Die Bauprojekte in Neuhausen konzentrieren sich auf den künftigen S-Bahnhof. Das bleibt so, sagt Bürgermeister Ingo Hacker – auch wenn die S-Bahn erst später kommt.
Die Gemeinde Neuhausen wurde erst kurz vor den Regionalräten über die Verzögerung ihres S-Bahn-Anschlusses um mindestens ein Jahr informiert, teilt Bürgermeister Ingo Hacker auf Anfrage unserer Zeitung mit. Wie am Montag bekannt wurde, kann die 3,9 Kilometer lange Neubaustrecke von Filderstadt-Bernhausen nach Neuhausen statt Ende 2027 frühestens mit dem Fahrplanwechsel 2028/29 in Betrieb gehen. Dies erklärte der Verband Region Stuttgart nach einem Ortstermin mit dem Projektleiter der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB), Daniel Kohler.
Der Regionalverband ist zuständig für den S-Bahn-Ausbau. Er hat die SSB nach schlechten Erfahrungen mit der Deutschen Bahn (DB) beim Ausbau der Strecke Renningen – Böblingen für die S 60 mit dem Neubauprojekt auf den Fildern beauftragt. Jetzt scheint es dort ähnliche Probleme zu geben.
Kosten für den S-Bahn-Anschluss Neuhausen steigen
Mit und teilweise wegen der späteren Inbetriebnahme steigen auch die Kosten von zuletzt prognostizierten 210 auf nunmehr geschätzte 223 Millionen Euro. Als Ursache werden nicht die Baukosten im engeren Sinn angegeben, sondern zusätzliche Ausgaben für Planung und Verwaltung. In der Vorlage für die nächste Sitzung des Verkehrsausschusses der Regionalversammlung heißt es: „Der Planungsumfang und -aufwand im Projekt ist deutlich gestiegen. Es gibt derzeit erhebliche Ressourcenengpässe, insbesondere im Bereich der Fachplaner und Bauüberwacher mit entsprechenden Auswirkungen auf die Honorare.“ Allein zehn der 13 Millionen Euro Mehrkosten gehen für die nunmehr teureren Experten drauf. Für die Kostensteigerung müsse Neuhausen im Rahmen der regionalen Verbandsumlage anteilig mit aufkommen, erklärt Hacker.
Mangelnde Personalressourcen spielen auch eine Rolle bei der verzögerten Inbetriebnahme der Neubaustrecke nach Neuhausen. Als eine Ursache gilt laut der Vorlage der Regionalversammlung der Digitale Knoten Stuttgart. Die Bahn baut im Rahmen von Stuttgart 21 diese umfangreiche digitale Leittechnik auf – und kommt mangels verfügbarer Experten nicht hinterher. Vorrang hat offenbar der für Ende 2026 avisierte Start von S 21 mit der Eröffnung des neuen Stuttgarter Tiefbahnhofs. Die Planungen hätten sich „erheblich verzögert“, heißt es in der Vorlage. „Somit ergeben sich in diesem Bereich aus heutiger Sicht erhebliche terminliche Risiken“ für das Neuhausener S-Bahn-Projekt. Hinzu kommen weitere Unwägbarkeiten bei der Abnahmeprüfung der neuen Strecke: Auch sie kann sich mangels Expertinnen und Experten hinziehen, geht aus der Vorlage hervor.
Verweigerung von Grundeigentümern
Ein weiterer und nicht ganz neuer Grund für die Bauverzögerung: der Erwerb beziehungsweise die vorübergehende Nutzung von Grundstücken für die neue Trasse. Insgesamt ging es, so die Vorlage, um 432 Flurstücke. Bei 181 von ihnen mussten neue und aufwendigere Richtlinien des Landes für landwirtschaftliche Flächen berücksichtigt werden. Zudem habe die Verweigerung einiger Eigentümer dazu geführt, dass für 58 Flurstücke Verfahren beim Regierungspräsidium durchgeführt werden mussten. Die Grundstücksprobleme hätten in der ersten Bauphase zu Verzögerungen geführt, die laut der Vorlage nachwirken.
Neuhausen hingegen liege im Plan, versichert Hacker: „Unsere Baumaßnahmen werden wie geplant durchgeführt und Ende 2027 fertiggestellt sein.“ Auswirkungen auf die Ortsplanung, die in wesentlichen Teilen auf den künftigen S-Bahnhof ausgerichtet ist, habe die Verzögerung nicht, sagt der Bürgermeister. Busstation und Bahnhofsumfeld werden demnach wie geplant fertiggestellt. Die Neuausrichtung des Linienbusverkehrs auf die künftige S-Bahn dürfte freilich erst zu deren Inbetriebnahme erfolgen. Hätten doch Busse mit Anschluss an eine Bahn, die es nicht gibt, keinen Sinn.
Wie sich die Bauzeiten verlängern
Filderbahn
Mit dem künftigen S-Bahnhof erhält Neuhausen erstmals seit 1983 wieder einen Schienenanschluss. Damals wurde die Filderbahn von Stuttgart-Vaihingen nach Neuhausen eingestellt, Personenverkehr fand schon seit 1955 nicht mehr statt. Mit der S-Bahn wurde die Strecke auf neu gebauter Trasse reaktiviert – bislang bis Bernhausen. Bemerkenswert: Der Bau der alten Filderbahnstrecke mit 16 Kilometern Länge wurde am 14. April 1896 beschlossen. Im Herbst 1896 begannen die Bauarbeiten, am 19. Dezember 1897 wurde die Strecke eingeweiht.
Neubau
Keine zwei Jahre vom Baubeschluss zur Fertigstellung: Ans Tempo des 19. Jahrhunderts kommt die fortgeschrittene Bautechnik des 21. Jahrhunderts nicht annähernd heran. Seit 2023 wird an der gerade mal 3,9 Kilometer langen Streckenverlängerung zum neuen, alten Endpunkt Neuhausen mit Zwischenhalt in Sielmingen gearbeitet. Nach vier Jahren sollte die Strecke fertig sein, jetzt sind es mindestens fünf. Allerdings: Der Neubau mit 700 Metern Tunnel und etlichen Abschnitten in Troglage ist aufwendiger als einst im freien Gelände.