Tennisstar Naomi Osaka macht ihre Depression öffentlich – ein außergewöhnlicher Schritt im Profisport. Aber warum ist das so?
Paris - Es sind hohe Wellen, die Naomi Osakas Statement in der internationalen Sportszene schlägt: Nachdem der japanische Tennisstar am späten Montagabend seine jahrelangen Depressionen in einem zweiseitigen Schreiben in den sozialen Medien öffentlich gemacht hatte, haben sich bereits etliche Stars aus der Welt des Sports zu Wort gemeldet. In den meisten Fällen gab es dabei viel Zuspruch für die 23-Jährige – auch aus der ersten Reihe der Tenniswelt: „Als Sportler wird uns beigebracht, auf unseren Körper zu achten“, schrieb die ehemalige Weltranglistenerste Martina Navratilova auf Twitter. Vielleicht komme dabei der mentale und emotionale Aspekt dabei zu kurz.
Viel Zuspruch aus der Sportwelt
US-Tennisstar Serena Williams veranlassten Osakas Äußerungen sogar dazu, selbst Teile ihres Innenlebens offenzulegen: „Ich wünschte, ich könnte sie einfach umarmen – weil ich weiß, wie es sich anfühlt“, sagte die 23-fache Grand Slam-Siegerin am Rande der French Open in Paris. Sie selbst habe in ihrer Karriere ebenfalls schon solche Phasen erlebt und dabei die Unterstützung des direkten sozialen Umfelds schätzen gelernt. Auch Jungstar Cori Gauff wandte sich auf Twitter direkt an die Japanerin: „Ich bewundere deine Verwundbarkeit.“ Auch aus anderen Sportarten haben zahlreiche Athleten auf Osakas Schreiben reagiert: Unter anderem bestärkten Basketballstar Stephen Curry von den Golden State Warriors oder Sprint-Olympiasieger Usain Bolt die aktuelle Nummer zwei der Tenniswelt in den sozialen Netzwerken in ihrem Schritt, ihre seelischen Probleme nicht länger für sich zu behalten.
Aus Sicht des Sportpsychologen Oliver Stoll von der Universität Halle kann die Bedeutung von Osakas Statement kaum hoch genug eingeschätzt werden. „Das war ein wirklich mutiges und wichtiges Ausrufezeichen, das so im Leistungssport bisher noch niemand gesetzt hat.“ Seit vielen Jahren ist Stoll schon als sportpsychologischer Berater tätig, zuletzt unter anderem für den Deutschen Schwimm-Verband. Zwar erlebe er einerseits, dass immer mehr Sportler psychologische Hilfe in Anspruch nehmen würden. „Aber andererseits ist es nach wie vor ein großes Tabuthema, das viele nicht nach außen in die Öffentlichkeit tragen wollen“, sagt Stoll.
Psychische Probleme werden oft verschwiegen
Auch Marion Sulprizio sieht noch viel Nachholbedarf im Umgang mit psychischen Reaktionen im Leistungssport. Die Diplompsychologin leitet die Initiative „Mental Gestärkt“ an der Deutschen Sporthochschule Köln, die nach dem Suizid des Fußball-Torhüters Robert Enke im Jahr 2011 ins Leben gerufen wurde. In Kooperation mit verschiedenen Stiftungen hat sich die Initiative das Ziel gesetzt, die psychische Gesundheit von Spitzensportlern zu erhalten oder wieder zu erreichen. „Es ist leider noch immer verpönt, im Leistungssport Schwäche zu zeigen und zuzulassen“, sagt Sulprizio.
Die Vorsilbe „Psycho“ werde nach wie vor stigmatisiert und vorwiegend mit unheilbaren Geisteskrankheiten assoziiert. Man müsse deshalb von einer hohen Dunkelziffer ausgehen – Sulprizio spricht von „Cover-Diagnosen“: Sie geht davon aus, dass viele Sportler ihre mentalen Probleme nicht an die Öffentlichkeit tragen und stattdessen einen anderen Ausfallgrund vorschieben: „Dann ist jemand eben mal ein halbes Jahr mit Rückenschmerzen raus, obwohl in Wahrheit seelische Probleme dahinterstecken.“
Osaka will auf die Tennistour zurückkehren
Dabei sei ein offener Umgang mit psychischem Druck im Leistungssport wichtiger denn je. „Seit dem Aufkommen der sozialen Medien stehen Athletinnen und Athleten nochmals deutlich stärker als zuvor in der Öffentlichkeit“, betont Marion Sulprizio. Ein verschossener Elfmeter, zwei Doppelfehler in Folge – nahezu alles werde im Netz aufgegriffen und kommentiert. Und das in aller Regel häufiger, schneller und oft auch verletzender als früher. „Den Einfluss von Cybermobbing im Spitzensport unterschätzen viele. Da passieren üble Sachen“, sagt die Psychologin. „Und alles ist sofort sichtbar.“ Es brauche deshalb mehr denn je ein stärkeres gesellschaftliches Umdenken, das auch Schwäche zulasse.
Naomi Osaka hat indessen bereits angekündigt, nach einer Pause auf die Tennistour zurückkehren zu wollen. „Es wäre wirklich toll, wenn sie das mit psychologischer Hilfe hinbekommen würde“, sagt Oliver Stoll. Damit könne die Japanerin zur Vorreiterin werden und auch Nachahmungseffekte im Leistungssport auslösen. „An der Zeit dafür wäre es auf jeden Fall.“