Robin Hecker wollte keine Arbeit für den Papierkorb schreiben. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Von Claudia Bitzer

Esslingen - Wer sich in den vergangenen Wochen über einen jungen Mann gewundert hat, der am Schurwaldrand Rauchpatronen gezündet oder über Krummenacker einen Ballon hat aufsteigen lassen, der hat bestimmt Robin Hecker gesehen. Bei dem 24-Jährigen handelt es sich aber beileibe um keine windige Gestalt, auch wenn er den Luftströmungen auf der Spur ist. Der Student der Katholischen Universität Eichstätt untersucht vielmehr die „Kaltluftbahnen in Esslingen unter Berücksichtigung der Siedlungsentwicklung“. So jedenfalls lautet der grobe Arbeitstitel seiner Masterarbeit.
Robin Hecker ist nicht aus Esslingen, sondern aus Tiefenbronn bei Pforzheim. Das ist schon mal gut so. Der 24-Jährige ist auch kein Mitarbeiter eines Ingenieurbüros, sondern beendet mit dieser Abschlussarbeit sein Studium Umweltprozesse und Naturgefahren an der Katholischen Universität Eichstätt. Auch das ist gut so.
Denn wer in den vergangenen Jahren untersucht hat, wie sich neue Wohngebiete auf die Durchlüftung Esslingens auswirken könnten, hat das gegen Geld getan. Und hat sich damit automatisch auch dem Verdacht ausgesetzt gesehen, die vom jeweiligen Auftraggeber gewünschten Ergebnisse zu liefern. Man denke nur an den Gutachterstreit zur Bebauung des Greuts.
Hecker ist nicht naiv, aber deutlich unbelasteter: „Ich weiß zwar grob, was die Probleme hier in Esslingen sind. Aber ich bin ergebnisoffen an meine Arbeit herangegangen.“ Er wollte unbedingt ein Klimathema machen und seine Dozentin hatte persönliche Kontakte ins Esslinger Stadtplanungsamt. „Da hat er sich ein gutes Thema ausgesucht. Wir haben großes Interesse an der Durchlüftungsthematik“, erzählt Katja Walther vom Sachgebiet Nachhaltigkeit und Klimaschutz. „Aber die Idee stammt von ihm.“ Die Stadt unterstützt ihn beziehungsweise die Uni Eichstätt finanziell nur bei der Hardware, die er für seine Untersuchungen braucht.
Heckers Forschungsgegenstand sind die Kaltluftbahnen vom Schurwald hinunter in die Kernstadt in Bezug auf ihre Höhe, also Mächtigkeit, und ihre Geschwindigkeit. Und er weiß um das Problem, dass im Ballungsraum Stuttgart mehr Wohnraum geschaffen werden muss – was durch die Tallage auch Probleme verursacht: Mit dem Hitzestau steigt nicht nur die Temperatur, sondern meist auch die Schadstoffbelastung. So geht es ihm neben der Dokumentation des Esslinger Ist-Zustands auch um einen Vergleich mit dem Siedlungsbestand von 1984 und um eine Prognose, wie die Belastung bei Realisierung des neuen Flächennutzungsplans 2030 aussehen würde.
Im Esslinger Norden sind es vor allem das Geiselbachtal und das Hainbachtal, durch die Frischluft aus den Kaltluftentstehungsgebieten in die Stadt zieht. Auf dem Schurwald, auf den Wiesen und anderen unverbauten Flächen erwärmt sich die Luft tagsüber nichts so stark wie im Betonmoloch im Tal. In der Stadt kühlt es nachts auch nicht so stark ab, weshalb sich die kalte Luft aus den Höhen ihren Weg ins Tal sucht. Stößt sie dabei auf ein neues Wohngebiet, wird sie erwärmt, und blockiert.
Hecker hat für seine Untersuchungen ein physikalisches Modell des Deutschen Wetterdiensts genommen, in das er die topografischen Daten der Esslinger Markung und die jeweilige Nutzung des entsprechenden Geländes eingepflegt hat. Dieses Modell zeigt für jeden Punkt, der in natura 30 auf 30 Meter groß ist – die Höhe der Kaltluft und ihre Geschwindigkeit.
Mit verschiedenen Versuchen hat er in den vergangenen Wochen ausgetestet, ob dieses Modell auch die Wirklichkeit wiedergibt. Mit den Rauchpatronen hat er zum Beispiel bei der Katharinenlinde und beim Segelflugplatz an der Römerstraße die Windscheide ausfindig gemacht. Sprich: untersucht, auf welchem Scheitelpunkt des Höhenzugs der Wind ins Neckartal oder in die andere Richtung bläst. Mit einem Messgerät auf einem Stativ hat er weiterhin Windstärken, Windrichtung und Temperaturen am Ebershaldenfriedhof, in einem Seitental des Hainbachtals und an der Gollenstraße oberhalb des Greuts untersucht – „überall dort, wo die höchsten Kaltluftströme fließen“.
Zudem ließ er nachts und in den frühen Morgenstunden einen 80 Zentimeter dicken Heliumballon mit einem kleinen Gerät aufsteigen, das sekündlich die Temperatur gemessen hat. Befestigt war alles an einer 130 Meter langen Angelschnur in einer Kabeltonne. Die Umdrehungen der Tonne lieferten ihm die jeweiligen Höhendaten des Ballons, sodass er die Kaltlufthöhe ermitteln konnte.
Derzeit sitzt er über der Auswertung seiner Versuchsergebnisse – also noch an den Voraussetzungen für den spannenden Vergleich von heute mit damals und morgen. Ob aus seinen Ergebnissen gegebenenfalls Konsequenzen gezogen werden, weiß er nicht. Hecker: „Der Gemeinderat will sich die Arbeit schon anschauen, ich werde sie auch vorstellen. Ich finde also auf jeden Fall Gehör. Was die Stadt dann daraus macht, ist ihre Sache.“

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