Ein Gewerbegebiet, das zu 65 Prozent energieautark ist, plant die Stadt Ostfildern mit dem Energieversorger EnBW. Das „zukunftsweisende Projekt“ Scharnhausen West lobt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut.
Im Gewerbegebiet Scharnhausen West gehen insgesamt 100 000 Tonnen wertvoller Filderboden auf Reisen. Der Humus wird auf andere Flächen im Stadtgebiet verteilt, um dort die Bodenqualität zu verbessern. Auf einer Fläche von 127 000 Quadratmetern entsteht ein nachhaltiges Gewerbegebiet, in dem Energie unter anderem über zwei Erdsondenfelder und über Solaranlagen auf Gebäuden gewonnen wird.
Die Arbeiten laufen nach Plan
„Schornsteine gibt es hier nicht“, sagt Jonas Winkle. Die Erschließung ist nach den Worten des Infrastrukturmanagers zu 50 Prozent abgeschlossen. Im ersten Quartal 2024 soll sie fertig sein. Trotz des Regenwetters laufen die Arbeiten nach Plan. Bisher gab es ihm zufolge keine nennenswerten Verzögerungen oder Probleme. Wenn der Straßen- und Rohrleitungsbau im ersten Quartal fertig ist, werden die Erdsondenfelder hergestellt. „Die ersten Grundstücke werden voraussichtlich im Sommer 2024 baureif sein“, sagt der Projektleiter der Stadt.
Nicht nur die Erdsondenfelder sind in dieser Größe in Deutschland einmalig. Das Gewerbegebiet soll zu 65 Prozent energieautark sein. Das Großprojekt an der Westumfahrung Scharnhausens ist für Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), Baden-Württembergs Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus, vorbildlich. „Die Verfügbarkeit zukunftsweisender Gewerbe- und Industrieflächen ist bei uns im Land und auch in der Region Stuttgart eine sehr wichtige Voraussetzung zum Erhalt der hiesigen Wirtschaftskraft.“ Vor diesem Hintergrund sei das geplante Gebiet ein beeindruckendes Beispiel für eine nachhaltige, optimierte Nutzung des besonders in Baden-Württemberg knappen Guts „Fläche“, ist die Ministerin überzeugt. Die hier verwirklichte „ganzheitliche“ Gewerbegebietsentwicklung adressiert laut Hoffmeister-Kraut „gleich mehrere der heutzutage entscheidenden Pfeiler des wirtschaftlichen Erfolgs von Unternehmen.“ Im Blick hat sie dabei eine günstige erneuerbare Energieversorgung, moderne Mobilitätsangebote und eine ressourcenschonende Nutzung öffentlicher Güter. Auf Einladung des CDU-Stadtverbands Ostfildern wird Hoffmeister-Kraut das Gewerbegebiet Scharnhausen West voraussichtlich im Herbst besuchen. „Dass wir dieses herausragende Klimaschutzprojekt in Ostfildern realisieren können, das macht uns stolz“, sagt CDU-Stadtrat Axel Deutsch. Die Stadt Ostfildern hat laut dem Kommunalpolitiker bei der Ansiedlung von Gewerbe erheblichen Nachholbedarf.
Neue Route für die Erdkröten
Das Gelände gegenüber der OMV-Tankstelle zu erschließen, fordert den Projektleiter Jonas Winkle heraus. Das beginnt mit dem Artenschutz. Damit sich die Erdkröten auf ihrer Wanderung nicht ins neue Gewerbegebiet verirren, sind Schutzzäune angebracht. „Scharnhausen West“ ist von Bäumen umgeben, die bereits gepflanzt sind. Die Entwässerung ist Winkle zufolge ein zentrales Thema. „Wir müssen für ein Jahrhunderthochwasser gewappnet sein“, sagt der Ingenieur.
Deshalb haben sich die städtischen Planer für ein sogenanntes Mulden-Rigolen-System entschieden. In diesem versickert das Wasser relativ schnell. „Damit wird auch der Wasserabfluss in den Rohrbach gebremst.“ Die vorgeschriebene Dachbegrünung auf den Gebäuden ist ebenfalls ein Beitrag zum Schutz vor Hochwasser.
Das künftige Straßensystem auf dem Gelände des neuen Gewerbegebiets ist schon gut zu erkennen. Erste Flächen werden bereits asphaltiert. Daneben tragen Bagger den wertvollen Humus ab. „Das Material kann nur bei trockenem Wetter abtransportiert werden“, sagt Winkle. Am Rand von „Scharnhausen West“ entsteht ein Radweg. Damit wird laut dem Projektleiter eine Lücke im Radwegenetz auf den Fildern geschlossen. Diese Verbindung in Richtung Autobahn und Neuhausen habe gefehlt und lasse sich neben der Fahrbahn der Kreisstraße 1269 gut integrieren.
5000 Tonnen weniger Kohlendioxid
Weil das energieautarke Gewerbegebiet ein komplexes Vorhaben ist, arbeitet die Stadt Ostfildern eng mit dem Energieversorger EnBW zusammen. Beim wöchentlichen Jour fixe besprechen Winkler und sein Team die nächsten Schritte. In dem „Gewerbepark der Zukunft“ werden 5000 Tonnen weniger CO₂ pro Jahr als bei vergleichbaren konventionellen Gewerbegebieten produziert. Mehr als 2200 Arbeitsplätze sollen dort entstehen. Moderne Mobilitätslösungen sind ebenso ein wichtiges Thema in dem neuen Gewerbepark der Stadt Ostfildern. Das geplante Parkhaus auf dem Areal ist als Mobilitätszentrale mit 200 Ladepunkten und zwei Schnellladepunkten geplant.
Das klimaneutrale Gewerbegebiet
Wer zieht ein?
„Bisher wurden Interessensbekundungen entgegengenommen“, sagt Dominique Wehrle, Pressesprecher der Stadt Ostfildern. Die Firmen werden anhand definierter Kriterien ausgewählt. Eine wichtige Rolle spielen nach Wehrles Worten die Größe und Art des Gewerbes. „Der Fokus liegt hierbei auf mittelständischem, produzierendem Gewerbe.“ Des Weiteren sollen sich die Firmen ihm zufolge in das Energie- und Mobilitätskonzept eingliedern lassen.
Lage
Der neue Gewerbepark Scharnhausen West punktet mit seiner Nähe zur Autobahn, zum Flughafen und zum künftigen Filderbahnhof. Gegenüber sind die Unternehmen DHL, Festo und Daimler angesiedelt. Es werden Grundstücke ab 4000 Quadratmeter angeboten. Das Energiekonzept entwickelt Ostfildern gemeinsam mit dem Energieversorger EnBW. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.scharnhausen-west.de.