Nach mehreren Versuchen trifft auch EZ-Redakteur Sigor Paesler (Mitte) durch den Ring. Profi Tim Koch (links), Coach Michael Haidle und andere Trainingsteilnehmer beobachten die Szene. Foto: Rudel - Rudel

Eine Trainingsstunde mit dem BV Hellas Esslingen, dem VfK Esslingen und Kirchheim-Knights-Profi Tim Koch.

EsslingenDer Korb kommt immer näher. Wobei es genau genommen ich bin, der dem Korb immer näher kommt. Plötzlich bin ich fast direkt unter ihm und es ist viel zu steil, um den Ball so zu werfen, dass er durch das Netz flutscht. 3,05 Meter können ganz schön hoch sein. „Du bist zu schnell, du musst softer werfen“, sagt Michael Haidle. Wenn es nur so einfach wäre. Aber Michael Haidle muss es wissen. Der Heidelberger ist Rollstuhlbasketball-Coach. Und ich soll Korbleger üben. Wobei das mit dem Legen so eine Sache ist. Zwei Schritte, springen, legen, treffen, freuen – so kenne ich das. Aber ich sitze. Im Rollstuhl. So wie einige andere, vor allem Jugendliche, die auf Einladung des BV Hellas Esslingen und des VfK Esslingen zum 4. Rollstuhlbasketball-Event in die Neckarsporthalle gekommen sind.

Mit dabei sind Sportler, die wie ich sonst zu Fuß unterwegs sind, und welche, die auch im Alltag im Rollstuhl sitzen. Die haben bei der Beherrschung des Sportgeräts, als solches bezeichnet Michael Haidle den Basketball-Rollstuhl, natürlich einen Vorteil.

Die Hände haben viel zu tun

Einen Vorteil hat auch Tim Koch. Er muss sich an das Rollen zwar auch gewöhnen, trotzdem trifft er fast aus allen Lagen. Koch ist Basketball-Profi beim Zweitligisten Kirchheim Knights, er hat auch schon für die Riesen Ludwigsburg in der Bundesliga gespielt. „Wir machen im Training auch manchmal Wurfübungen im Sitzen, um uns ganz auf die Technik und das Handgelenk zu konzentrieren“, erzählt Koch. Aber da rollen die Kirchheimer Basketballer nicht. „Was wir sonst ganz automatisch mit den Beinen machen, müssen jetzt auch die Hände erledigen“, sagt er.

Bevor uns Trainer Haidle einen Ball gibt, müssen wir lernen, mit dem Rollstuhl umzugehen. Er ist eine Spezialanfertigung, um die 2000 Euro kostet einer. Auffällig sind die schräg stehenden Reifen und drei kleine Rädchen, die von einem Waveboard stammen könnten. So der äußere Eindruck. Sitzt man, fällt auf: Das Ding ist kaum geradeaus zu halten. Das ist der Preis für die enorme Wendigkeit. Und schnell ist der Spezialrollstuhl auch. Es müssen besonders leichtlaufende Lager verbaut sein. „Da ist man ganz schön wackelig unterwegs“, findet auch Koch.

Vorwärts fahren, rückwärts fahren, wenden. Bei einer Übung muss ich zuerst Tim ziehen und dann er mich. „Das ist für die Kraft“, erklärt Michael Haidle. Beim Wenden komme ich immer wieder mit anderen ins Gehege. Das mit der Rollstuhlbeherrschung klappt leidlich.

Dann endlich mit dem Ball. Die besagte Korbleger-Übung. Zwei Mal Anschieben darf man, dann muss geprellt werden. Aber Haidle drückt ein Auge zu. Das Problem: Wenn ich den Ball vom Schoß in beide Hände nehme und werfen will, kann ich nicht mehr bremsen. Und nicht mehr lenken. „Kannst du doch“, sagt Haidle. Tim spitzt die Ohren. „Versucht es mal mit dem Rumpf“, erklärt der Coach und deutet an, was zu tun ist. Tatsächlich, es klappt. Noch nicht richtig gut. Aber ich bekomme eine Ahnung davon, was mit Training zu erreichen ist. „Es ist erstaunlich, man schafft es sogar, sich so um die eigene Achse zu drehen“, sagt Tim.

Die Koordination zwischen Rollen und Werfen bleibt eine große Herausforderung. Aber auch das ist trainierbar, glaube ich. Immerhin dürfen in Rollstuhlbasketball-Teams auch Fußgänger mitspielen. Die Teams werden nach einem Klassifizierungssystem der verschiedener Behindertengrade ausgeglichen zusammengestellt.

Konzentration ist gefragt

Deutlich meldet sich der Ehrgeiz. Es muss doch zu schaffen sein. Endlich, Tim hat schon einen Wurf nach dem anderen versenkt, klappt es auch bei mir. Yeah. Michael Haidle grinst. „Ihr habt es noch nicht mit Gegenspielern versucht.“ Das ist ja durchaus auch beim Fußgänger-Basketball das Problem. Ohne Bedrängnis trifft ja jeder. Naja, nicht immer. Nicht einmal Tim. „Da muss man sich richtig konzentrieren: Werfen, rückwärts rollen, verteidigen. Respekt vor denen, die das richtig können“, sagt Tim. Er kann es schon ganz gut. Auch ich habe zumindest ein Gefühl für die Sportart Rollstuhlbasketball bekommen. Es hat großen Spaß gemacht. „Es war extrem interessant“, sagt auch Kirchheim-Profi Tim Koch und versichert, dass er es mal wieder versuchen will. Damit einem der Korb irgendwann nicht mehr ganz so hoch vorkommt.

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