Die Gärten und steilen Weinberge am Schimmelhüttenweg werden zum Kraftort im Süden der Stadt.
Oben ist vom Lärm der Stadt kaum mehr etwas zu hören, von der Enge im Kessel nichts zu spüren. Der Trubel am Marienplatz, die Staus und das Gehupe am Heslacher Tunnel und Stuttgarter Südtor, der Schleichverkehr durchs Lehenviertel und die Sirenen der Krankenwagen am Marienhospital – all das scheint hier oben weit weg zu sein.
Die hektisch-nervöse Betriebsamkeit der Stadt löst sich mit jedem zu Fuß eroberten Höhenmeter am Schimmelhüttenweg auf. Am Ende der Liststraße geht es auf der Rückseite des Marienhospitals an Gärten vorbei zu den „Haigst Heights“. Der Blick vom oberen Ende des Schimmelhüttenweges weitet den Horizont. Steinmauern, Weinberge und Gärten leuchten im goldenen Abendlicht fast so schön wie in der Toskana. Der Hasenberg, die Höhen Heslachs und der Monte Scherbelino zeichnen sich auf den gegenüberliegenden Hügelseiten bei schönem Wetter deutlich ab. Selbst der alte Sisyphos hätte bei diesem Ausblick innegehalten, ein kurzes Päuschen eingelegt, die strafenden Götter beschwichtigt und seinen schweren Schicksalsfelsen kurz zur Seite gerollt, um das tolle Panorama zu genießen.
Fleißige Schaffer in den Steillagen
Apropos Sisyphos: Die Retter dieser Steillagen am Scharrenberg schuften, schleppen und schwitzen mitunter ähnlich hart am Berg, allerdings verfolgen sie dabei – anders als im gleichnamigen Mythos – ein sinnstiftendes Ziel und einen ökologischen Plan. Denn die Weingärtner sind am Schimmelhüttenweg Jahr für Jahr im Einsatz, um diese uralte Kulturlandschaft sowie deren Flora und Fauna zu erhalten. „Aktuell wird die Halde von circa 15 aktiven Wengerten und deren Familien bewirtschaftet, die meisten im Nebenerwerb, darunter mehrere Besenwirte. Die bestockte Rebfläche beträgt derzeit 3,5 Hektar“, sagt Thomas Hund. Laut dem Vorsitzenden der „Vereinigung der Weingärtner und Freunde des Schimmelhüttenweges e. V.“ gehört der Scharrenberg damit zu einer der kleinsten eingetragenen Weinlagen in ganz Württemberg.
„Die steile Hanglage mit der Süd-Südwest-Ausrichtung sorgt für eine gute Sonneneinstrahlung. Mauern und geschützte Lage tragen zu einer Speicherung der Wärme und einem ausgeglichenen Kleinklima bei“, zählt Hund die Vorzüge des Degerlocher Scharrenberges auf. Er selbst produziert dort Roten und Rosé in vergleichsweise kleineren Mengen und sieht die Beschäftigung im Wengert auch als körperlichen Ausgleich, den er neben seinem Beruf als Rechtsanwalt in einer Stuttgarter Kanzlei mit Hingabe betreibt.
Eine Drohne hilft beim Pflanzenschutz
So geht es anderen auch. Zu den Quereinsteigern gehören ebenso Kerstin Köder und Frank Nonnenmann, die beruflich früher sehr viel unterwegs waren: „Im März 2020 konnten wir unseren Traum erfüllen und 53 Ar historische Weinberge am Degerlocher Scharrenberg übernehmen“, schreibt das Ehepaar in ihrem Weinberg-Flyer, der am Eingangstor zur Leonorenstraße ausliegt. Tradition und Innovation gehen bei ihrem Projekt namens „Wein vom Haigst“ Hand in Hand. Denn seit dem vergangenen Jahr kommt beim Pflanzenschutz auch eine Drohne zum Einsatz. Ansonsten holen sie in Handlese nur die besten Trauben von ihren Rebstöcken. Welches Potenzial darin steckt, zeigen ihre im Weingut Graf Adelmann ausgebauten Trollinger-Weine.
Die Passion für den Trollinger und ein goldenes Händchen beim Anbau zeichnen sicherlich auch Thomas Wolfrum aus. Seiner besseren Hälfte Barbara wurde das Weinbau-Gen ohnehin in die Wiege gelegt. Sie stammt als geborene Knobloch aus einer Degerlocher Wengerter-Dynastie. Das Ehepaar baut neben Trollinger auch Heroldrebe, Merlot und Sauvignon Blanc an und auch selbst aus. Wobei der Trollinger auch mal als Secco, Sekt oder Rosé aus dem Keller kommt.
„Unser Wein wird ausschließlich in Handarbeit angebaut“, sagt Wolfrum. Das gehe in den terrassierten und steilen Lagen auch gar nicht anders. Im Grunde sei der Schimmelhüttenweg – zumindest was den dortigen Weinbau betreffe – eine Art Kulturmuseum. Alles ist so wie früher. Denn hier wird der Weinbau eben tatsächlich noch im Einklang mit der Natur betrieben. „Wir bieten mit unseren Mauern Lebensraum für zahlreiche – auch bedrohte – Pflanzen und Tiere“, betont Wolfrum.
Der Erhalt dieses einzigartigen Landschaftsschutzgebietes ist auch für Thomas Hund einer der Hauptaspekte für das Engagement der Degerlocher Wengerter insgesamt: „Das Landschaftsbild ist seit Jahrhunderten unverändert, da hier keine Flurbereinigung stattgefunden hat. Die Mauern dienen dazu, den Hang zu stabilisieren, Erosion zu vermeiden und in der Steillage mit bis 60 Prozent Hangneigung durch die Terrassierung überhaupt eine Bewirtschaftung zu ermöglichen“, sagt er.
Aus einem ehemaligen Weinberg wird ein Rosen-Garten
Und wie wird aus einem ehemaligen Weinberg ein wunderbares Rosarium und Blumenparadies? Dies zeigen zwei Gartenbesitzerinnen weiter unten am Schimmelhüttenweg. Weil das Schwesternpaar aus dem Lehenviertel lieber anonym ihre Tipps weitergeben will, sollen sie hier nur „Gärtnerinnen von Eden“ genannt werden. Der Name passt ja auch perfekt: Rund 35 überwiegend historische Rosensorten haben sie seit 2008 in ihrem „Gütle“ gepflanzt. Sie wachsen vereint mit Kräuterbeeten, Sträuchern und Obstbäumen. Es ist eine blühende Parklandschaft, aber steil wie die Skipiste am Hahnenkamm.
„Die Auswahl unserer gesamten Bepflanzung ist der heißen Lage des Südhanges, der Wasserknappheit, sowie dem harten und kargen Boden geschuldet. Rosen sind dafür perfekt, sie lieben die Sonne und müssen nicht gegossen werden. Die alten Rosensorten sind dazuhin robuster und widerstandsfähiger als moderne Hybriden“, erklärt eine der beiden Schwestern. Und die andere ergänzt: „Und Rosen stellen mit ihrer Einzigartigkeit und Schönheit die stete Reproduzierbarkeit alles Modernen in den Schatten.“
Wo das Geißblatt und die Rose Albertine sich vereinen
Bestes Beispiel dafür ist in dem Zaubergarten eine blühende „Ramblerin“ namens Albertine. Sie rankt sich malerisch um einen knorrigen und schon abgestorbenen Zwetschgenbaum. Und mitten in diesem prächtig duftenden Rosenstrauch schlingt sich auch eine leuchtend feuerrote Clematis „Heckrottii“ nach oben. Sie haben sich beide ineinander verschlungen wie ein blühendes Liebespaar: „Dies ist ein ganz bewusst von uns gewollter Aspekt und Teil unseres Bepflanzungskonzeptes, nämlich verschiedene Pflanzen an ein und derselben Stelle miteinander zu kombinieren, sodass sie eine Art enge Beziehung miteinander eingehen können“, sagt die jüngere der beiden Gärtnerinnen. Auch Löwenmäulchen, Prachtkerzen, patagonisches Eisenkraut, Pfingstrosen, Lichtnelken, Astern, Hyazinthen und Ringelblumen gedeihen hier. Dazwischen wachsen auch Salbeistöcke, Thymianteppiche und Rosmarinsträucher.
Gleich hinter der Weinbergmauer und dem „Gestäffel“ als malerischen Eingang in den Garten erstreckt sich ein Naturzaun. Er dient als natürliche Hauptachse für das bunte Blütenreich. Und im Schatten dieser floristisch so schön in Szene gesetzten Totholzhecke sonnen sich gerne Eidechsen. Auch Blindschleichen, Kröten und der schwarze Alpensalamander finden in dem heckenreichen Garten immer ein gut behütetes Plätzchen. Wildbienen und Hummeln fliegen fleißig von Blütenkelch zu Blütenkelch. Es ist ein Ort der Ruhe, wo sich neben Fledermäusen, Raubvögeln und Eichhörnchen auch Menschen gerne zurückziehen, um wieder neue Kraft zu schöpfen.