Der Historiker Harald Schukraft zeigt auf die Stelle, an der sich die vergessene Brücke befindet. Foto: Torsten Schöll

Der Historiker Harald Schukraft ist sich sicher, dass unter der Stiftstraße eine weitgehend erhaltene Brücke des berühmten Renaissance-Baumeisters aus dem Jahr 1605 schlummert.

Ein vergessenes Bauwerk des großen Renaissance-Baumeisters Heinrich Schickhardt in Stuttgart? Es wäre nichts weniger als eine Sensation. Doch genau das, sagt der Stadthistoriker Harald Schukraft, schlummert verborgen unter dem Pflaster der Stiftstraße mitten in der Innenstadt. Allein, die Stadtverwaltung scheint dafür wenig Interesse aufzubringen.

Schukraft trägt sein Wissen über die sogenannte Stiftsbrücke, die Schickhardt in seinen Aufzeichnungen „„Newen Bruckh“, Neue Brücke, nannte, schon Jahrzehnte mit sich herum. Dass unter dem Straßenbelag der Stiftstraße, genau dort, wo sie in die Königstraße mündet, eine vermutlich nie zerstörte Steinbrücke aus dem späten 16. oder sehr frühen 17. Jahrhundert liegt, ist dem Kenner der Stuttgarter Stadtgeschichte schon seit 1987 bekannt.

Geheimnisvolles Gewölbe im Untergrund

Damals hatte Kurt Autenrieth, Miteigentümer des großen Büro- und Geschäftshauses Königstraße 19B/Ecke Stiftstraße den Historiker konsultiert. Autenrieth wusste seit ungefähr 1970, als die Fundamentmauern des Gebäudes auf ihre Tragfähigkeit hin untersucht worden waren, dass sich im Untergrund direkt neben dem Haus ein geheimnisvolles Gewölbe verbirgt, das bis weit unter die Stiftstraße reicht.

Er und Schukraft sichteten Ende der 1980er-Jahren nicht nur Schickhardts umfangreichen Nachlass, der im Hauptstaatsarchiv liegt. Sie stiegen auch gemeinsam in den Keller des Hauses, wo zu dieser Zeit noch ein großes Loch in einer Wandnische den Blick freigab auf den seltsamen Hohlraum unter der benachbarten Straße. Dieser teils aufgeschüttete Raum war sichtbar begrenzt durch eine Mauer aus massiven Stubensandsteinquadern sowie eine Art Gewölbedecke. Fotografien belegen den Fund. Heute ist das Loch in der Kellerwand wieder zugemauert.

Harald Schukraft weiß seit 1987 von der Brücke. Foto: Torsten Schöll

Ihren Recherchen zufolge musste es sich um einen der Bögen der wahrscheinlich um 1605 fertiggestellten Stiftsbrücke von Heinrich Schickhardt handeln, die kurz zuvor Herzog Friedrich I. in Auftrag gegeben hatte. Warum sich Schukraft sicher ist? Weil zum einen eine möglicherweise später gebaute Brücke an dieser Stelle nie existierte. Zum anderen, weil die Formen und Maße des Gewölbes mit den Bauskizzen übereinstimmen, die Schickhardt von der Brücke machte. „Die Brücke überspann in drei Bögen den mittelalterlichen Stadtgraben vor der heutigen Königstraße“, erläutert Schukraft bei einer Begehung vor Ort.

1844 wurden noch offene Brückenbögen mit Schutt verfüllt

Als um 1844 das Gebäude Königstraße 19B direkt auf den Gärten im damals noch bestehenden Stadtgraben erstmals errichtet wurde, habe der damalige Eigentümer des Hauses, Carl Wilhelm Weigel, die noch offenen Brückenbögen mit Schutt verfüllen lassen. Schon zuvor, um 1807, war der Durchgang zur Königstraße, also die Stiftstraße, verbreitert und das abschüssige Gelände mitsamt der Brückenoberfläche zugeschüttet und eingeebnet worden. Vermutlich, sagt Schukraft, blieb damals sogar die Pflasterung der rund 25 Meter langen und etwa vier Meter breiten Brücke unter dem neuen Straßenbelag erhalten.

Diesen seltsamen Hohlraum fotografierte Schukraft vor fast 40 Jahren. Foto: privat

Schickhardt erwähnt die Brücke in seinem zwischen 1630 und 1632 erstellten Inventar. Auf den Skizzen des Baumeisters ist auch gut zu erkennen, dass das Bauwerk, der Topografie entsprechend, ansteigend konstruiert war. „Es ist ein archäologisches Bodendenkmal erster Güte, das zumindest untersucht gehört“, sagt der Historiker. Er sieht die Gefahr, dass die archäologische Fundlage bei etwaigen Bauarbeiten an dieser Stelle nachhaltig gestört werden könnte.

In Köngen ist die dortige Ulrichsbrücke, die Schickhardt um 1602 erbaute, denkmalgeschützt und nichts weniger als das Wahrzeichen der Stadt. Was Schukraft ärgert: Obwohl er seine Kenntnisse im Juni dieses Jahres der Stadtverwaltung mitgeteilt hat, zeigt sich in Stuttgart bislang niemand an dem bauhistorischen Schatz unter dem Asphalt interessiert. „Die Archäologie ist in dieser Stadt unterbelichtet“, sagt er. Es gebe noch vieles, das im Boden unter der Innenstadt steckt. „Leider kümmert sich in Stuttgart niemand darum“, kritisiert der Historiker.