Auch immaterielle Werte machen nachhaltig reich, zeigen die aktuellen Rechteverkäufe von Pop- und Rockstars wie Shakira, Neil Young oder Bob Dylan.
Stuttgart - Musik ist für alle da. Laut der Hardrocker von Kiss gehört sogar die einst als Teufelszeug verschriene Spielart namens Rock’n’Roll zu den Gottesgeschenken, die das Dasein im irdischen Jammertal erst erträglich machen. Ob nun gottgegeben oder nicht; Musikerinnen und Musiker leben nicht von der Liebe ihrer Fans allein, sondern wollen ihre immaterielle Kunst in harter Währung bezahlt haben. Idealistische Zuhörer mussten sich schon etwa um 1959 vom selbstbewussten R&B-Künstler Barrett Strong anhören: „Money (that´s what I want!)“. Und Joan Jett röhrte 1981 mit ihren Jungs von den Blackhearts unmissverständlich: „I love Rock’n’Roll/So put another Dime in the Jukebox, Baby!“
Manche Mitgröl-Songs begeistern die Massen auch noch 50 Jahre später
Der Name Joan Jett ist heute nur noch wenigen geläufig, wie die Tatsache, dass der Song „I love Rock’n’Roll“ von zwei Musikern der 1973 in England entdeckten Teenieband „The Arrows“ geschrieben wurde. Das zum Mitgrölen in der Kneipe prädestinierte Stück begeistert dagegen noch fast fünfzig Jahre nach seiner Niederschrift in diversen Versionen von unter anderem Britney Spears oder dem Elektroduo Alex Gaudino und Jason Rooney eine diverse Hörerschaft.
Es wäre spannend zu erfahren, wie sich der monetäre Wert des Songs in den vergangenen Dekaden mit jeder neuen Version, jeder Hommage und jedem Sample verändert hat und wie viel Geld er in die Kassen der in ihrer aktiven Zeit eher bescheiden erfolgreichen Arrows-Mitglieder gespült hat.
Wie kostbar Liedgut tatsächlich sein kann, hat sich in den letzten Wochen allerdings anhand spektakulärer Rechteverkäufe von Rock- und Popgrößen wie Bob Dylan, Neil Young und Shakira gezeigt.
Fans beklagen, ihre Helden verkaufen ihre Seele
Für Brancheninsider handelt es sich um ökonomische Wegmarken, Fans beklagen mitunter, ihre Helden betrieben den eigenen, künstlerischen Ausverkauf. Denjenigen, die weder der einen, noch der anderen Fraktion angehören, erscheinen solche Deals mit einem Volumen von geschätzten 300 Millionen US-Dollar wie im Fall von Bob Dylan vor allem wahnwitzig und abstrakt. Nicht anders als im Fall eines Kunstverkaufs, wenn ein Auktionshaus einen Rembrandt, Gauguin, Picasso oder Warhol für Märchensummen versteigert. Doch anders als beim Verkauf eines materiellen Artefakts, das im Tresor eines anonymen Privatanlegers verschwindet, bis es nach Jahren erneuter Wertsteigerung an einen noch wohlhabenderen Kunden veräußert wird, rauscht Musik auch nach der Veräußerung von Rechten mehr oder weniger frei durch den Äther; auf physischen Datenträgern oder als Download im Internet, im Radio, in Werbespots und Kinofilmen, in Schulen, Vereinen und bei privaten Festen, interpretiert von mehr oder weniger versierten Laien und Profis.
Bob Dylan hat lediglich seine Verlagsrechte veräußert
Wie lässt sich Musik als Geldanlage auswerten, wenn sie allseits verfügbar ist und nicht als materielles Unikat der Allgemeinheit entzogen werden kann? – Die Antwort ist einfach: Gerade weil viele Menschen Stücke wie Dylans „Like a rolling Stone“, Neil Youngs „Rockin´ in the free World“ oder Shakiras „Waka Waka (this Time for Africa)“ selbst Jahrzehnte nach ihrer Ersterscheinung hören wollen und die Stücke noch kennen, wenn ihre Urheber der Vergessenheit entgegen driften, sind sie wertvoll.
Das zeigt Dylans Teilverkauf seiner Rechte eindrucksvoll. Im Gegensatz zu Shakira, die 100 Prozent ihrer Rechte, einschließlich Verlags- und Autorenanteil an den Einnahmen, verkauft hat, veräußerte Dylan lediglich seine Verlagsrechte, jedoch nicht die an seinen eigenen Aufnahmen. Wenn also zukünftig ein Dylan-Stück neu interpretiert oder im Rahmen einer Theateraufführung oder eines Films verwendet wird, verdient nicht mehr Dylan daran, sondern der Käufer der Rechte, die Universal Music Group.
Lukrative Deals für Stars – und die Universal
Auch die mechanischen Rechte, die beim Verkauf von Tonträgern wie CDs oder beim Musikstreaming greifen, fallen an Universal. „Ein Lied von Neil Young oder Blondie, das seit 40 Jahren Geld abwirft, ist mindestens so sicher wie eine Anleihe aus der Chemieindustrie“, bekräftigte etwa Hartwig Masuch, Chef der Bertelsmann-Musikrechtedivision BMG Rights Management, die nachhaltig lukrativen Aussichten solcher Deals kürzlich gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Deshalb hat Dylan wohl auch Rechte an seinen ikonischen Originaleinspielungen von Songs wie „Mr. Tambourine Man“ behalten, die ihm weiterhin Einnahmen abseits des Universal-Deals bescheren.
Wer dem Singer-Songwriter und Literaturnobelpreisträger nun vorwerfen will, er habe sein kreatives Erbe an den Meistbietenden verkauft und die eigene künstlerische Glaubwürdigkeit gleich mit, verkennt naiv, dass Dylan schon lange ein großer Player im Rockzirkus gewesen ist und mit 79 Jahren vielleicht ein Stück der Verwaltungslast seines Oeuvres abgeben will. Hinzu kommt möglicherweise die Sorge um den künstlerischen Nachlass. Für Dylan und seinen 75-jährigen Kollegen Neil Young ist es womöglich angenehmer, den Teufel zu kennen, dem man die Verwaltungshoheit über das Werk gibt, als sich spätestens auf dem Sterbebett mit ungeklärten Erbfragen zu quälen.
„Sobald ein Song der Welt gehört – gehört er nicht mehr mir“
Zum Kontrollverlust, den solch ein Verkauf mit sich bringen könnte, erklärte Shakira in einem Statement zu ihrem Abschluss mit dem britischen Investment-Fond Hipgnosis Songs Fund: „Jeder Song ist eine Reflexion der Person, die ich zu der Zeit war, als ich ihn schrieb, aber sobald ein Song in der Welt ist, gehört er nicht nur mir, sondern auch denjenigen, die ihn schätzen.“
Merck Mercuriadis, Gründer von Hipgnosis und ehemals Manager von Künstlern wie Beyoncé Knowles, den Pet Shop Boys oder Mick Fleetwood, bewies seine Wertschätzung, indem er Shakira eine bislang unbekannt hohe Summe überwies und auf seinem Twitter-Account jubelte: „Welcome to the Hipgnosis-Family @ Shakira! (…) Was niemand für selbstverständlich halten sollte, ist, dass Shakira eine der ernsthaftesten und erfolgreichsten Songwriterinnen der letzten 25 Jahre ist, die praktisch jeden Song, den sie jemals aufgenommen hat, geschrieben oder mitgeschrieben hat.“
Müssen Frauen im Pop-Biz noch mehr als Männer an ihre Altersvorsorge denken?
Es ist vielleicht diese Mischung aus finanzieller und zumindest nach außen glaubwürdig vermittelter persönlicher Wertschätzung, die die noch vergleichsweise junge Künstlerin bewogen haben könnte, an Hipgnosis zu verkaufen. Oder das Bewusstsein, dass Frauen im Pop-Biz schneller altern als ihre männlichen Kollegen und daher früher an eine Altersvorsorge denken müssen. Die Rechte an neuen Kompositionen behält die als Solokünstlerin zuletzt weniger präsente 43-Jährige für sich. Man weiß nie, was die in der Zukunft einmal wert sein könnten.
Popsongs als Geldmaschine
Firma
Erst seit 2018 am Markt, gehört der vom Musikmanager Merck Mercuriadis gegründete, etwa 1,7 Milliarden US-Dollar schwere Hipgnosis Songs Fund zu den großen Geschäftemachern der Branche. Zum Portfolio zählen Künstler und Künstlerinnen wie Barry Manilow, Blondie, Steve Winwood, RZA und Enrique Iglesias. Der Fond ist auf der als Steueroase geltenden britischen Kanalinsel Guernsey registriert.
Deals
Der Handel mit Musikrechten ist kein neues Geschäftsmodell, schon 1985 erwarb Michael Jackson für 47,5 Millionen US-Dollar einen Katalog, der unter anderem Rechte an Songs der Beatles enthielt nach Jacksons Tod verkauften dessen Erben einen Teil des Katalogs für 750 Millionen US-Dollar an Sony – eine eindrucksvolle Wertsteigerung.
Songs
Obwohl Rockstars viel Geld verdienen, setzen sie sich in ihren Liedern meist kritisch mit dem schnöden Mammon auseinander. The Smiths etwa beschrieben in „Paint a vulgar Picture“ (1987), wie ein Rockstar nach seinem Tod von raffgierigen Geschäftemachern gefleddert wird. Shania Twain prangerte in „Ka-Ching!“ (2002) die menschliche Gier an, während Janis Joplin sich augenzwickernd einen „Mercedes Benz“ (1970) vom lieben Gott wünschte.