Von einem Tag auf den anderen hat die Corona-Krise viele Schauspielerinnen und Schauspieler in Nöte gestürzt: Aufführungen wurden abgesagt, Dreharbeiten wurden verschoben, Proben im Ensemble sind nicht möglich. Was das für Theater-, Film- und Fernsehdarsteller bedeutet, erläutert die Schauspielerin Klara Deutschmann im Gespräch mit unserer Zeitung.
Esslingen - Wer durch die Fernsehprogramme zappt, begegnet ihr in den unterschiedlichsten Rollen. Und egal, ob sie die smarte Polizistin in der Krimireihe „Hubert und Staller“, die junge Krankenschwester in der Serie „Charité“ oder die Pferdeflüsterin in „Reiterhof Wildenstein“ gibt – Klara Deutschmann setzt in jeder Produktion Akzente. Doch die 31-Jährige denkt über den eigenen Tellerrand hinaus und engagiert sich im Vorstand des Bundesverbands Schauspiel (BFFS). In Corona-Zeiten ist Klara Deutschmann in dieser anspruchsvollen Rolle besonders gefragt. Was Corona für sie und für andere Schauspieler bedeutet, erklärt sie im Gespräch mit unserer Zeitung.
Was wir gerade erleben, muss Ihnen bekannt vorkommen. Immerhin haben Sie in der Fernsehserie „Charité“ mitgewirkt, und da ging es auch um den Kampf der Mediziner gegen Infektionen ...
Daran musste ich zuletzt häufiger denken, weil ich mich bei der Vorbereitung auf „Charité“ sehr intensiv mit der Entwicklung der Medizin beschäftigt habe. Es ist ja noch gar nicht so lange her, dass Mediziner erfolgreich gegen Krankheiten wie Diphtherie, Tetanus oder Tuberkulose gekämpft haben. Wenn ich mir anschaue, was seither erreicht wurde, macht mir das Mut. Ich bin zuversichtlich, dass im Kampf gegen Corona vieles möglich ist, was wir im Moment noch nicht ahnen.
Ensembleproben, Dreharbeiten und Aufführungen sind nicht möglich. Was tun Schauspieler in Zeiten von Corona?
Jeder geht ganz unterschiedlich mit dieser Situation um. Wer Familie hat und jetzt mit den Kindern gefordert ist, wird diese Zeit anders erleben als jemand, der alleine lebt. Finanziell bricht gerade für alle so ziemlich alles weg. Ich habe das Glück, im Vorstand des Bundesverbands Schauspiel ehrenamtlich mitzuarbeiten. Deshalb habe ich vom ersten Tag der Corona-Einschränkungen an quasi den Job gewechselt und zuhause mein Gewerkschaftsbüro aufgeschlagen. Seither fange ich morgens um sieben mit der Arbeit für den Bundesverband an und arbeite bis in die Nacht, weil ständig neue Themen für uns Schauspielerinnen und Schauspieler aufkommen. Das ist wie ein neuer Beruf, nur dass er nicht bezahlt wird.
Bei Schauspielern denkt man an Glamour und stattliche Gagen, doch die sind nur für wenige Realität ...
Wir haben in Deutschland etwa 15 000 bis 20 000 Schauspielerinnen und Schauspieler, und nur ein verschwindend kleiner Teil dreht so viel und gut bezahlt, dass man davon locker leben und genügend zur Seite legen kann für Zeiten, in denen nicht so viel zu tun ist. Viele haben auch nicht die Möglichkeit, sich fürs Alter gut abzusichern. Die Glamourwelt, die einem in den Medien begegnet, gehört zu unserem Beruf, ist aber nur ein Aspekt. In Berlinale-Zeiten mache ich mich in meiner Wohnung schick, gehe über den roten Teppich und spiele eine Rolle, die mit der Filmwelt zu tun hat. Das ist wichtig, weil das eine Seite von Kultur greifbar macht und viele erreicht, die später die Filme im Kino anschauen. Doch wenn der Abend zu Ende ist, gehe ich nach Hause und schmiere mir ein Butterbrot.
Wie hält man sich in diesen Corona-Zeiten finanziell über Wasser?
Viele fallen gerade ins Bodenlose. Es gibt Hilfen für Solo-Selbstständige, die Schauspielerinnen und Schauspielern nicht sonderlich helfen, weil wir immer kurzfristig für einen Film oder eine Inszenierung beschäftigt sind. Zudem sind die Hilfen für den Erhalt des Betriebs gedacht. Wenn ich einen Probenraum gemietet hätte, könnte ich dafür Hilfe bekommen. Aber wer hat das schon? Die meisten sitzen zuhause im Wohnzimmer und sprechen dort ihre Monologe. Das Einzige, was uns gerade hilft, ist der erleichterte Zugang zur Grundsicherung.
Müssten wir nach den Erfahrungen der Corona-Krise neu über die Wertigkeit des Schauspielerberufs nachdenken?
Das ist nicht nur eine Frage unseres Berufs. Denken Sie an das Pflegepersonal in Kliniken und Altenheimen. Auch da genügt es nicht, diesen Menschen in der Krise zu applaudieren und hinterher einfach so weiterzumachen. Ich denke, dass da ein großes Umdenken in der Gesellschaft nötig ist. Dazu gehört auch, den Wert der Kultur neu in den Blick zu nehmen. Politisch fallen wir Schauspielerinnen und Schauspieler gerade durch jedes Raster, weil wir eine kleine Gruppe sind, die man schon mal übersehen kann. Wir wollen keine Sonderlösungen, aber wir beschäftigen uns im Bundesverband sehr intensiv mit der Frage, wie wir solche existenziellen Fragen überzeugend beantworten können. Wir Schauspielerinnen und Schauspieler dürfen auch in solchen Zeiten nicht ins Bodenlose fallen. Dafür brauchen wir Konzepte – so, wie man für andere Berufsgruppen Sicherungen einbaut. Das sind keine neuen Themen, doch Corona hat die Dringlichkeit klar vor Augen geführt.
Das Finanzielle ist das Eine, aber als Schauspielerin lieben Sie es ja auch, jeden Tag aufs Neue Ihr Bestes zu geben. Wie halten Sie die eigene Motivation hoch, wenn Sie plötzlich nicht mehr das tun können, was Sie sonst ausmacht?
Ich habe damit wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen sehr zu kämpfen – vor allem mit dem Wunsch nach Ausdruck, Fantasie und Kreativität, der sich derzeit nur schwer ausleben lässt. Anfangs habe ich den unbändigen Drang verspürt, nach außen zu gehen und zu spielen. Doch irgendwann habe ich überlegt, ob es nicht sinnvoller wäre, diese Zeit zu nutzen, um einen Schritt zurückzutreten und zu beobachten. Diese Zeit, so schwer sie für alle ist, bietet uns die unverhoffte Chance, über vieles, was in der alltäglichen Hektik gerne untergeht, etwas genauer nachzudenken. Die Entschleunigung und das Gefühl, nicht immer nur einem fahrenden Zug hinterherrennen zu müssen, kann neue Energien und Ideen freisetzen, die auch etwas Positives mit sich bringen. Plötzlich gibt es viel mehr Raum für Gedanken und für Neues. Deshalb waren die vergangenen Wochen eine andere Form des kreativen Auslebens, die ich auf ihre Weise genossen habe – auch wenn ich wahrlich nicht immer so leben wollte.
Glauben Sie, dass davon auch nach Corona etwas weiterwirken wird?
Ich wünsche mir sehr, dass etwas von dieser Erkenntnis nachklingen wird, und zwar gesamtgesellschaftlich. Es gäbe viele Möglichkeiten, Dinge zu verändern, angefangen bei unserem Konsumverhalten. Ich fürchte jedoch, dass das nicht so sein wird. Auch bei mir sehe ich die Gefahr, irgendwann in den alten Trott zu verfallen. Aber ich habe mir fest vorgenommen, die Dinge, die mir selbst guttun, beizubehalten.
Die Krise zeigt die Kehrseite des Schauspielerberufs. Würden Sie jungen Leuten raten, sich diesen Traum zu erfüllen?
Um meinen geschätzten Kollegen Heinrich Schafmeister zu zitieren: Es ist der schönste Beruf der Welt, nur leider überhaupt nicht weiterzuempfehlen. Ich liebe diesen Beruf aus ganzem Herzen, auch wenn er ziemlich hart ist. Wenn man sich dazu entschließt, würde ich auf jeden Fall den Weg über eine staatliche Schauspielschule empfehlen, weil man dann das nötige Rüstzeug bekommt für einen besseren Einstieg und um sich später zu behaupten. Keiner kann dir sagen, wie dein Weg als Schauspielerinnen und Schauspieler später sein wird. Wer entfacht ist von dieser Leidenschaft, soll es auf jeden Fall versuchen, sich jedoch immer im Klaren sein, dass es kein leichter Weg ist. Entscheidend ist, aus welchen Motiven heraus man sich für diesen Weg entscheidet. Wer vor allem an Ruhm und Glamour denkt, sollte es besser sein lassen, weil der Beruf viele Durststrecken birgt und weil man oft kleine Brötchen backen muss.
Sie haben viel zu tun und überzeugen in den unterschiedlichsten Rollen. Ist Erfolg immer nur eine Frage der Qualität?
Da kommen viele Komponenten zusammen: Man muss auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, und man muss Menschen treffen, mit denen man über Neues reden und Ideen entwickeln und realisieren kann. Da hatte ich oft Glück.
Sie sind ungewöhnlich vielseitig. Ist dieser Facettenreichtum ein Karrierefaktor?
Mich interessiert weniger der Karrierefaktor als viel mehr der Spaß und die Herausforderung der Verwandlung. Man weiß doch gar nicht so genau, wie das Publikum und die Branche reagieren. Ich muss aber auch um meine Vielseitigkeit kämpfen, um nicht auf eine Schublade festgelegt zu werden. Denn es macht mir eine unglaubliche Freude, ganz unterschiedliche Bereiche ausleuchten und Expertin für bestimmte Themen werden zu dürfen. Das ist ja das Reizvolle an diesem Beruf.
Das Interview führte Alexander Maier.