Safety first: Ein Mercedes-Mechaniker reinigt das Visier von Lewis Hamiltons Helm bei des Testfahrten in Silverstone – er trägt ein Gesichtsvisier sowie einen Mund-Nasen-Schutz. Foto: Daimler AG/Steve Etherington

Am 5. Juli soll erstmals in diesem Jahr bei einem Grand Prix die Startampel aufleuchten – doch der Große Preis von Österreich wird kein normales Rennen. Den Mitarbeitern der Teams werden zahlreiche Corona-Vorschriften gemacht.

Stuttgart - Die Mercedes-Mannschaft hat schon mal getestet, wie gut sie Formel 1 unter Einhaltung der Corona-Regeln kann. In Silverstone haben Lewis Hamilton und Valtteri Bottas einen Silberpfeil, Baujahr 2018, über die Strecke chauffiert, die Ingenieure haben viele Gigabyte Daten an ihren Rechnern analysiert, die Mechaniker haben in der Garage an den Autos kräftig herumgedoktert. Natürlich haben alle den Mund-Nasen-Schutz getragen, ordentlich Abstand gehalten und sämtliche Hygieneregeln beachtet. „Wir haben geübt, wie es ist, unter Beachtung dieser Vorgaben zu arbeiten“, erzählt ein Teammitglied, „um festzustellen, wo es Problemen geben kann und wo es schwierig wird, den korrekten Abstand einzuhalten.“

Mercedes hat sich so gut es eben geht vorbereitet auf den verspäteten Start in die Saison, der am 5. Juli mit dem Großen Preis von Österreich in Spielberg geplant ist, das erste Formel-1-Rennen in der Corona-Ära. Und zwar die Menschen, nicht die Motoren. Der aktuelle Silberpfeil, der nach der Absage des Auftaktrennens in Australien Mitte März wieder nach Brackley in die Fabrik zurückgekehrt ist und während des Lockdowns im Dornröschenschlaf weilte, wird demnächst reisefertig verpackt und nach Österreich kutschiert. „Dort im Freien Training werden wir erstmals seit Melbourne wieder mit dem Auto fahren“, hatte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff gesagt, der sich wie die gesamte Mannschaft darauf freut, endlich in einen Grand Prix starten zu dürfen.

Es gibt kein Fahrerlager in Österreich

Österreich wird ein ganz besonderes Rennen; eines, das in die Formel-1-Historie eingehen wird. Eines, das unter dem Joch des Covid-19-Virus leidet. Der Automobil-Weltverband Fia hat ein 74-seitiges Dossier an die Rennställe verschickt, in dem akribisch aufgelistet ist, was die Teams strikt zu beachten haben, wenn sie in Spielberg die Garagen beziehen und ihrer Grand-Prix-Arbeit nachgehen. „Die Fia verdient in diesem Prozess eine enorme Anerkennung“, sagte Formel-1-Geschäftsführer Chase Carey, „in vielerlei Hinsicht werden wir wie in einer Blase leben.“

Besser kann man es nicht beschreiben: Die Formel 1 ist ein eigener Planet. Es werden keine Fans auf den Tribünen sein, die monströsen Motorhomes für die Gäste der Rennställe werden nicht aufgebaut, es gibt kein Fahrerlager. Nur die nötigsten Utensilien werden zur Rennstrecke gebracht, nur die unbedingt erforderlichen Mitarbeiter reisen zu den Großen Preisen. Maximal 80 Personen (anstatt 130) sind pro Team zugelassen – nicht viel, wenn man bedenkt, dass bei Mercedes 60 Leute rund ums Auto arbeiten. Die übrigen 20 sind mit Organisation und Kommunikation beschäftigt. „Die 60 Leute“, sagt des Mercedes-Teammitglied, „arbeiten wie bei jedem anderen Grand Prix, deren Abläufe sind nahezu die gleichen – sie müssen lediglich die Corona-Knigge, wie Masken-Tragen und Abstandsregeln, berücksichtigen.“ Was schwierig werden könnte: Aufgrund der Maske ist Lippenlesen unmöglich, was im Umfeld eines lauten Motors zu Missverständnissen führen kann. Auch die Mimik hilft da nicht weiter. Genau deshalb hat Mercedes in Silverstone die verschiedensten Arbeitsabläufe in der Box geübt.

Alle Personen werden auf Covid-19 getestet

Darüber hinaus hat die Fia die Angestellten der Rennställe verpflichtet, keinen Kontakt zu den Kollegen der Konkurrenz zu haben. Die Teams müssen getrennt anreisen, möglichst in einem separaten Flugzeug, und werden in verschiedenen Hotels untergebracht – bei einem Grand Prix ohne Fans gibt es genügend freie Betten. Auch die Zahl der Medienvertreter wird extrem ausgedünnt, statt mehr als 250 Reporter werden in Österreich nur 60 zugelassen – und die werden nur den nötigsten Kontakt zu den Teams bekommen. Darüber hinaus legt der Weltverband größten Wert darauf, dass sämtliche zugelassene Personen auf das Covid-19-Virus getestet sind, zudem sollen regelmäßige Kontrollen stattfinden. Sollte ein positiver Fall registriert werden, wird die Person in Quarantäne geschickt und deren direktes Umfeld getestet. Zu einer generellen Absage des Rennens soll dies aber nicht zwingend führen.

Spielberg wird zur Nagelprobe, ob die Formel 1 in der Corona-Krise funktioniert. Geht das Rennen ohne Komplikationen über die Bühne, sollen in Europa weitere sieben Große Preise folgen. „Es ist gut, dass wir einen soliden Europa-Kalender haben“, sagte Mercedes-Teamchef Wolff. Dann könnte ein Weltmeister gekürt werden, die Regularien schreiben dafür mindestens acht Wettfahrten vor. Womöglich werden es sogar mehr. Bahrain und Abu Dhabi wollen den Formel-1-Tross zum Jahresende ebenfalls empfangen. Doch zunächst sollte in Österreich alles ohne einen Covid-19-Crash ablaufen.

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