Ein Bild von einem Mann: Tom Jones in Fahrt Foto: dpa/Andrew Parsons

Tom Jones, der singende Bergmannssohn aus Wales, wird 80 Jahre alt. Er ist eine Naturgewalt.

Stuttgart - Für die Popmusik war 1967 ein fabelhaftes Jahr. Die Rolling Stones, die Beatles, die Doors, Leonard Cohen, Bob Dylan und viele andere legten klassische Alben vor. Wer da ein bisschen abseits stand, altmodischer war, musste eigentlich das perfekte Album mit umwerfenden Originalsongs bringen, um Gehör zu finden. Was aber tat Tom Jones, ein junger Sänger aus Wales, dessen Karriere gerade mal drei Jahre alt und noch lange nicht abgesichert war? Er lieferte ein zusammengestoppeltes Album mit dem Titel „Green green Grass of Home“, ein Sammelsurium angestaubter Countrysongs.

Für jeden anderen wäre das der Rückfahrschein an die Lederschnittmaschine in der Handschuhfabrik geworden, die der als Tom Woodward geborene Bergmannssohn Jones früher mal widerwillig bedient hatte. Jones aber machte aus „Green green Grass of Home“ ein Erfolgsalbum, das mehrere Hitsingles abwarf. Mit dem strotzenden Selbstbewusstsein des Schulversagers, der sich Abend für Abend durch die Straßen geprügelt hatte und überzeugt war, ihm könne keiner was, ging Jones Musik an: Der Sänger, nicht der Song war für ihn das Wichtige, die pure Kraft, die einer ins Lied zu pumpen fähig war.

Soul von unten

Viele Mittelschicht-Kids damals nahmen Blues, Rock’n’Roll und Soul aus den USA als schönes Fremdes wahr, mit dem man die eigene Klasse schocken konnte. Jones kam von weit unten und dachte keinen Moment darüber nach, ob er sich als Weißer schwarze Musik aneignen dürfe: Er sah sie immer als die seine. So brachte er authentisch weiße Crooner-Elemente in schwarze Soulsongs wie „Hold on, I’m Comin’“ und schwarze Gospelintensität in einen Countrysong wie „Ring of Fire“.

Am 7. Juni wird Tom Jones 80 Jahre alt, und vielleicht kann kein anderer Sänger, der so lange im Geschäft war, auf so wenige sauber durchkomponierte Alben zurückblicken. Es gibt sie, „Mr. Jones“ von 2002 etwa und „Spirit in the Room“ von 2012. Aber Jones war mehr am einzelnen Song und noch mehr am Liveauftritt interessiert. Mit breiten Schultern, schmalen Hüften und markant geschnittenem Gesicht war er die perfekte männliche Sexbombe und als Familienvater neuen Versuchungen angeblich notorisch zugetan.

Der Tb-Überlebende

Die Bühnen von Las Vegas waren ihm lieber als die Arbeit im Studio, und anderen mit so einem Talent müsste man dafür böse sein. Bei Jones klappt das nicht, eben weil die besten seiner Einzelsongs solche Kraftpakete bleiben: It’s not unusual“, der Bond-Titelsong „Thunderball“, „16 Tons“, „Delilah“, „If I only knew“ und „Kiss“ etwa.

Wer sich müde fühlt, ausgelaugt oder deprimiert, muss nur einen davon anspielen und wird von jener Energie durchkribbelt, die Jones hineingelegt hat. Da springt einen die Chuzpe des in seiner Jugend zwei Jahre lang mit Tuberkulose im Bett Liegenden an, der weiß, dass ihm keiner etwas zutraut, und darum vorhat, noch zu tanzen, wenn die anderen längst jammernd die blasigen Füße ins Fußbad tauchen. Tom Jones darf man unter die Naturgewalten zählen.

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