Tausende von Wahllokalen wurden in den USA gestrichen. Nun stehen einige Menschen stundenlang zur Stimmabgabe an. Was bewegt jemanden, so etwas zu machen?
Stuttgart - Bilder wie diese kennt man aus Ländern der dritten Welt oder aus aufstrebenden Demokratien: lange Schlangen vor den Wahllokalen. Auch aus den Vereinigten Staaten gingen diese Bilder nun um die Welt. In Teilen von Alabama, Ohio und Florida dauerte die Wartezeit für die Abstimmung bis zu vier Stunden, berichtet der Nachrichtensender NBC. Mal standen die Menschen mit T-Shirt und kurzer Hose an, wie in Arizona, mal eingemummelt in Pullover und Winterjacke, wie in Nebraska. Allerdings: an anderen Orten ging es auch zügiger zur Sache. In Fulton County, Georgia, dauerte die Wartezeit am frühen Dienstagnachmittag nicht länger als etwa zehn Minuten, die überwiegende Mehrheit der Wahllokale hatte überhaupt keine Wartezeit, berichten Korrespondenten.
Briefwahl nach kurzer Diskussion verworfen
Joel Maisenhelder stand 55 Minuten in der Reihe. Es war eine Art Familienausflug mit Sonnenaufgangserlebnis. Um 5.45 Uhr Ortszeit, eine viertel Stunde bevor die Wahllokale in St. Louis, Missouri ihre Pforten öffneten, hat sich der IT-Spezialist samt Frau und Sohn in die Schlange eingereiht. „Wir haben das erwartet“, sagt Maisenhelder, dessen Familie in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts aus Deutschland ausgewandert ist. Doch weil es für den gerade 18 Jahre alt gewordenen Sohn Alex die erste Wahl gewesen ist, hat die Familie nach kurzer Diskussion die Möglichkeit der Briefwahl verworfen.
Dass Maisenhelder wählen geht war für ihn Ehrensache. „Jetzt kann ich mir wenigstens selbst sagen, dass ich meinen Teil dazu beigetragen habe, diesen Typen loszuwerden“ sagt er und macht keinen Hehl daraus, wem seine Sympathien gehören. Dabei ist Missouri Trump-Land. 61,9 Prozent der Stimmen bekam der Präsident dort. Lediglich St. Louis und die Hauptstadt Kansas City sind tief blaue Zonen, in denen Biden vorne lag. Aber auch in den blauen Städten gibt es wieder rote Inseln: „Ich wohne in einer Mittelklassegegend, da sind die meisten meiner Nachbarn für Trump“, sagt er unserer Zeitung.
In der Warteschlange sei das allerdings kein Thema gewesen. „Wir haben ein paar Sätze mit der Frau hinter uns gewechselt, dann hat jeder nur in sein Handy geschaut“, sagt der IT-Spezialist. Die Wartezeit findet er „Wahnsinn“, auch wenn es Freunde von ihm schlechter erwischt haben: „Ein Bekannter stand zwei Stunden und 45 Minuten“. Vor vier Jahren, sagt Maisenhelder, war nach zehn Minuten alles erledigt. Nach Recherchen des in New York ansässigen Online-Magazins Vice ist die Zahl der Wahllokale im Vergleich zur Präsidentschaftswahl 2016 um fast 21 000 gestrichen worden, das sind rund 20 Prozent. Gründe dafür waren das Coronavirus und die Verlagerung auf Briefwahl, aber auch Sparmaßnahmen. Betroffen davon waren in erster Linie die ärmeren Bevölkerungsteile, die sich keine lange Anreise leisten konnten.
Ein fünftel weniger Wahllokale als vor vier Jahren
Immerhin: Wählen konnte Joel Maisenhelder ohne technische Probleme. In einem Wahllokal in Des Moines, Iowa wurde ein Stimmzettelscanner blockiert, nachdem einige Wähler mit einem Desinfektionsmittel an den Händen ihre nassen Stimmzettel in die Maschine gegeben hatten.