Rudolf Steiners umstrittene Konzepte haben bis heute Einfluss auf Waldorfschulen, Demeter-Landwirtschaft und Naturkosmetik. In Stuttgart wird dem Anthroposophen ein Festival gewidmet.
Rudolf Steiner verstarb am 30. März 1925. Anlässlich seines 100. Todestages findet auf dem Stuttgarter Schlossplatz ein Festival statt, das sich dem Wirken des Anthroposophen bis in die Gegenwart widmet. Naturkosmetik, Demeter-Landwirtschaft, Globuli, Waldorfschulen: Steiner hat ein beeindruckendes Erbe hinterlassen.
Er war ein geschäftstüchtiges Marketinggenie und – wenn man so will - der erste Influencer. Er hat eine Marke erfunden, die bis heute über Stuttgart hinaus einflussreich und gleichermaßen umstritten ist. Sein Geheimrezept: Er mischt eine Art sektiererische Religiosität mit Lifestyle-Aspekten für die gut verdienende Elite.
Wie schmeckt rhythmisierter Karottensaft?
Am Schlossplatz kann man an diesem Wochenende in einer kleinen Zeltstadt in die fremde und seltsam anmutende Welt von Steiner und seinen Anhängern eintauchen und erfahren, wie er Pädagogik, Pharmazie, Architektur und Medizin unter seinem spirituellen Weltbild reformierte. Es werden Workshops, Vorträge und Vorführungen angeboten, die um die Fragen kreisen, wie viel Anthroposophie in unserem modernen Verständnis von nachhaltiger Landwirtschaft steckt, was Waldorfpädagogik so besonders macht und warum Steiners Thesen immer noch von Bedeutung sind.
Und das mutet mitunter skurril an: So werden in einem Zelt Wasser und Karottensaft mit einem so genannten Rhythmixx-Gerät in Schwingung gebracht. Damit sollen Flüssigkeiten eine frische und belebende Wirkung bekommen. Wer das zuhause erleben will, muss 2.631,99 Euro für den Mixer ausgeben. Das beste Ergebnis soll mit bis zu 72 Umdrehungen pro Minute erreicht werden.
Das an Steiner interessierte Publikum, das man übrigens leicht an Wollwalk-Kleidung und Strickaccessoires ausmachen kann, lauscht gebannt und lässt sich alles erklären. Biobrot mit Demeter-Siegel, singende Kinder, wirbelndes Wasser - der Steinersche Kosmos wirkt teils kurios: Während in einem Zelt über die Zukunft der Demokratie philosophiert wird, grillt jemand nebenan Demeter-Würste. Zwei Zelte weiter kann man seinen Namen tanzen.
Man spürt, wie das ziemlich homogene Stuttgarter Publikum in den Bann der Esoterik gezogen wird. Es ist schließlich Bio! Man sieht kaum Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund, auch nicht in den Infozelten zur Waldorfpädagogik-Ausbildung, die in Stuttgart ihren Anfang nahm.
1200 Waldorfschulen weltweit
Vor mehr als 100 Jahren bat Emil Molt, Leiter der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, Steiner darum, ein Schulkonzept für die Kinder seiner Mitarbeiter zu entwickeln. 1919 wurde die erste Freie Waldorfschule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe gegründet und besteht noch heute. Laut dem Bund der Freien Waldorfschulen existieren mittlerweile weltweit mehr als 1.200 Waldorfschulen, davon etwa 200 in Deutschland. Doch Steiner prägte mehr als nur die Pädagogik. Auch die Drogeriekette dm, der Kosmetikhersteller Weleda sowie die Heilpädagogik wurzeln in Steiners anthroposophischem Gedankengut.
Zeitgleich, wenn auch unter ganz anderen Blickwinkeln, widmet sich das Stuttgarter Stadtpalais dem Wirken Rudolf Steiners. Dort ist noch bis 21. September die Sonderschau „Anthroposophie – Stuttgart. Waldorf. Globuli.“ zu sehen. Die kritische Ausstellung erzählt von den Ursprüngen der esoterischen Bewegung mit Fokus auf die Landeshauptstadt, die eine unglaubliche anthroposophische Dichte vorzuweisen hat. In Stuttgart existieren nämlich über 120 Orte, die einen Bezug zur Anthroposophie haben.
Die Ausstellung beleuchtet die einzelnen Praxisfelder kritisch und zeigt, dass die anthroposophischen Konzepte zwar oft als wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert werden, den wissenschaftlichen Maßstäben aber nicht standhalten. Das Problem: Es fehle vielen Anhängern die Fähigkeit zur Selbstkritik, sagt Stadtpalais-Ausstellungsleiter Yannik Nordwald. Statt einer sachlichen Auseinandersetzung mit kritischen Stimmen werden diese häufig nur zergliedert und widerlegt. „Als Wissenschaftler wünscht man sich mehr Offenheit und den Mut, sich auch mal von einer Idee Steiners zu lösen.“
2025 Steiner Jubiläum, Schlossplatz, Stuttgart-Mitte, 28.-30.3.
Anthroposophie – Stuttgart. Waldorf. Globuli, Stadtpalais, Stuttgart-Mitte, bis 21.9.