Foto: Max Kovalenko - Max Kovalenko

In Oberhausen schließt die Stage Entertainment im März 2020 ein Theater. Wie sicher ist der Standort Stuttgart mit zwei Häusern?

StuttgartDie Nachricht schlug ein wie eine Bombe. „Aus heiterem Himmel“, sagt ein Musicalsänger in Stuttgart, sei das Aus für Oberhausen gekommen. „Die Schließung des dortigen Musicalhauses hat sich in keiner Weise angekündigt“, versichert er. Am Dienstag erfuhren die 88 Beschäftigten des Metronom-Theaters in einer Betriebsversammlung, dass nach 15 Jahren Schluss sein wird. „Tanz der Vampire“ – die Show mit den Särgen, die dort bis 22. März 2020 gespielt wird –, wird den Ruhrgebiet-Standort des Marktführers zu Grabe tragen.

Die Blutsauger ziehen, wenn der allerletzte Vorhang in Oberhausen gefallen ist, nach Stuttgart, wo sie am 9. April ihre vierte Spielzeit starten. Ist das ein gutes Omen? Was passiert mit dem Standort Stuttgart? Die Sorge von Musicaldarstellern ist groß, dass die schwächelnde Showbranche auf lange Sicht zwei Theater im SI-Centrum nicht zulässt. „Die Disney-Shows im Apollo-Theater funktionieren in aller Regel“, sagt ein Insider, „aber im Palladium kämpft man regelmäßig mit Zuschauerzahlen.“

Stephan Jaekel, der Hamburger Unternehmenssprecher der Stage Entertainment, erteilt allen Befürchtungen, die Krise greife auf Möhringen über, eine klare Absage. „Der Stuttgarter Musicalmarkt ist und bleibt der zweitwichtigste für uns in Deutschland“, versichert er gegenüber unserer Zeitung, „auch, und gerade weil wir dort zwei Theater haben, können wir das Potenzial der südwestdeutschen Musical-Fans voll ausschöpfen.“ Mit zwei Musicals könne man eine Auswahl für viele Vorlieben bieten. „Wenn wir nur auf ein Theater setzen, wäre unser Risiko groß, wenn wir dann mit nur einer Show im Markt das Stuttgarter Potenzial verpassen, sollte diese Show mal nicht ankommen“, erklärt er. Jaekel stimmt eine Lobeshymne auf das hiesige Publikum an: „Die Besucher aus Baden-Württemberg und Umland sind loyal, kaufkraftstark und ausgesprochen musical-affin.“

Sehr langfristige Mietverträge

Dass die Sorge in Musicalkreisen herrscht, das Palladium habe keine Zukunft, lässt den Stage-Kommunikationschef „fast so schmunzeln wie das mit schöner Regelmäßigkeit erhobene Gerücht, ,Der König der Löwen’ in Hamburg müsse schließen“. Dabei könne man dort Jahr für Jahr Rekordbesuche verzeichnen. „Natürlich kommt es vor, dass eines der beiden Musicals in Stuttgart erfolgreicher ist als das andere“, fährt Jaekel fort, „doch das ist mal im Apollo, mal im Palladium der Fall – und gleicht sich aus.“ Die Mietverträge für die beiden Häuser seien sehr langfristig. Aus heutiger Sicht sieht er keinerlei Anlass, abnehmendes Besucherinteresse in Möhringen anzunehmen. Das komplette Gegenteil sei der Fall. Man habe viele Shows im Spielplan, hinter deren Namen „Stuttgart!“ stehe. Die Einschränkung aus heutiger Sicht hat er freilich gewählt. Keiner weiß, wie sich der Markt entwickelt.

Die Stage Entertainment stellt nicht nur den Spielbetrieb in Oberhausen ein, sondern erwägt obendrein den Verkauf des markanten Essener Colosseum-Theaters. Bei der Kündigung der 88 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stage-Metronom-Theaters will sich das Musicalunternehmen um hohe Sozialverträglichkeit bemühen. Die Planungen stünden allerdings unter dem Vorbehalt der anstehenden Beratungen mit den Arbeitnehmervertretern.

„Jeder von uns hat Freunde, Kollegen, Bekannte, die im Ruhrgebiet betroffen sind“, sagt ein Stuttgarter Musicalsänger. Die Stimmung sei daher im SI-Centrum nicht gut. Nächsten Donnerstag feiert das Musical „Ghost“ im Palladium-Theater Premiere. Nur ein halbes Jahr wird es gespielt, um Platz zu machen für die Vampire, die stets für klingelnde Kassen sorgen. Laut Stage haben in Oberhausen nur die Polanski-Show sowie „Tarzan“ für Gewinne gesorgt. Alle anderen Musicals hätten Verluste eingefahren. Es sei nicht gelungen, einen Markt für ein profitables Geschäft zu finden. Viele Menschen in Nordrhein-Westfalen würden außerhalb ihres Bundeslandes, nämlich meist in Hamburg, Musicals besuchen.

Musical-Hauptstadt Hamburg

Trotz des Rückschlags im Ruhrgebiet spricht die Stage von einem insgesamt wachsenden Interesse an Musicals in Deutschland. Daher prüfe das Unternehmen verschiedene Optionen zur Ausweitung seiner Aktivitäten in ganz Deutschland. Die vier Stage-Theater in Stuttgart und Berlin verzeichneten steigende Besucherzahlen. Hamburg sei Deutschlands unumstrittene Musical-Hauptstadt mit allein vier Häusern. Zudem lockt der Marktführer zusätzliche Gäste durch Tournee-Produktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Dies soll ausgebaut werden.

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