Wann die S 1 in Weilheim ankommt, ist völlig offen. Kommunalpolitiker ärgern sich über die immer längeren Planungsverfahren. Foto: imago/Arnulf Hettrich

Die Regionalversammlung gibt der Verlängerung der S-Bahn von Kirchheim nach Weilheim Vorrang. Aber einen verlässlichen Zeitrahmen für die Realisierung gibt es nicht.

Alle wollen sie. Aber viele glauben nicht, dass sie in absehbarer Zeit kommt. Dabei stehen die Signale eigentlich auf Grün für die Verlängerung der S-Bahnstrecke von Kirchheim nach Weilheim – ein Neubauprojekt, das der Trasse der alten, 1994 endgültig stillgelegten Bahnstrecke folgt.

In der Sitzung des Verkehrsausschusses der Regionalversammlung haben kurz vor der Sommerpause Freien Wähle, CDU/ÖDP, Grüne und SPD eine Priorisierung der seit langem diskutierten Projekts gefordert. Der Antrag fand eine Mehrheit – ein Schub für die geplante Maßnahme: Nach dem Votum habe die Region „den Auftrag, eine Verlängerung nach Weilheim weiterzuverfolgen“, sagt Regionalverband-Pressesprecher Thomas Graf-Miedaner. Vorgesehen ist zugleich eine Elektrifizierung der Teckbahn von Kirchheim nach Oberlenningen. Die S-Bahn-Züge würden dann in Kirchheim geteilt, ein Zugteil nach Weilheim, der andere nach Oberlenningen fahren.

Allerdings benennt Graf-Miedaner auch die Knackpunkte und Wackelpartien. Zuvorderst die mangelnde Pünktlichkeit auf der S-Bahn-Linie 1. Sie sei Voraussetzung für eine weitere „seriöse Planung“. Eine Lösung des Problems erhofft man sich vom Digitalen Knoten Stuttgart, dessen Zugleitsystem auch die Weilheimer Strecke steuern würde. Doch mit dem Ausbau des Knotens kommt die Deutsche Bahn wegen Expertenmangels nicht planmäßig voran.

Weitere Unwägbarkeiten betreffen die Finanzierung. Laut der Vorlage im Verkehrsausschuss der Regionalversammlung bedarf es „bei den Ausbauprojekten einer Mitfinanzierungsbereitschaft der begünstigten Raumschaften“ – auch im Hinblick auf die Anpassung des Busverkehrs. Bei der Stadt Kirchheim will man von einer finanziellen Beteiligung allerdings nichts wissen: „Die Kosten werden in der Regel zu 75 Prozent von Bund und Land sowie im Übrigen von Region und Landkreisen getragen“, teilt Stadtsprecherin Doreen Wackler mit.

S-Bahn fährt wohl kaum vor 2040

Alle Faktoren zusammen sprechen für einen sehr fernen Realisierungshorizont der S-Bahn für Weilheim. Bisher stand eine Fertigstellung bis 2040 im Raum. Die Vorlage des Verkehrsausschusses unkt deutlich skeptischer, die „Rahmenbedingungen“ seien „derzeit noch nicht belastbar genug, als dass die Umsetzung bis 2040 gewährleistet werden kann“. Aus Sicht von Region-Sprecher Graf-Miedaner ist es überhaupt „schwierig“, bei diesem Projekt „einen Zeithorizont festzulegen“. Bei der bloßen Elektrifizierung der Teckbahn – vorerst noch ohne S-Bahn-Betrieb – sieht es etwas besser aus. Die Vorlage hebt die „derzeit attraktiven Förderaussichten“ hervor und empfiehlt, „die Maßnahme ohne Mitfinanzierungspflicht der Anliegerkommunen weiterzuverfolgen.“

Den Plochinger Bürgermeister Frank Buß, der auch Fraktionsmitglied der Freien Wähler in der Regionalversammlung ist, kann dies nicht beschwichtigen. Er kommt sich bei den immer langwierigeren Planungsvorläufen für Infrastrukturprojekte vor wie in der unheilig-uneiligen Kongregation von Sankt Nimmerlein. „Wir vergeuden Zeit“, sagt er und verweist auf die im Bau befindliche S-Bahn-Verlängerung nach Neuhausen als abschreckendes Beispiel: ursprünglich für 2017 avisiert, wurde der Realisierungstermin unlängst noch einmal verschoben. Statt Ende 2027 soll die S-Bahn jetzt Ende 2028 kommen – frühestens, wohlgemerkt.

Grund für die Verzögerung ist der „Digitale Knoten Stuttgart“

Als Grund wurden das Hinterherhinken beim Digitalen Knoten Stuttgart genannt, aber auch Verzögerungen infolge des Grundstückserwerbs. „Planungsverfahren von 10 bis 15 Jahren mit zahlreichen Verzögerungen durch Klagen kann sich Deutschland nicht mehr leisten. Das individuelle Klagerecht von Anliegern und das Verbandsklagerecht werden missbraucht, um ÖPNV-Projekte zu verzögern.

Deshalb müssen sie rechtlich neu geregelt werden“, sagt Buß. Bei der Weilheimer S-Bahn müsse es anders laufen, fordert Buß und verweist auf Sinn und Zweck des großen Ganzen namens Verkehrswende: „Um die deutschen Klimaziele zu erreichen, ist der Bundesgesetzgeber gefordert, bürokratischen Ballast abzuwerfen und Planungsverfahren deutlich zu beschleunigen.“

Auch das in Weilheim geplante Cellcentric-Klimawerk würde von einer S-Bahn-Verlängerung profitieren. Foto: Visualisierung Cellcentric

Weilheims Bürgermeister Johannes Züfle betont denn auch, eine S.Bahn würde nicht nur die Erreichbarkeit der Stadt selbst verbessern, sondern auch des entstehenden Gewerbegebiets Rosenloh mit dem Klimawerk von Cellcentric.

Auch Kirchheim versprichst sich eine attraktivere Anbindung des Stadtteils Jesingen und des Gewerbegebiets Bohnau. Doch für Züfle und wohl auch alle anderen Beteiligten ist klar: „Bis die erste S-Bahn nach Weilheim rollt, werden wir uns noch lange gedulden müssen.“

Bahnverkehr unter der Teck

Verzweigung
Ursprünglich verzweigte sich in Kirchheim die von Wendlingen kommenden Nebenbahn in zwei Richtungen: nach Weilheim und durch das Lenninger Tal nach Oberlenningen. Der Personenverkehr auf der Weilheimer Strecke wurde schon 1982 eingestellt, die Gesamtstilllegung erfolgte in Abschnitten bis 1994. Nach Oberlenningen besteht bis heute auch Personenverkehr.

Zukunft
Geplant ist eine Rückkehr zur Verzweigung – nun mit Teilung der Züge der Linie S 1 in KIrchheim, Neubau der Strecke nach Weilheim und Integration der Weilheimer wie der Oberlenninger Bahnen ins S-Bahn-Netz. Bis wann die Pläne realisiert werden, ist völlig offen. mez