Viele Länder wie hier Venezuela setzen auf den Impfstoff Sputnik V – hier kommen 100 000 Dosen an. Foto: AFP/Federico Parra

Russland wirbt offensiv für sein Vakzin Sputnik V. Kritiker werfen der Regierung in Moskau vor, mit dem Impfstoff „aggressive Diplomatie“ zu betreiben. Und doch ist die EU dem Einsatz des Wirkstoffs nicht abgeneigt – die Zulassung steht aber aus.

Berlin - Zeitgleich mit dem Aufkommen neuer Zweifel an dem Corona-Impfstoff von Astrazeneca rückt ein anderes Vakzin in den Fokus: der russische Wirkstoff Sputnik V. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron sprachen unlängst mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über Möglichkeiten, Sputnik V auch in Europa einzusetzen. Russland wirbt offensiv für das in der EU noch nicht zugelassene Mittel. Es gibt jedoch Vorbehalte – wissenschaftliche und politische. Frankreichs Außenminister Jean -Yves Le Drian warf der Regierung in Moskau erst vor wenigen Tagen vor, Sputnik V als „Mittel der Propaganda und der aggressiven Diplomatie“ einzusetzen.

Russland hatte Sputnik V bereits im August als weltweit ersten Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen. International wurde dies mit Skepsis aufgenommen. Denn der Wissenschaft im Ausland lagen keine Informationen zu dem vom staatlichen Gamaleja-Forschungszentrum in Moskau entwickelten Vakzin vor. Außerdem impfte Russland seine Bürger bereits mit dem Wirkstoff, ohne die sonst übliche Testphase mit mehreren tausend Probanden abzuwarten.

Russland exportiert, erst kleiner Teil der eigenen Bürger geimpft

Nach erst später in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichten Daten erreicht Sputnik V eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Damit wäre das Vakzin in etwa so wirksam wie die Produkte von Biontech/Pfizer und Moderna. Ein Forschungserfolg für Russland, der jedoch von Beginn an einen politischen Beigeschmack hatte. 1957 schoss die Sowjetunion den ersten Satelliten ins All, eine Machtdemonstration im Kalten Krieg. Der Name des Satelliten: Sputnik 1. Kritiker werfen Russland vor, jetzt mit Sputnik V Großmachtpolitik zu betreiben.

Mehr als 50 Länder haben das Vakzin inzwischen zugelassen. Es wird von Russland exportiert, obwohl die eigene Bevölkerung erst zu einem kleinen Teil geimpft ist. „Russland zielt mit seiner Impfstoffpropaganda auf Länder in der Nachbarschaft der Europäischen Union, wohin die EU derzeit nur wenig oder verzögert Impfstoff liefern kann“, sagte der SPD-Außenpolitiker Nils Schmid. „Da geht Russland strategisch rein, um die Leistungsfähigkeit der EU infrage zu stellen, und um die vermeintliche Überlegenheit seines Medizinsektors zu demonstrieren.“

Österreichs Kanzler: „Darf keine geopolitischen Scheuklappen geben“

Aber auch in der EU findet Russland Abnehmer. Ungarn setzt das Mittel bereits auf Grundlage einer nationalen Genehmigung ein, auch die Slowakei hat schon 200 000 Dosen erhalten. Österreich ist nach Verhandlungen mit Moskau kurz vor der Bestellung. „Beim Impfstoff darf es keine geopolitischen Scheuklappen geben“, sagte Kanzler Sebastian Kurz.

Russischen Angaben zufolge könnte ab Jahresmitte Impfstoff für 50 Millionen EU-Bürger zur Verfügung gestellt werden. Dafür soll Sputnik V auch in einem Werk im bayerischen Illertissen produziert werden. Die zuständige EU-Behörde EMA prüft derzeit den Antrag auf Zulassung des Vakzins. Wenn diese erteilt werde, solle Sputnik V auch in der EU genutzt werden, forderte Kanzlerin Merkel kürzlich.

Bis zu einer Entscheidung könnte es aber noch dauern. Im April wollen EMA-Experten zunächst Produktion und Lagerung in Russland begutachten. Einen Rahmenvertrag zur Belieferung mit Sputnik V nach einer Zulassung will die Bundesregierung zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht schließen. Zur Begründung sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums: „Uns liegen keine Daten vor.“

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