Wird der Wald zu stark „durchforstet“? Foto: Hans-Peter Kindsvater

Im Rot- und Schwarzwildpark wurde in den vergangenen Wochen kräftig gearbeitet. Nach Lesermeinung zu kräftig. Die Forstleute widersprechen. Sie schaffen Platz für den Juchtenkäfer.

In den Wald geht man, über den Wald spricht man, über den Wald streitet man. Insbesondere über den Umgang mit dem Wald. Ein Waldspaziergänger und Leser, Hans-Peter Kindsvater, hat sich mit einem persönlichen Waldzustandsbericht an die Redaktion gewandt, der massive Unzufriedenheit ausdrückt.

Grund sind die seit Jahresanfang laufenden Forstarbeiten im Rot- und Schwarzwildpark. Seiner Klage über einen seiner Ansicht nach schonungslosen Umgang mit dem Wald hat er Fotos beigefügt, die den „Ist-Zustand zwischen Bärensträßle und Forsthaus 1“ zeigen. Einen Zustand, den Hans-Peter Kindsvater als „brutal“ empfindet. Seine Stichwortsammlung liest sich so: „Ehemalige Waldwege von zwei bis drei Metern Breite wurden in sieben bis acht Meter breite Autobahnen verwandelt. Schneisen wurden links und rechts in den Wald hinein getrieben. Restholz liegt im ganzen Waldstück, teils angehäuft, meist ungeordnet.“ Sein Fazit: „Ein unglaublicher Zustand!“

Warum werden bestimmte Bäume entnommen?

„Der Wald ist für uns ein hohes Gut“ – Försterin Kathrin Klein. Foto: Judith A. Sägesser

Auf Anfrage nimmt Kathrin Klein, Försterin und Sprecherin des Forstbezirks Schönbuch, zu den „Durchforstungseinheiten im Rot- und Schwarzwildpark“ Stellung. Die Maßnahmen dienten vor allem „naturschutzfachlichen Zielen“, erläutert sie: „Es geht um die Lebensraumpflege für den Juchtenkäfer, einer europarechtlich streng geschützten Art und Leitart für viele weitere schützenswerte Tier- und Pflanzenarten“. Dafür würden im Rahmen eines eigens entwickelten Vorsorgekonzepts sogenannte Biotop-Bäume gefördert, um sie noch viele Jahrzehnte erhalten zu können, erklärt Klein.

Gleichzeitig würden junge Bäume als „Biotop-Baum-Anwärter“ ausgewählt. Diesen Bäumen gelte es, ausreichend Licht, Platz und Nährstoffe zu verschaffen, damit sie eine große Baumkrone entwickeln könnten. Dafür müssten Nachbarbäume weichen. Naturschutzbehörde und Umweltverbände sind laut Klein in diese Maßnahmen zum Schutz des Juchtenkäfers eng eingebunden. Die streng geschützten Juchtenkäfer, die fast ihr gesamtes Leben als „Eremiten“ in Baumhöhlen verbringen und in Zusammenhang mit Stuttgart 21 bundesweit Schlagzeilen machten, kommen im Rot- und Schwarzwildpark sowie im Pfaffenwald vor. Diese Gebiete sind als Fauna-Flora-Habitat (FFH-Schutzgebiete) ausgewiesen.

Gestapelte Stämme am Waldrand. Die Fachleute sprechen von „Poltern“. Foto: Kindsvater

Kritik am Umfang des Holzeinschlags entgegnet Försterin Klein mit dem Hinweis, dass die Holzernte in dem betreffenden Gebiet nur eine untergeordnete Rolle spiele: „Das Holz ist ein wertvolles, aber meist zufällig entstehendes Nebenprodukt aus den naturschutzfachlichen Zielsetzungen.“ Die entnommene Holzmenge liege „weit unter dem Holzzuwachs“. Klagen über „zu viel Einschlag“ bezeichnet Klein als rein subjektive Empfindungen. Sie seien meist darin begründet, „dass Baumfällungen generell nicht akzeptiert werden“. Menschen, die mit dem Thema Landnutzung nicht mehr vertraut seien, nähmen dies als Zerstörung von Natur war. Ein Phänomen, das der Försterin besonders in Stadtnähe begegnet und deutlich weniger auf dem Land.

Entstehen „Autobahnen“ im Wald?

Unschöner Anblick: Reifenabdrücke im Matsch. Für Forstleute ist das ein „temporäres Thema“. Foto: Kindsvater

Und was ist mit den durch die Forstmaschinen aufgewühlten Wege im Wald? Klein bestätigt: „Je nach Wetterlage sind die Spuren der Maschinen an den Waldwegen sichtbar.“ Hier bitte man um Verständnis und Akzeptanz. Kleinflächige und oberflächlich matschige Stelle im Wald müssten zumutbar sein. „Diese sind temporär und stellen keine Beeinträchtigung zur Nutzung der Weges dar.“ Dass durch die Waldarbeiten „Autobahnen“ entstehen würden, weist die Sprecherin des Forstbezirks zurück. Es sei üblich, den Weg und das dazugehörige Bankett nach Abschluss der Arbeiten „abzuziehen“, also vom Matsch und Dreck zu befreien und das Wegeprofil zur Wasserableitung herzustellen. „Das wird extra für Waldbesucher gemacht“, betont Klein. Im Anschluss werde auf den Waldwegen Splitt ausgebracht. Mit Start der Vegetationszeit würden sich die Wegränder begrünen und die „Autobahnen“ verschwinden. Derzeit sind laut Klein noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen. Man nähere sich jedoch dem Ende.

Muss das Restholz im Wald bleiben?

Eine „Rückegasse“ im Wald. Laut Forst BW ist diese Gasse in einwandfreiem Zustand. Foto: Kindsvater

Ein weiterer Kritikpunkt von Waldspaziergänger Kindsvater sind die in den Wald geschlagenen „Schneisen“. Försterin Klein spricht von „Rückegassen“. Über diese Gassen würden gefällte Bäume aus dem Wald transportiert. „Sie gehören zur forstlichen Erschließung“, sagt Klein. Auf dem restlichen Waldboden – etwa 90 Prozent der Waldfläche – dürfe nicht gefahren werden. Auch auf die Kritik an dem „ungeordnet herumliegenden Restholz reagiert die Sprecherin: „Dieses Holz muss aus ökologischen Gründen im Wald verbleiben. Zum einen als Totholz, zum anderen werden bei der Zersetzung wieder Nährstoffe in den Nährstoff-Kreislauf zurückgegeben.“

Im Wald also alles im grünen Bereich? Kathrin Klein zeigt Verständnis für Kritik: „Ich kann gut nachvollziehen, dass der Wald direkt nach einer Durchforstung nicht schön aussieht und das ästhetische Empfinden stört.“ Den Forstleuten sei bewusst, dass dem Wald eine bedeutende Rolle für die Erholung und Freizeitgestaltung zukomme. Dafür werde auch viel getan. Es sei jedoch unmöglich, einen Wald ohne sichtbare Spuren zu pflegen und zu bewirtschaften: „Wir planen sorgfältig und arbeiten mit hohen betrieblichen sowie gesetzlichen Standards und Richtlinien“, versichert Klein: „Der Wald mit all seinen Facetten ist auch für uns Forstleute ein hohes Gut.“