Von Larissa Koch, Berliner Redaktion

Stuttgart/Berlin - Ist das ein Modell für Millionen Versicherte in ganz Deutschland? Für 1,4 Millionen AOK-Mitglieder in Deutschlands Südwesten ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner. Die AOK-Baden-Württemberg war die erste, die im Jahr 2008 in Deutschland ein Hausarztmodell eingeführt hat. So sollten unnötige Facharztbesuche, Fehldiagnosen und überflüssige Arznei-Verordnungen verhindert werden. Jetzt zeigt eine Studie im Auftrag der Südwest-AOK, dass sich das Modell bewährt hat. Ein Beispiel: Patienten mit Schmerzen in der Brust gehen meist zum Kardiologen, weil sie Angst haben, dass etwas mit ihrem Herzen nicht stimmt. „Menschen, die mit Brustschmerzen zum Arzt gehen, haben meistens nichts mit dem Herzen, sondern mit dem Rücken“, erklärt Ferdinand Gerlach, einer der Autoren einer Studie der Universitäten Frankfurt und Heidelberg im Auftrag der AOK. All diese Patienten „verstopfen die Facharztpraxen“, das sei vermeidbar, erklärte der Wissenschaftler unserer Berliner Redaktion.

Schlimmer noch: „Der Kardiologe setzt in solchen Fällen seinen ganzen Maschinenpark in Gang und untersucht den Patienten sorgfältig. Daraus resultiert eine Vielzahl von sogenannten falsch-positiven Befunden“, sagt Gerlach. Im Klartext: Die Patienten haben nichts, werden aber beim Kardiologen genau unter die Lupe genommen, der findet dennoch eine verdächtige Veränderung und schickt den Betroffenen gegebenenfalls für weitere Untersuchungen in die Klinik. „Oft ist dies vollkommen sinnlos und erklärt einen Großteil der langen Wartezeiten bei Fachärzten“, fügt der Allgemeinmediziner hinzu.

Die Wissenschaftler haben acht Jahre lang untersucht, ob sich das Hausarzt-Modell bewährt hat. Und das hat es offenbar - zumindest bei den Versicherten der AOK im Südwesten. Die Ergebnisse: Unnötige Facharztbesuche und Klinik-Einweisungen konnten häufig vermieden werden, ebenso schwere Komplikationen bei Diabetikern wie etwa Amputationen, Erblindungen und Schlaganfälle. Das Fazit der Studienmacher: Patienten mit Hausarztverträgen würden besser versorgt und Kosten eingespart.

Gröhe sieht keinen Handlungsbedarf

Die Rolle des Hausarztes als „Gesundheitslotse“, der den Informationsfluss zwischen ihm, Patienten und Fachärzten steuert, werde gestärkt, Über-, Fehl- und Unterversorgung würden systematisch abgebaut. Obwohl die gesetzlichen Krankenkassen verpflichtet sind, ein Hausarztmodell anzubieten, tun das längst nicht alle Kassen. Vielen Versicherten bleibt daher diese Wahlmöglichkeit verwehrt. Das Bundesgesundheitsministerium sieht dennoch keinen Handlungsbedarf. Ein Sprecher von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sagte, die Weichen für die Verbreitung dieses Modells seien gestellt. „Der Minister spricht sich dafür aus, dass die hausarztzentrierte Versorgung weiterhin zum Pflichtkatalog der Krankenkassen gehört.“ Und nun? Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) möchte das Problem am liebsten mit einer Sanktion lösen. Versicherte, die statt zum Hausarzt direkt zum Facharzt wandern, sollten mit einer Gebühr belegt werden. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen hält das für völlig falsch: „Dass der ­unmittelbare Zugang zum Facharzt zuzahlungspflichtig wird, lehnen wir entschieden ab. Die freie Arztwahl muss für alle Versicherten gelten“, erklärte der Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz.

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