, Klasse 7) und Staatsanwältin Lara (17, Klasse 10) berichten, die gerade zahlreiche Akten wälzen. „Langweilig wird es hier nicht. Wir hatten schon Verhandlungen wegen Geldfälschung, Hygieneverstößen oder Urkundenfälschung. Dafür gibt es dann Geldstrafen oder auch Sozialstunden, die beim Spüldienst oder der Müllentsorgung abgeleistet werden können“, erklärt Malin.

Das Großprojekt „Schule als Staat“ findet zum dritten Mal am Gymnasium Plochingen statt, wie Schulleiter Heiko Schweigert berichtet: „Das ist immer ein Abstand von etwa sechs, sieben Jahren. Einmal im Schülerleben sollte man das mitmachen.“ Das praxisorientierte Projekt hält Schweigert für lehrreich: „Statt dem normalen Schulalltag mit Fächern wie Gemeinschaftskunde oder Wirtschaft wird hier an vier Tagen praktisch ausprobiert, wie eine Gesellschaft, eine Demokratie, ein Wirtschaftssystem funktionieren.“ Lehrerin Anette Frank ergänzt: „Davon bleibt dann anschließend auch im Unterricht einiges hängen.“ Sogar Weichen für die berufliche Zukunft wurden bereits gestellt: „Manche Oberstufenschüler, die damals in die Rollen der Richter geschlüpft sind, haben sich anschließend für ein Jurastudium entschieden.“

Willkommen in New Boschington

Auch am Wendlinger Robert-Bosch-Gymnasium lief das Projekt „Schule als Staat“. „Wir sind ausgebucht“, sagt Paul, der beim Standesamt in New Boschington mitarbeitet. Nicht nur verliebte Jungs und Mädchen tragen sich dort ein, um Ringe zu tauschen. Viele Freundinnen oder Freunde geben sich vor den Standesbeamten symbolisch das Ja-Wort. Drei Tage lang erprobten die Schülerinnen und Schüler demokratische Strukturen. „Jeder muss arbeiten, sonst gibt es nur den Mindestlohn“, erzählt Evelyn. Der Zehntklässlerin hat es Spaß gemacht, im Team ein Unternehmen aufzubauen. Gemeinsam mit ihrem Mitschüler Jannick arbeitet sie am Cocktail-Stand. Da gibt es nicht nur alkoholfreie Drinks wie „Women’s Health“ mit Mineralwasser, Erdbeersirup und Holunder. Im sogenannten Escape Room lädt die Event-Firma Jungs und Mädchen dazu ein, Abenteuer zu erleben. Das Schulprojekt dient nach den Worten von Kanzleramtsminister Leif Schröter, Schüler der Jahrgangsstufe 1, auch der politischen Bildung. Bei einer Diskussion mit Politikern loteten die Jugendlichen aus, wie sie ihre Anliegen besser in die Praxis umsetzen können.eli

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